Heimsheim
Enzkreis -  17.11.2021
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

Autor Nick Reimer: "Pforzheim liegt im Hotspot des Klimawandels"

In 30 Jahren werden wir in einer anderen Bundesrepublik leben – das sagen Nick Reimer und Toralf Staud in ihrem Buch "Deutschland 2050 – Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird". Am 1. Dezember erklären sie im PZ-Autorenforum, wie sie genau aussehen wird. Basis ihrer Recherchen sind Forschungsberichte, Studien sowie zahlreiche Interviews mit Experten. Im Vorab-Interview erklärt Reimer, warum die Folgen der Erderwärmung in Pforzheim und der Umgebung besonders stark zu spüren sein werden – und in welchen Ausprägungen.

Hitzetage und Tropennächte nehmen stetig zu. Archivfoto: picture alliance/dpa
Hitzetage und Tropennächte nehmen stetig zu. Archivfoto: picture alliance/dpa

PZ: Wo können wir im Jahr 2050 nicht mehr Urlaub machen?

Nick Reimer: Was sich evident aus der Forschung ergibt: An der Mittelmeerküste Italiens, Spaniens und auch in Frankreich, heute noch Lieblingsziel jedes dritten deutschen Urlaubers, wird dann ein Klima herrschen, wie heute in Nordafrika – nicht gerade geeignet für den Badeurlaub mit den Kindern. Auch die Ostsee wird leider keine Alternative sein, schon heute beherbergt das Binnenmeer die größte Todeszone der Welt. Mit steigenden Temperaturen wird sich das Problem der Algenblüte verschärfen, Badeverbot im Sommer wird Mitte des Jahrhunderts in der Ostsee normal sein. Alpine Bergtouren werden gefährlicher. Wegen des schmelzenden Permafrostes wissen bereits heute einige Bergführer nicht mehr, ob sie das Risiko noch vertreten können. Definitiv nicht mehr Winterurlaub machen werden wir Mitte des Jahrhunderts in einem deutschen Mittelgebirge, auch nicht im Schwarzwald: Die Experten erklärten uns, dass es dann nur noch zwei schneesichere Skigebiete in Deutschland gibt: an der Zugspitze und in Oberstdorf.

Wie sieht es mit der Erderwärmung bis dato aus?

Bereits heute ist es hier 1,6 Grad wärmer geworden im Vergleich zum 19. Jahrhundert. Die Folgen sind sichtbar: An Ahr und Erft wird immer noch aufgeräumt, der Juni dieses Jahres – also noch vor der Flut in Westdeutschland – war der verlustreichste für die Versicherer hierzulande, die Fichten sterben im ganzen Land, noch immer wird im Unterboden vielerorts eine extreme Dürre registriert mit schlimmen Folgen für die Landwirtschaft.

Was konkret würde sich an unserem ganz alltäglichen Tun 2050 geändert haben, wenn sich die Erderwärmung bis dahin auf rund zwei Grad Celsius beliefe?

Unser Land wird Mitte des Jahrhunderts definitiv mindestens um zwei Grad im Durchschnitt wärmer sein. Das bedeutet aber, dass es mancherorts natürlich deutlich mehr sein werden. Die schlechte Nachricht für Pforzheim und Umgebung ist: Sie liegen in einem Hotspot des Klimawandels. Das ist geografisch durch den Oberrheingraben bedingt, über den sich heute schon sehr viel mehr Hitze in die Region verteilt, als beispielsweise im Schatten der Alpen oder in Hessen, Thüringen. In Pforzheim und der Umgebung dürfte es daher Mitte des Jahrhunderts schon bis zu 20 Tropennächte mehr geben als heute – Tage, an denen das Thermometer nicht mehr unter 20 Grad Celsius fällt. Spitzentemperaturen von mehr als 40 Grad werden im Sommer dann keine Seltenheit mehr sein – mit all den negativen Folgen wie etwa der Asiatischen Tigermücke, die dann heimisch geworden ist und Tropenkrankheiten wie das Denguefieber verbreitet.

