Birkenfeld
Birkenfeld -  24.02.2021
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

„Viele Politiker sind aus allen Wolken gefallen“: Müller Fleisch hat Ausstieg aus Werkverträgen umgesetzt

Birkenfeld. Unterstützung der regionalen Landwirtschaft, umfangreiche Investitionen, Pandemiebewältigung und Mitarbeiterintegration sind die Kernthemen in der Arbeit des Birkenfelder Unternehmens Müller Fleisch. Die Geschäftsführer Martin und Stefan Müller blicken in einem Interview mit der „Lebensmittelzeitung“ auf ein bewegtes Geschäftsjahr zurück. Hier einige Auszüge:

Blicken mit Zuversicht in die Zukunft: Stefan und Martin Müller Foto: Kimmer
Blicken mit Zuversicht in die Zukunft: Stefan und Martin Müller Foto: Kimmer

Wie war das Jahr 2020 für Sie?

„Corona hat uns schon das ganze Jahr getrieben. Schließlich war unser Betrieb in Birkenfeld im April einer der ersten der Branche, der stärker betroffen war“, erinnert sich Martin Müller. Dort wurde eine siebenwöchige Arbeitsquarantäne verordnet. „Dadurch ist es nicht zum Stillstand gekommen. Wir konnten die Produktion auf einem Niveau von 70 bis 80 Prozent aufrechterhalten und unsere Kunden weiter beliefern.“ Im weiteren Verlauf des Jahres musste man viele Schutzmaßnahmen einleiten. „Dabei saß uns immer die Angst vor einem neuen Ausbruch im Nacken und die Sorge, Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden nicht nachkommen zu können.“

Belastest sie die Pandemie auch finanziell?

„Natürlich. Allein die wöchentliche Testung aller Mitarbeiter geht in die Millionen“, so Müller.

War eine so rasche Reaktion von der Politik zu erwarten?

Die Corona-Fälle hätten beschleunigt, was schon im Prozess war, erklärt Stefan Müller. Das Thema sei ja nicht zum ersten Mal besprochen worden. „Aber viele Politiker waren sich wohl nicht im Klaren, welche großen Strukturen es in Deutschland gibt. Die sind aus allen Wolken gefallen“, ergänzt Martin Müller.

Wie hat Müller Fleisch den Ausstieg aus den Werkverträgen gemanagt?

„Es war viel Arbeit, hat Kraft und Engagement gekostet, aber wir haben rechtzeitig die meisten der rund 900 Mitarbeiter fest angestellt“, betont Martin Müller. Nur wenige seien abgesprungen.

Mussten Sie bei den Unterkünften für die Mitarbeiter etwas ändern?

„Wir haben frühzeitig den Wohnraum erweitert und die Zimmerbelegung reduziert. Es gibt keinen Engpass in unseren Regionen“, so Stefan Müller. Bereits seit Jahren würden im großen Stil freiwerdende Hotels oder Erholungseinrichtungen in Richtung Schwarzwald zu ordentlichen Unterkünften umgewidmet.

Wie unterstützt Müller Fleisch die regionalen Landwirte, damit diese nicht wegen der niedrigen Preise aus der Produktion aussteigen?

„Wir haben eine Initiative gestartet, den Regionalpakt Süddeutsches Schwein (SDS), damit mehr Geld auf der grünen Seite ankommt“, sagt Martin Müller. „Das ist unser Signal, dass wir an die regionale Produktion glauben. Es gibt Sonderzahlungen für Ferkelerzeuger und Schweinehalter für Tiere aus unserem Programm SDS.“ Das betreffe den Löwenanteil der Schlachtungen. „Davon profitieren alle Vertragslandwirte, die bei uns fast 80 Prozent ausmachen. Außerdem haben wir unseren Tiergesundheitsbonus auf 1 Euro verdoppelt.“

Welche Rolle spielt dabei der Lebensmittelhandel?

„Die Erzeuger müssen sich damit beschäftigen, wie sie sich die Märkte der Zukunft sichern können“, betont Stefan Müller. Der Export werde an Bedeutung verlieren, je mehr man in Deutschland die Standards für die Landwirtschaft anhebe. Der Kunde in Deutschland sei entscheidend. „Es muss ja nicht nur der Preis sein, der herausgestellt wird.“ Qualität und Herkunft eigneten sich genauso. „Neben unseren eigenen, seit Jahren bestehenden Regionalprogrammen, arbeiten wir mit der Edeka Südwest beim Gutfleisch-Programm zusammen, wo Regionalität und Haltung geregelt sind.“

Wie sollen die höheren Kosten für eine tierwohlgerechte Fleischerzeugung finanziert werden – vom Verbraucher oder dem Staat?

„Es ist eine gesellschaftliche Erwartung, dass sich die Nutztierhaltung verändert, aber nicht jeder Verbraucher setzt das bei seinem Einkauf auch um. An der Stelle ist der Staat gefordert,“ so Martin Müller.

Autor: pm/ne