Heimsheim
Enzkreis -  02.10.2021
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

Die Mär vom Mundraub: Obstdiebe sorgen für Frust und finanzielle Schäden – auch in Pforzheim und der Region

Pforzheim/Enzkreis/Kitzingen/Friedrichshafen. Einen Apfel im Vorbeigehen schnell vom Baum stibitzt, weil er einfach zum Anbeißen aussieht – für Obstbauern vor allem in touristischen Regionen ein Ärgernis, das regelmäßig vorkommt.

Objekt der Begierde: Derzeit hängen die Bäume voller Äpfel. Dass sie jemandem gehören, interessiert manche Zeitgenossen nicht. Doch der Obstklau ist nicht nur ärgerlich, sondern verursacht auch finanzielle Schäden.
Objekt der Begierde: Derzeit hängen die Bäume voller Äpfel. Dass sie jemandem gehören, interessiert manche Zeitgenossen nicht. Doch der Obstklau ist nicht nur ärgerlich, sondern verursacht auch finanzielle Schäden.

Doch es gebe auch Fälle, wo dreiste Diebe ganze Kisten an Äpfeln von den Bäumen holen und mit dem Auto wegfahren, erzählt Thomas Riehl vom Verein Fränkische Obstbauern in Kitzingen.

Das weiß auch Bernhard Reisch vom Landwirtschaftsamt des Enzkreises zu berichten. Gerade erst hat ihn ein verzweifelter Streuobstwiesenbesitzer aus Birkenfeld-Gräfenhausen angerufen: „Diebe haben ihm zwei bis drei Hochstämme komplett abgeerntet und müssen die Äpfel sowie Birnen gleich säckweise abtransportiert haben.“ Solche Mengen seien wohl nicht zum Verzehr, sondern eher zur Weiterverarbeitung gedacht, schlussfolgert Reisch.

„Das ist für Streuobstwiesenbesitzer natürlich extrem frustrierend.“

Wer macht sowas? Das wüsste Reisch selber gerne, „aber man erwischt die Diebe ja leider nie.“ Was der Fachberater für Obst- und Gartenbau am Landratsamt Enzkreis aber feststellt, ist, dass Obstklau auf stadtnahen Gemarkungen häufiger gemeldet wird als in ländlichen Gegenden. Er vermutet, dass Menschen, die auf dem Land lebten, eher selbst Obstwiesen beziehungsweise Kontakte zu Besitzern hätten, als das bei Stadtmenschen der Fall ist. Und Reisch kann aufgrund der Meldungen, die bei ihm eingehen, noch eine Beobachtung schildern: „Besonders gepflegte Stücke sind öfter vom Diebstahl betroffen als wilde Streuobstwiesen, wo weder das Gras gemäht noch die Bäume geschnitten sind.“

Baden-Württemberg weit gesehen ist groß angelegter Obstdiebstahl zwar eher die Ausnahme. Doch für die Betriebe ist der Schaden immens.

„Neulich wurde ein ganzer Weinberg leer gemacht“,

berichtet Kathrin Walter vom Landesverband Erwerbsobstbau Baden-Württemberg (LVEO) in Stuttgart. Das seien geplante Aktionen, bei denen Kriminelle in eher abgelegenen Gebieten nachts mit Transportfahrzeugen vorführen.

So waren im Juni nach Einschätzung der Polizei mehrere Täter mit landwirtschaftlichen Kenntnissen auf einer Obstwiese in Freiburg am Werk, um 900 Kilo Kirschen zu stehlen. Auch auf einem Spargelfeld in Südhessen müssen es den Ermittlern zufolge Profis gewesen sein, die dort im Frühjahr 300 Kilo Spargel aus der Erde holten: Sie stachen den Spargel nicht nur korrekt, sondern schlossen auch die Löcher anschließend wieder.