Deutschland hat sich in Glasgow der Erklärung zur zeitlichen Festlegung für das Aus des Verbrennungsmotors ebenso verweigert wie dem Pakt für klimafreundlicheren Luftverkehr. Haben unsere Politiker die Zeichen der Zeit nicht erkannt?

Definitiv nicht. Das erste deutsche Klimaziel stammt aus dem Jahr 1990. Damals verpflichtete sich die wiedervereinigte Bundesrepublik, in den alten Bundesländern mindestens 25 Prozent der Treibhausgasproduktion gegenüber 1990 zu reduzieren, geschafft wurden gerade einmal zehn Prozent. Unsere Politiker sind Ankündigungsweltmeister, die den Ankündigungen nur selten brauchbare Politik folgen lassen. Für mich besonders schmerzlich ist zu sehen, wie stark die erste bündnisgrün geführte Landesregierung dieser Republik hinter den Notwendigkeiten hinterherhinkt: Statt den langfristigen Wohlstand Baden-Württembergs engagiert zu sichern, werfen ihn Winfried Kretschmann, Winfried Hermann und Co. kurzfristig der Rüstungs-, Auto- und Fossilwirtschaft vor die Füße.

Wäre der Klimawandel Corona, hätten wir längst strenge Schutzmaßnahmen, einen Lockdown und Impfstoffe. Warum funktioniert das nicht?

Zwei Gründe. Ersten hört die Politik beim Klimathema, anders als bei Corona, nicht auf die Wissenschaft. Wir hätten sonst schon seit 30 Jahren ein Tempolimit, würden nicht mehr mit Beton bauen, hätten die Massentierhaltung genauso abgeschafft wie den Personenkraftwagen als mobiles Menschenrecht. Zweitens: Anders als bei Corona gibt es keine leichte Lösung. Gegen das Virus gibt es eine Impfung. Gegen Treibhausgase nicht.

Was kann jeder Einzelne tun?

Wir können das Problem nur kollektiv lösen. Schön, wenn sie im Stadtverkehr von Pforzheim bewusst das Rad nehmen und auf das Auto verzichten – die SUV-Zulassungszahlen haben im vergangenen Jahr trotzdem einen neuen Höchststand in diesem Land erreicht. Deshalb: Schreiben Sie an Ihre Wahlkreisabgeordneten, fordern Sie mehr Klimaschutz, weil das aktuelle Nichtstun unser schönes Leben bedroht. Gehen Sie zur nächsten Klimademo. Oder wählen sie die Klimaliste Baden-Württemberg, damit die Grünen endlich tun müssen, was sie seit Jahren versprechen.

Wie ist Ihre Einschätzung nach dem Klimagipfel: Wird die Welt bis 2050 die erforderlichen zwei Grad halten können?

Darauf deutet leider nichts hin! Und die deutsche Politik, auch die in Baden-Württemberg, ist längst zum Bremser geworden.

Info: Karten (8,50 Euro, mit PZ-AboCard 5,50 Euro) für das PZ-Autorenform am 1. Dezember, 19 Uhr, können unter (07231) 933125 reserviert werden. Es gilt die 2G-Regel sowie eine Maskenpflicht.

Nick Reimer ...

... ist Journalist und Buchautor. Geboren 1966 in Meißen gründete er während der politischen Wende 1989/1990 in Freiberg die erste überregionale Umweltzeitschrift der DDR, ÖkoStroika. Nach Abschluss eines Studiums der Umweltverfahrenstechnik volontierte er 1993 bei der Berliner Zeitung, von 2000 bis 2010 war er Wirtschaftsredakteur der taz und zuständig für Klima und Energie. Gemeinsam mit dem Journalisten Toralf Staud erhielt er 2012 den Otto-Brenner-Preis in der Kategorie Medienprojekte für die Onlineplattform "Der Klima-Lügendetektor". Der 55-Jährige lebt in Berlin.

Autor: jo