Birkenfeld
Birkenfeld -  18.05.2026
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Chopard-Chef Scheufele: „Handwerk lässt sich nicht so leicht ersetzen“

Pforzheim. An der Luxusbranche scheint die Krise stets abzuperlen wie das Wasser auf einem Lotusblatt: Die kaufkräftige Kundschaft muss in schwierigen Zeiten den Gürtel nicht enger schnallen. Doch in der aktuellen Gemengelage aus Krieg und Inflation dämpft das Wachstum. Mittendrin ist Chopard, eine Schmuck- und Uhrenmanufaktur mit Wurzeln in der Region, die ausgerechnet jetzt in der Stuttgarter Nobelstraße Stiftstraße eine Boutique eröffnet hat. ChopardCo-Chef Karl-Friedrich Scheufele erklärt im PZ-Interview, was ihn zuversichtlich stimmt. Ein Ortsbesuch zwischen Samtsofa, Luxusuhren und Diamantringen.

Chopard Boutique Grand Opening In Stuttgart
Blicken zuversichtlich in die Zukunft: Karl-Friedrich Scheufele, Co-President Chopard mit seiner Ehefrau Christine Scheufele. Foto: Franziska Krug/Chopard via Getty Image

PZ: Herr Scheufele, Sie sind gelernter Goldschmied. Wann standen Sie das letzte Mal in der Werkstatt?

Karl-Friedrich Scheufele: Ich habe in der Tat eine verkürzte Goldschmiedelehre absolviert, aber in der Werkstatt stand ich natürlich schon längere Zeit nicht mehr. Unsere Kunsthandwerker und unsere Werkstätten haben mich schon immer fasziniert. Als Firma unterstützen wir die Ausbildung in der Uhrmacherei, aber auch in der Goldschmiedekunst und in anderen Berufen. Wir haben in der Schweiz und in Pforzheim/Birkenfeld über 45 Auszubildende in verschiedenen Handwerksberufen – auch in der Feinmechanik.

Finden Sie genügend junge Menschen für diese Berufe?

Wir haben in den letzten Jahren gemerkt, dass viele junge Leute Interesse an den Ausbildungsberufen haben, die wir anbieten. Das Interesse ist eine Sache, aber man muss natürlich auch die richtige Einstellung und ein bisschen Talent mitbringen. Die meisten dieser Berufe verlangen Geduld und Stehvermögen. Bis man die Fertigkeit ein bisschen beherrscht und auch Freude daran hat, ein Schmuckstück zu kreieren und zu fertigen, vergeht Zeit. Ich erinnere mich an meine Goldschmiedelehre: Richtig sägen und feilen zu lernen, kann manchmal etwas eintönig sein.

Könnte Künstliche Intelligenz eine Hilfe sein, wenn Handwerksberufe nicht mehr nachbesetzt werden können?

Die Künstliche Intelligenz spaltet die Welt. Ich glaube aber, dass gerade Handwerksberufe eine große Chance haben, weil diese Tätigkeiten nicht so leicht ersetzt werden können. Gott sei Dank! Es ist auch etwas, was die Kunden sehr schätzen. Und die Kunden sind begeisterungsfähig, wenn es um Handwerksberufe geht.

Spielt Handwerk bei Kunden heute eine größere Rolle?

Ich würde sagen: ja. Weil Kunden heute mehr als früher wissen möchten, wie ihre Uhr, ihr Schmuckstück oder ihre Handtasche angefertigt wurde. Und dann gerät man doch manchmal ins Staunen, wenn man feststellt, wie viel Handarbeit darin steckt und wie viel Zeit es gebraucht hat, das gute Stück anzufertigen.

Sie haben rund 2000 Mitarbeiter weltweit. Wie viele davon sind im Handwerk oder in der Produktion tätig?

Etwas mehr als die Hälfte. Neben unseren Produktionsstandorten in Genf, Fleurier und natürlich Pforzheim/Birkenfeld gibt es auch eine Firma, die zum Beispiel Zifferblätter herstellt, in Le Locle im Schweizer Kanton Neuchâtel. Dort arbeiten etwa 180 Mitarbeiter, ebenfalls viele in handwerklichen Berufen.

Der Hauptsitz von Chopard ist heute in Genf, aber den Standort Birkenfeld, Ihre Heimatstadt, gibt es nach wie vor. Halten Sie an diesem fest?

