Heimsheim
Enzkreis -  31.05.2021
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Das Kalb bleibt bei der Mutter: So arbeitet ein Hof zwischen Birkenfeld und Keltern

Enzkreis/Keltern-Dietlingen. Mit 465 Betrieben und einer Nutzfläche von rund 20.000 Hektar nimmt die Landwirtschaft im Enzkreis eine wichtige Rolle ein. Aber was steckt eigentlich hinter diesen Zahlen, wer prägt unsere Kulturlandschaft und produziert unsere Nahrungsmittel vor Ort? Die Artikelserie „Farm-Fenster“ des Landwirtschaftsamtes und der Bio-Musterregion Enzkreis beleuchtet in monatlicher Folge Aspekte der hiesigen Landwirtschaft und ihre Bedeutung für die Menschen in der Region. Im ersten Teil geht es am Beispiel des Dietlinger Mutterkuhbetriebs Weisert um Fleischerzeugung, Wiesen-Bewirtschaftung und Futterknappheit.

Die Tiere nehmen viel Zeit in Anspruch. Foto: Friopics/Schüller/Enzkreis
Die Tiere nehmen viel Zeit in Anspruch. Foto: Friopics/Schüller/Enzkreis

Auf den ersten Blick wirkt der Fuchslochhof zwischen Dietlingen und Birkenfeld wie ein ganz normaler landwirtschaftlicher Betrieb. Auf den umliegenden Weiden und Koppeln grasen Rinder und Pferde, im Schatten des leeren Silo-Lagers genießt ein Ziegenpaar die Zweisamkeit und wenige Meter weiter machen Hühner auf sich aufmerksam. Abgesehen davon ist es still in dem kleinen Seitental. Es scheint, als könne niemand die friedliche Koexistenz von Natur, Mensch und Tier stören. Dass dieser Eindruck nur bedingt der Realität entspricht, macht Karin Weisert deutlich, wenn sie vom oft rauen Alltag auf ihrem Hof erzählt.

„Wenn die positiven Seiten der Arbeit nicht überwiegen würden, hätte ich schon aufgehört, aber an diesem Punkt bin ich zum Glück noch nicht“, sagt die Haupterwerbslandwirtin. Seit rund 20 Jahren führt sie den Betrieb mit 50 Hektar Betriebsfläche in Eigenregie, nachdem ihre Eltern gesundheitsbedingt kürzertreten mussten. In dieser Zeit hat sie so ziemlich alles erlebt, was Landwirten zu schaffen macht: ungebetene Besucher auf dem eigenen Land, Beschwerden aus der Bürgerschaft, anhaltender Bürokratie-Wucher und die Herausforderungen durch den Klimawandel.

"Uns liegt doch allen etwas an der Artenvielfalt in der Natur, gleichzeitig soll es jedoch auch lokale Fleischerzeugnisse zu bezahlbaren Preisen geben."

Karin Weisert

Umso bemerkenswerter, dass Karin Weisert ihr gesamtes Wirtschaftskonzept inklusive Direktvermarktung nie verändert hat und weiter für zukunftsfähig hält: „Meine Eltern sind in den 80er-Jahren vom Milchvieh- auf einen Mutterkuh-Betrieb umgestiegen. Das waren am Anfang harte Jahre, aber dann hat sich bald gezeigt, dass die Idee mit Angus-Rindern funktioniert.“ Die Rasse Deutsch Angus bietet sich nicht nur wegen der grundsätzlich hohen Fleischqualität an, sondern auch im Hinblick auf die Frühreife der Kälber.

Eigenes Heu und Silage

Bis Karin Weisert ihre Rinder zum Schlachthaus bringen kann, bedarf es natürlich täglicher Arbeit, die für sie im Herbst ihren alljährlichen Anfang nimmt. Im Anschluss an die Schlachtung Mitte Oktober verbringen die trächtigen Mutterkühe mit dem Deckbullen noch einige Wochen auf der Weide. Zwischen November und Januar finden unter Weiserts Aufsicht etwa 30 Geburten statt, sodass sich die Anzahl ihrer Rinder nahezu verdoppelt. Über den Winter gibt es ausschließlich eigenes Heu oder Silage zu fressen.

Sowohl im Fuchsloch als auch im nahen Naturschutzgebiet Essigberg hat die Landwirtin größere Weideflächen, die sie ihren Rindern liebend gerne zur Verfügung stellt. Ein Wasserwagen und ein Mineral-Schleckstein runden das Nahrungsangebot ab, zusätzliche Ergänzungsmittel gibt es nicht. Bei den regelmäßigen „Umzügen“, die bis in den frühen Herbst anstehen, wird Weisert von Familienmitgliedern und Freunden unterstützt. Sind die Herden im September wieder vor dem eigenen Hof angekommen, dauert es nicht lange, bis die inzwischen rund 180 Kilo schweren Jungtiere von den Mutterkühen getrennt werden.

Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Art der Fleischerzeugung nicht ohne Schmerz und Leiden auskommt, auch wenn die Rinder die meiste Zeit ihres Lebens glücklich auf einer Wiese verbracht haben. Karin Weisert achtet sehr auf das Wohl ihrer Tiere. Wenn es nach ihr ginge, würde sie die angewandte Form der extensiven Land- und Weidewirtschaft fortführen. „Uns liegt doch allen etwas an der Artenvielfalt in der Natur, gleichzeitig soll es jedoch auch lokale Fleischerzeugnisse zu bezahlbaren Preisen geben“, so die Dietlingerin. Deshalb sei es wichtig, dass man ein gutes Gleichgewicht zwischen den Interessen finde.

Das nächste „Farm-Fenster“ beschäftigt sich mit „Biodiversität in der Landwirtschaft“.

Autor: pm/enz