Heimsheim
Enzkreis -  06.04.2020
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Blick in die Geschichte: Spanische Grippe wütet vor 100 Jahren kräftig in Region

Seit drei Monaten hält die ganze Welt den Atem an wegen der Coronavirus-Pandemie, die in China ihren Anfang nahm und längst auch vor unserer Haustüre angekommen ist. In diesem Zusammenhang ist schon öfter von der Spanischen Grippe die Rede gewesen, die als Pandemie vor über hundert Jahren um 1918 viele Millionen Opfer weltweit gekostet hat (siehe auch weiteren twext im Kasten).

Sandra Schuster, Fachangestellte im Mühlacker Stadtarchiv, hat zur Spanischen Grippe Artikel in verschiedenen Zeitungen gefunden.
Sandra Schuster, Fachangestellte im Mühlacker Stadtarchiv, hat zur Spanischen Grippe Artikel in verschiedenen Zeitungen gefunden.

„Die Menschen waren früher den Umgang mit furchtbaren Ereignissen gewöhnt“, sagt dazu Wolfgang Rieger aus Mühlacker, der dem Vorstand des Historisch Archäologischen Vereins (HAV) angehört. Er verweist auf den Beitrag auf der Homepage des HAV über das 100-jährige Bestehen des Mühlacker Krankenhauses, das 1992 gefeiert wurde. Dort ist ein kleiner Hinweis auf die Ruhrepidemie im Jahr 1917 nachzulesen. Damals wurden 40 Kranke aus Maulbronn und Vaihingen/Enz behandelt. Und: „Die Seuche war damals in Oberderdingen ausgebrochen.“ Insgesamt seien im Mühlacker Krankenhaus 120 Fälle behandelt worden und 15 Patienten starben. Am 1. Dezember 1917 sei die Ruhrepidemie abgeklungen und das Lazarett wurde mit Verwundeten belegt. „Zu den vielen Kriegstoten kamen damals noch Seuchen wie Pocken, Ruhrund Typhus mit regionaler Wirkung. Die verheerende Spanische Grippe war in diesem Zusammenhang weniger auffällig“, berichtet Rieger über den HAV-Fundus.

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Mehr zur Spanischen Grippe in der Region ist bei der Recherche im Mühlacker Stadtarchiv zu erfahren. Denn die Fachangestellte für Medien und Informationsdienste, Sandra Schuster, wurde fündig. Im Zeitungsband „Der Bürgerfreund“ als Amts- und Anzeige-Blatt für den Oberamtsbezirk Maulbronn und Umgebung“ fand sie verschiedene Beiträge zur Spanischen Grippe im Jahr 1918. So wurde bereits am 28. Mai desselben Jahres berichtet, dass die Krankheit 30 Prozent der spanischen Bevölkerung befallen habe und die Ursache „vollkommen rätselhaft“ sei. Eine weitere Meldung über die „spanische Krankheit“ erschien am 3. Juni 1918. „Es wird nur von der Grippe berichtet, man kann nicht genau sagen, ob es sich dabei auch um die spanische Krankheit handelte“, sagt Sandra Schuster im Gespräch. Sie hat überdies festgestellt, dass im letzten Quartal 1918 auffällig viele Todesanzeigen zu finden sind. Am 30. Oktober 1918 steht unter der Rubrik Mühlacker: „Die Grippe ist die Ursache, dass gestern fünfmal der Geistliche eine Trauerrede halten musste, darunter für zwei Schwestern.“ Der Ärztemangel mache sich bemerkbar. Über Wiernsheim kam am 4. November 1918 die Meldung, dass der Kanonier Gotthold Scholl für tapferes Verhalten das Eiserne Kreuz verliehen bekam. Und im nächsten Satz steht, die Grippe fordere auch in Wiernsheim ihre Opfer.

Autor: Ilona Prokoph