Wir glauben an den Standort Pforzheim/Birkenfeld, weil wir dort sehr fähige Mitarbeiter haben, insbesondere in der Schmuckverarbeitung. Außerdem gibt es in Pforzheim nach wie vor eine Tradition – etwa mit der Goldschmiede- und Uhrmacherschule. Aber man muss grundsätzlich Sorge tragen, dass diese Berufe weiterhin die Ausbildung erfahren, die gebraucht wird. Ein Unternehmen allein kann nicht die ganze Verantwortung tragen.

Die Energiepreise und die Lohnkosten steigen. Warum lohnt sich dennoch die Produktion in Europa?

Die Expertise, die Fertigungstiefe und die vielen Berufe, die glücklicherweise in unserer Firma vereint sind, findet man nicht unbedingt woanders – und nicht in dieser Qualität. Für uns ist das vielleicht teilweise auch eine Frage des Prinzips. Wir glauben, dass wir in diesem geografischen Rahmen weiterhin erfolgreich produzieren können. Und unsere Kunden schätzen das.

Wer sind denn heute Ihre Kunden?

Das ist vielschichtig. Wir haben Schmuckstücke in einer Einstiegspreislage, etwa Happy Diamonds oder Ice Cube, die eine jüngere Kundschaft ansprechen. Daneben gibt es Haute Joaillerie, also wirkliche Prunkstücke für Kunden, die besondere Einzelanfertigungen schätzen. Bei den Uhren ist es ähnlich: von der Mille-Miglia-Kollektion und Happy Sport bis hin zu hochwertigen mechanischen Zeitmessern aus der L.U.C-Kollektion. Diese spricht wiederum Uhrensammler an.

Mitten in einer wirtschaftlichen Krise eine Luxus-Boutique zu eröffnen – ist das Mut oder Kalkül?

Das heißt zunächst einmal, dass wir weiterhin an die Zukunft unserer Industrie glauben. Und zweitens, dass die Welt der Uhren und Schmuckstücke ziemlich resilient ist. Wir sind ja weltweit vertreten. Im Moment haben wir eine besoders heikle Konstellation mit Zollstreitigkeiten, Iran-Krieg und einem asiatischen Markt, der leidet. Trotz allem: Vor ein paar Wochen war die „Watches and Wonders“ in Genf, und sie ist besser verlaufen, als wir dachten. Das gibt uns Zuversicht und Mut. Ich glaube auch, dass unsere Industrie noch Möglichkeiten hat zu wachsen. Im Moment müssen wir natürlich mit viel Vorsicht und trotzdem Zuversicht flexibel agieren.

Das heißt, einschneidende Maßnahmen waren nicht nötig?

Wir mussten mit Sicherheit auch etwas sparen – aber das kennt man ja in Baden-Württemberg. Gleichzeitig haben wir weiter investiert, auch in unsere Produktionsbetriebe und in den Vertrieb, wie wir es hier tun. Diese neue Boutique ist mit unserem langjährigen Partner in Stuttgart, dem Juwelier Kutter, ebenfalls ein Familienunternehmen, entstanden.

Baden-Baden gilt als Sinnbild für Luxus.Warum hat Chopard die Boutique dort aufgegeben?

Wir hatten eine Boutique in den Kurhaus-Kolonnaden – sie war allerdings nur saisonal offen. Nachdem unser Partner, die Juwelierfamilie Degenhardt, ihre Firma verkauft hat, haben wir die Boutique geschlossen. Auch die ganze Konstellation in Baden-Baden hat sich verändert.

Hermès ist gegangen, nun auch Longchamp. Hat Baden-Baden an Strahlkraft verloren?

Leider. Wenn Geschäfte schließen, dann macht es für uns auch keinen Sinn mehr, dort zu bleiben. Das kann man nicht mit einem Standort wie Stuttgart vergleichen. Wir hatten zum Beispiel eine Boutique in Köln vor dem Dom. Aber leider hat sich dort das Umfeld nicht zum Besseren entwickelt. Dann haben wir beschlossen, nach Düsseldorf umzuziehen. Das war mit Sicherheit die richtige Entscheidung.

Warum haben Sie sich für Stuttgart entschieden?

