Friolzheim
Friolzheim -  08.04.2021
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Gesellschaft und Gnadenfrist für Friolzheimer Funkmast

Friolzheim. An diesen Anblick müssen sich die Friolzheimer wohl erst noch gewöhnen: Auf ihrem Hausberg stehen seit vergangener Woche zwei Stahlgittermasten direkt nebeneinander. Die beiden rund 60 Meter hohen Bauwerke ragen deutlich über die Baumspitzen hinaus und geben auf den ersten Blick ein illustres Zwillingspaar ab. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich allerdings einige Unterschiede, sowohl architektonisch als auch farblich haben die beiden Stahlfachwerkbauten ihren eigenen Stil. Während der rot-weiß lackierte Friolzheimer Riese seine konische Form von der Grundfläche bis zur Spitze behält, verjüngen sich die grauen Verstrebungen des neuen, schlankeren Turms nur bis in eine Höhe von 40 Metern, wo sich dann ein rot-weißes Segment in Quaderform mit Nadelspitze anschließt.

Sobald der neue Stahlgitterturm in Betrieb ist, wird der alte (links) auf dem Friolzheimer Geissberg abgebaut. Foto: Friopics
Sobald der neue Stahlgitterturm in Betrieb ist, wird der alte (links) auf dem Friolzheimer Geissberg abgebaut. Foto: Friopics

Funktion bleibt gleich

„Die optischen Unterschiede haben nichts mit der Funktion zu tun, denn daran wird sich eigentlich nichts ändern“, erklärt Arndt Frey vom Staatlichen Hochbauamt Karlsruhe. Der Bauingenieur war bei der zweitägigen Montage der großen Stahlelemente im Auftrag der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) vor Ort, die als Eigentümerin für den Neubau verantwortlich ist.

Neben einigen innehaltenden Spaziergängern verfolgte Frey gespannt, wie ein Autokran die letzten fünf Turmglieder in die Höhe hievte. Die hauptsächliche Arbeit bestand unterdessen darin, die sechs bis zwölf Meter langen Teilstücke millimetergenau zusammenzufügen. Hierbei kletterten die Mechaniker einer Papenburger Spezialfirma für jedes Element vom Boden in Freestyle-Manier auf die jeweilige Arbeitshöhe, um dann stundenlang fingerdicke Schrauben niet- und nagelfest zu fixieren.

Radarstation des US-Militärs

Wie viele andere Liegenschaften und Immobilien an strategisch wichtigen Punkten war das Gelände zu Zeiten des Kalten Kriegs zu militärischen Zwecken genutzt worden. Die amerikanischen Streitkräfte nahmen den exponierten Standort 1954 in den Blick und errichteten gegen den Willen des Gemeinderats eine ständig besetzte Funk- und Radarstation. Zunächst trug ein bescheidener Holzturm mit einem kleineren Pendant die Sendeanlagen, bevor die einfachen Konstrukte wenige Jahre später durch einen Stahlgittermasten ersetzt wurden. Mitte der 70er-Jahre ließ das US-Militär einen 60 Meter hohen Turm errichten, der mit seiner robusten Konstitution für mehrere Jahrzehnte ausgelegt wurde und alsbald zum Wahrzeichen der Heckengäu-Gemeinde avancierte.

Insgesamt blieb der US-Stützpunkt fast ein halbes Jahrhundert in Betrieb, denn auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wusste das US-Militär das Gelände als Nato-Einrichtung für militärische Aufgaben – Radarüberwachung und Richtfunk – zu nutzen. Als die Amerikaner keine Verwendung mehr für das Gelände hatten, ging es wieder in Bundesbesitz über. Die zuständige BImA entschied, den Masten an Behörden sowie Telekommunikations-Unternehmen für Polizei-, Richt- und Mobilfunk zu vermieten.

Bei einer Generaluntersuchung 2017 stellten die Statiker dann Mängel fest. „Der Turm ist zwar noch standsicher, aber seine Tragkraftreserven lassen keine weitere große Antenne zu. Hinzu kommt, dass der Steigweg nicht mehr den Vorgaben entspricht und der gesamte Mast gestrichen werden müsste“, zählt Frey die Problemfelder des alten Turms auf.

In Hinblick auf die zu erwartenden Kosten – die Sanierung hätte vermutlich doppelt so viel Geld verschlungen wie ein moderner Funkmast – entschied sich die Bundesanstalt für einen Neubau. Die Kosten liegen demnach im unteren siebenstelligen Bereich. Bei anvisierter Nutzungsdauer von 40 Jahren funktioniert die Investition durchaus.

Ob 2061 immer noch auf den gleichen Wellenlängen und Frequenzen gesendet wird, ist nicht sicher – das Ablaufdatum für den Friolzheimer Riesen aber schon: Wenn im Laufe der nächsten drei bis vier Monate alle wichtigen technischen Anlagen auf den neuen Mast transportiert und installiert worden sind, soll der dann obsolete Stahlgigant umgehend abgebaut werden.

Autor: Silas Schüller