Heimsheim
Enzkreis -  04.06.2020
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Weit weg von Normalbetrieb: Zurückhaltung der Gäste macht den Wirten das Leben schwer

Enzkreis. Seit gut zwei Wochen haben Restaurants, Gaststätten und Cafés dank der Corona-Lockerungen wieder geöffnet. Doch von einem „Normalbetrieb“ ist die Gastronomie-Branche noch meilenweit entfernt. Das hängt zum Teil auch damit zusammen, dass sich viele Gäste nicht so richtig trauen und lieber noch abwarten wollen, bevor sie wieder ihr Stammlokal besuchen. Sehr zum Leidwesen der ohnehin schon arg von der Krise gebeutelten Gastwirte. „Die Verunsicherung bei den Gästen ist spürbar. Deshalb läuft das Geschäft derzeit eher schleppend“, sagt Karin Frommherz, deren Familie schon seit Generationen das Mühlacker Hotel-Restaurant „Scharfes Eck“ führt. Mit den erforderlichen Hygienevorschriften der Corona-Verordnungen und der Abstandsregelung komme man zwar ganz gut klar, etliche Gäste ließen sich aber offenbar noch vom Infektionsrisiko abschrecken oder weigerten sich schlicht, das Anwesenheits-Formular mit Namen und Adresse auszufüllen.

Das Team vom „Scharfen Eck“ in Mühlacker: Restaurantleiterin Elke Frommherz-Cattarin (von links), Koch-Azubi Steven Pechtl, Geschäftsführerin Karin Frommherz, Koch-Azubi Bamusa Ceesay und Küchenchef Claudio Cattarin. Das Traditionshaus feierte inmitten der Krise das 100-jährige Bestehen – jedoch anders als geplant nur im kleinsten Kreis. Foto: Schrader
Das Team vom „Scharfen Eck“ in Mühlacker: Restaurantleiterin Elke Frommherz-Cattarin (von links), Koch-Azubi Steven Pechtl, Geschäftsführerin Karin Frommherz, Koch-Azubi Bamusa Ceesay und Küchenchef Claudio Cattarin. Das Traditionshaus feierte inmitten der Krise das 100-jährige Bestehen – jedoch anders als geplant nur im kleinsten Kreis. Foto: Schrader

So schildert Frommherz die Lage. „Weil viele Menschen in Kurzarbeit sind, fehlt derzeit vielleicht auch das Geld, um Essen zu gehen“, vermutet die Gastwirtin. Selbst über Pfingsten sei es eher ruhig geblieben, weil hier auf dem Land bei schönem Wetter die Möglichkeiten eben vielfältiger seien als etwa in der Stadt.

Das ist komplett ins Wasser gefallen. Wir haben nur im engsten Familienkreis auf das Jubiläum angestoßen

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Karin Frommherz zum 100-jährigen Bestehen des "Scharfen Ecks"

Erschwerend kommt für die Mühlacker Gastronomen-Familie hinzu, dass das 100-jährige Bestehen des „Scharfen Ecks“ in diesem Jahr eigentlich zünftig gefeiert werden sollte. „Das ist komplett ins Wasser gefallen. Wir haben nur im engsten Familienkreis auf das Jubiläum angestoßen“, berichtet sie.

Ähnlich ist es Lenart und Gaby Kaucic Mitte Mai beim zehnjährigen Jubiläum ihrer Café-Bar „Filou“ in Ölbronn ergangen. Mit der pfiffigen Geschäftsidee eines „Außer-Haus-Eisverkaufs“, der bis nach Bretten und Knittlingen reichte, ließen sich die Umsatzeinbußen aber einigermaßen abfedern. „Wir können derzeit nicht klagen“, sagt Gaby Kaucic. Vor allem der Biergarten sei bei schönem Wetter gut besucht. Und auch die Stammgäste hielten dem „Filou“ die Treue. Allerdings sei der Aufwand enorm, um den Corona-Verordnungen Folge zu leisten.

"Einige Gäste haben mir berichtet, dass sie es ungemütlich finden, weil alles so steril sei."

Stephanie Kraus-Pfullinger, Geschäftsführerin im „Nachtwächter“ in Mühlacker-Lienzingen

Davon kann auch Stephanie Kraus-Pfullinger, Geschäftsführerin im „Nachtwächter“ in Lienzingen, ein Liedchen singen. „Einige Gäste haben mir berichtet, dass sie es ungemütlich finden, weil alles so steril sei“, so die Gastronomin. Auch sie hofft, dass sich alle schnell an die Hygienemaßnahmen gewöhnen. „Und die Maske darf man am Tisch ja abnehmen.“ Warum die Gäste aber noch nicht in gewohnter Zahl kommen, kann auch sie nicht genau sagen. Ist es die Angst vor einer Ansteckung? Oder wissen viele einfach nicht, wie sie sich verhalten sollen oder was nun erlaubt ist und was nicht?

Wie dem auch sei, das Hotel-Restaurant mit Biergarten hatte in den vergangenen Wochen 90 Prozent Umsatzeinbußen zu verkraften. „Deshalb haben wir die staatliche Soforthilfe beantragt und bekommen“, so Kraus-Pfullinger. „Das ging tatsächlich überraschend schnell“, berichtet auch Uwe Krauth vom gleichnamigen Restaurant in Mühlacker, der ebenfalls die Finanzhilfe in Anspruch genommen hat. Der Familienbetrieb sei zwar finanziell abgesichert, „aber das Geschäft muss nun auch wieder anlaufen.“ Man sei aber recht positiv gestimmt, denn es kämen wieder Anfragen für kleinere Geburtstagsfeiern.

"Im Großen und Ganzen ein wirtschaftliches Desaster"

Darauf hoffen auch Werner und Birgit Linck, die das Restaurant „Sternenschanz“ in Ötisheim betreiben. Küchenchef Werner Linck rechnet damit, dass in der kommenden Woche Feiern mit bis zu zehn Gästen zugelassen werden. „Das würde unsere Lage um einiges verbessern“, sagt er. Festzustellen sei, dass gerade der Außenbereich seines Gasthofs bei schönem Wetter gut frequentiert ist. Die Hemmschwelle, ins Restaurant zu gehen, sei dort offenbar geringer als drinnen.

„Im Großen und Ganzen ist die Corona-Krise aber ein wirtschaftliches Desaster für die Gastronomie“, betont er. Seine Gäste seien sehr verhalten, vorsichtig, aber auch vernünftig und würden sich strikt an die Regeln halten. „Sicherheit und Vertrauen ist ihnen neben dem kulinarischen Aspekt derzeit am wichtigsten“, glaubt Linck und wünscht sich, dass die Gästezahlen spätestens gegen Ende des Jahres wieder auf dem gewohnten Niveau liegen.