Wir glauben an Baden-Württemberg als Ganzes und an die Stadt Stuttgart insbesondere. Die Gegend beheimatet viele wichtige Unternehmen. Es ist bekanntermaßen eine der wichtigsten Wirtschaftsregionen Deutschlands. Die nächste große Stadt mit Einkaufserlebnis ist München. Deswegen ist Stuttgart mit der Zeit interessanter geworden. Nicht zuletzt: Sie sehen ja, wir sind nicht die Einzigen hier in der Stiftstraße.

Sie sprechen von nachhaltigem Luxus. Das klingt ein bisschen widersprüchlich.

Nachhaltiger Luxus bezieht sich bei uns insbesondere auf das Gold, das wir verwenden. Es ist ethisches Gold – und es geht auch um die Art und Weise, wie wir unsere Edelsteine einkaufen. Aber auch um Dinge wie unsere Gebäude: Wir versuchen, sie beim Energieverbrauch auf dem neuesten Stand zu halten. Dazu kommt eine ganze Reihe weiterer Maßnahmen, die noch lange nicht abgeschlossen sind.

Mit ihrem Sohn ist die nächste Generation im Unternehmen. Ist das auch ein Einfluss, Dinge anders zu machen?

Seit mein Sohn im Unternehmen ist, bringt er mit Sicherheit seine Ideen ein. Und die nehmen wir auch ernst. Karl-Fritz war beispielsweise mitverantwortlich dafür, dass wir die Alpine-Eagle-Kollektion vorgestellt haben. Er war fest überzeugt, dass wir deren Vorgänger, die St.-Moritz-Uhr, wieder aufleben lassen sollten. Ich war zu Beginn nicht der gleichen Meinung. Mein Argument war, dass wir ja schon zu viele Kollektionen im Angebot hatten …. Dann hat er sich mit meinem Vater zusammengetan, und ich war überstimmt.

Und er lag richtig?

Im Nachhinein lag er richtig. Schon früher, als die Kinder noch in der Schule waren, haben wir uns natürlich mit meiner Frau zu Hause über Chopard unterhalten. Somit haben die Kinder auch immer vieles mitbekommen. So zum Beispiel zum Thema Nachhaltigkeit – das waren Dinge, die die Kinder in der Schule sehr beschäftigt haben.

Wie behaupten Sie sich als Familienunternehmen gegenüber Luxuskonzernen?

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, möglichst als Familienunternehmen weiterzubestehen. Ich glaube, es ist in unserem Bereich sogar ein Pluspunkt. Viele Kunden und Mitarbeiter können sich eher mit einer Marke identifizieren, wenn sie wissen: Da gibt es noch Eigentümer, die greifbar sind und die persönliche, langjährige Verbindungen pflegen.

Beschäftigen Sie sich schon mit der Frage, wie es weitergeht?

Wir gehen mit diesem Thema mit unseren Kindern sehr offen um und haben begonnen Vorkehrungen zu treffen. Wir sind übrigens auch schon seit langem Mitglied in der Vereinigung Family Business Network International, das weltweit größte Netzwerk von Unternehmerfamilien. Dort werden solche Themen regelmäßig diskutiert und wir haben viel darüber gelernt – wie man es gut macht oder besser nicht machen sollte. Außerdem ist Chopard das Unternehmen, welches den jährlichen Global Family Business Award konzipiert hat und herstellt.

Sie haben eine Leidenschaft für Wein und schnelle Oldtimer. Brauchen Unternehmer diesen Ausgleich?

Zum Oldtimerfahren komme ich leider zu selten. Und die Weinreben wachsen auch ohne mich. Aber es ist immer eine Freude, bei der Weinernte dabei zu sein oder ein paar Tage dort zu verbringen und zu entspannen. Das ist ein guter Ausgleich – und durch die Natur lernt man, noch geduldiger zu sein. Da gibt es eine Parallele zur Uhrmacherei, welche auch sehr viel Geduld fordert.

Zur Person 

Karl-Friedrich Scheufele ist 1958 in Pforzheim geboren. Seine Eltern Karl und Karin Scheufele führten ein traditionsreiches Uhren- und Schmuckunternehmen unter dem gleichnamigen Namen, bis sie 1963 die Schweizer Uhrenmanufaktur Chopard kauften. In den 1980er-Jahren trat Karl-Friedrich Scheufele in das Familienunternehmen ein. Gemeinsam mit seiner Schwester Caroline Scheufele leitet er heute das Familienunternehmen mit Produktionsstandorten in Genf, Fleurier und Birkenfeld. Rund 2000 Mitarbeiter sind für Chopard weltweit tätig. 

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