Heimsheim
Enzkreis -  13.08.2018
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

Der Krieg im Kopf: Selbsthilfegruppe will Menschen mit Kriegserlebnissen unterstützen

Enzkreis/Pforzheim. Der Donauschwabe war in der Endphase des Zweiten Weltkriegs ein Junge von 14 Jahren, als er seine Heimat verließ und sich einem Treck von Siebenbürger Sachsen Richtung Westen anschloss. Wenn er von den Toten und Verwundeten erzählt, die er als Kind am Wegesrand sehen musste, schnürt es dem heute 87-Jährigen die Kehle zu.

Erinnerungen aus der Kindheit quälen viele Menschen im hohen Alter. Eine Selbsthilfegruppe will Menschen aus der Einsamkeit begleiten. Symbolfoto: Lightfield Studios
Erinnerungen aus der Kindheit quälen viele Menschen im hohen Alter. Eine Selbsthilfegruppe will Menschen aus der Einsamkeit begleiten. Symbolfoto: Lightfield Studios

Mitten im Satz entlädt sich die Enge in einem Schluchzen. Und dann kommen weitere Erinnerungen an eine zweite Flucht, auf der er seine Schuhe für etwas zu Essen verkaufte, sich tagelang von dem ernährte, was er auf Feldern fand, an denen er vorbeikam. Die Gefühle kochen noch einmal hoch, als er berichtet, wie er im Februar 1945 den Lichtschein über dem brennenden, durch Bomben zerstörten Dresden sah. Er war nur durch einen Zufall nicht in der Stadt. „Wir quetschten uns in irgendeinen Zug, in dem wir noch Platz fanden“, sagt der Mann: „Hätten wir noch in den früheren Zug gepasst, wären wir mit den anderen Flüchtlingen mitten in Dresden im Bombenhagel gelandet.“

So wie ihm, hat der Mann, der schon lange im Enzkreis lebt, erfahren, geht es vielen Menschen seiner Generation. Sie werden von schrecklichen Erlebnissen aus Kriegstagen eingeholt, die viele nach dem Krieg, als sie damit beschäftigt waren, sich eine Existenz aufzubauen, hervorragend verdrängt hätten. „Damals hieß das friss Vogel oder stirb, also haben wir immer weiter gemacht.“ Doch im Alter ohne berufliche Aufgabe oder wichtige Rolle für die Familie kämen die Bilder des Grauens wieder an die Oberfläche. Er setzt große Hoffnung in eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Kriegserlebnissen. Bei den regelmäßigen Treffen in Pforzheims Hohenzollernstraße hätten viele die Chance, sich den quälenden Bildern im Kopf zu stellen – zusammen mit Menschen, die verstehen, was im anderen vorgeht.

Der Krieg im Kopf: Der frühere Unterrichtspfleger, der in einer Altenpflegeschule unter anderem in Sozial- und Alterspsychologie unterrichten durfte, erfährt davon in vielen Facetten bei persönlichen Gesprächen oder nach Vorträgen. Von einer Frau, die im Alter begann, von den Erlebnissen bei der Zerstörung Pforzheims verfolgt zu werden. Von dem hochbetagten Herrn, der plötzlich wieder und wieder vom Grauen der Schlacht von Stalingrad heimgesucht wird. Von einem, der als Kind am Ende des Kriegs noch in ein letztes Aufgebot gesteckt wurde.

Gerade weil Menschen seiner Generation oft Meister im Verdrängen waren, hätten sie im Alter Probleme, mit den aufsteigenden Erinnerungen fertig zu werden. Die Hemmschwelle sei groß, über die alten Schrecken zu sprechen. In der Selbsthilfegruppe gelten deshalb klare Regeln. Wer bereit ist, zu berichten, was ihn quält, erhält Zeit. Es wird ihm zugehört. Wichtig sei es, Emotionen zuzulassen, sagt der Mann aus dem Enzkreis – es werde durchaus auch viel zusammen geweint. Und alles bleibe innerhalb der Gruppe.

Mehr darüber lesen Sie am Dienstag in der „Pforzheimer Zeitung“ oder im E-Paper auf PZ-news oder über die Apps auf iPhone/iPad und Android-Smartphones/Tablet-PCs.

Autor: Alexander Heilemann