„Das ist extrem frustrierend und demotivierend für die Streuobstwiesenbesitzer. Aber man kann leider wenig machen, weil man die Diebe selten auf frischer Tat ertappt.“

Wie groß das Problem Obstdiebstahl ist, können Erzeugerverbände nur schätzen. Denn erst bei größeren Fällen erstatten die Betriebe tatsächlich Anzeige. Bei der Polizei werde das aber statistisch nicht einzeln erfasst, sondern generell unter Diebstahl oder Einbruch, erläutert ein Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelfranken, das mit dem Knoblauchsland zwischen Nürnberg und Erlangen eines der größten bayerischen Gemüseanbaugebiete in seiner Zuständigkeit hat.

Obstbauern in Baden-Württemberg berichteten immer häufiger davon, dass sich Menschen einfach an ihren Bäumen, Erdbeerfeldern oder Weinbergen bedienen, sagt LVEO-Geschäftsführerin Walter. Ihrer Ansicht nach könnte das mit der Corona-Pandemie zusammenhängen, weil dadurch mehr Menschen in der Natur unterwegs seien. Betroffen seien vor allem Flächen an Radwegen.

Ähnlich ist es in der Urlaubsregion am Bodensee, wo sich mit 9000 Hektar eines der größten Anbaugebiete für Kernobst befindet. „Entlang des Sees mit vielen Rad- und Spazierwegen und entsprechend vielen Passanten ist der Obstklau stärker ausgeprägt als im Hinterland“, sagt Manuela Heinrich, Geschäftsführerin der Obst vom Bodensee Marketing GmbH in Friedrichshafen. „Oft ist das ein spontaner Impuls, weil ein Apfel so lecker aussieht.“ Es komme aber auch vor, dass Leute tütenweise Obst mitnehmen.

Dabei sei es schon eine Straftat, wenn man nur einen Apfel ohne Erlaubnis pflückt

In der Bevölkerung halte sich jedoch hartnäckig die Ansicht, dass Mundraub ein Kavaliersdelikt sei, sagt Riehl. Im deutschen Strafrecht sei der Begriff aber seit 1975 abgeschafft – und damit ein Diebstahl wie jeder andere.

Was also tun? Unter dem Namen „Die gelben Bänder“ gibt es etwa eine Aktion, die versucht, dem Obstklau vorzubeugen. Dabei markieren Baumbesitzer jene Stämme mit gelben Bändern, die von jedermann abgeerntet werden dürfen. Auch Keltern hat sich jetzt dieser Aktion angeschlossen.

Reisch findet die Idee grundsätzlich „eine interessante Sache“, das Landratsamt wolle sie aber dennoch nicht kreisweit einführen. „Wir haben Sorge, das wir damit eine Art Suchtourismus auslösen könnten, bei dem die Leute kreuz und quer über die Wirtschaftswege fahren, um Aktionsbäume zu finden“, erklärt er.

Zudem sei die Erfahrung hiesiger Kommunen aus dem vergangenen Jahr, dass die Resonanz der Anbieter „äußerst bescheiden“ sei, so Reisch weiter. Doch auch der Enzkreis will Angebot und Nachfrage zusammenbringen, und hat dafür eine Internetplattform eingerichtet. Unter diesem Link können beide Seiten in Kontakt treten: www.enzkreis.streuobstwiesen- boerse.de

Auf öffentlichen Plätzen erlaubt

Obst von Bäumen auf dem Dorfplatz, Wildkräuter auf städtischen Wiesen: Auf öffentlichen Flächen darf man generell pflücken. Darauf weist das Bundeszentrum für Ernährung hin. Dies gehe zurück auf die Handstraußregel im Bundesnaturschutzgesetz. Darin heißt es in Paragraf 39, Absatz 3: Man dürfe etwa wildlebende Blumen, Früchte, Pilze, Tee- und Heilkräuter sowie Zweige „aus der Natur an Stellen, die keinem Betretungsverbot unterliegen, in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf pfleglich entnehmen und sich aneignen“. Oder: Etwa eine Handvoll ist okay. Auf mundraub.org wurden solche Sammelplätze bundesweit kartiert.

Mit Material von dpa