Kämpfelbach
Kämpfelbach -  13.02.2020
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Dauod A.: "Praktisch ein Mordversuch" - Molotow-Cocktail trifft Fenster von Bilfinger Wohnhaus - Brandanschlag war nicht die erste Attacke

Kämpfelbach-Bilfingen. Für Dauod A. aus Bilfingen ist in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch endgültig eine Welt zusammengebrochen. Es war 0.35 Uhr, als ein Unbekannter einen Brandanschlag auf das Wohnhaus seiner Familie an der Bilfinger Hauptstraße verübte. Als eine Glasflasche mit hochbrennbarer Flüssigkeit, ein sogenannter Molotow-Cocktail, gegen eines der Fenster krachte. „Das war praktisch ein Mordversuch“, sagt der 57-Jährige.

Noch am Tag danach ist der gesamte Fensterbereich voller Ruß. Im Wohnzimmer hat sich der unangenehme Geruch des Brandbeschleunigers tief in die Vorhänge gesogen. Direkt hinter dem Fenster befindet sich das Wohnzimmersofa. Daneben ein Teppich, auf dem der Bilfinger in der Tatnacht lag und vor dem Fernseher gedöst hat. Zum Glück befand er sich nicht im Tiefschlaf, denn nur die schnelle Reaktion des 57-Jährigen konnte wohl Schlimmeres verhindern.

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„Nach Mitternacht gab es ein lautes Geräusch am Fenster“, erinnert er sich. Geistesgegenwärtig sei er aufgesprungen und habe das Fenster aufgerissen.“ In dem Moment sei der Molotow-Cocktail vom Sims nach unten in den Garten Richtung Hauptstraße gefallen. Da sei auch schon eine gewaltige Stichflamme nach oben geschossen. Die Spuren, die sie hinterließ, zeichnen die Hauswand.

Mehr noch. Schaut man genauer hin, entdeckt man an der grauen Fassade auch die Überbleibsel zahlreicher Eierwürfe. Für den in Kuwait geborenen Bilfinger ist klar: Irgendjemand mag ihn oder seine Familie nicht. Denn nebst den zahlreichen Eiereinschlägen weiß Dauod A. auch über weitere Vorkommnisse zu berichten. Mehrfach seien die Reifen an seinem Auto aufgeschlitzt worden. Eier und Reifenstechereien seien schon unangenehm genug. Aber die Qualität des jetzt erfolgten Angriffs sei damit nicht vergleichbar.

Der Molotow-Cocktail sei bewusst Richtung Fenster geschleudert worden, sagt der 57-Jährige. Im Innenraum hätte die Explosion wohl umgehend Vorhänge und Teppich in Brand gesetzt. Möbel und Holzdecke hätten dem Feuer Nahrung geboten. Was den Bilfinger erzürnt: In dem Haus lebten ja auch Kinder und Jugendliche. Insgesamt umfasse seine Familie neun Personen.

Motiv laut Polizei noch unklar

Die Tat bedrücke ihn psychologisch tief. Es sei ein Angriff auf seine Familie gewesen, auch auf seine Kinder. Es sei ihm unbegreiflich, wie Menschen anderen Menschen so etwas antun könnten. Alle Kinder seien in Deutschland zur Welt gekommen und aufgewachsen. Er sei seit 36 Jahren in der Bundesrepublik und von Pforzheim nach Bilfingen gezogen, wo er seit 2003 in dem Haus an der Hauptstraße beheimatet sei. Der Irrsinn habe leider Methode. Er wisse nicht, warum es immer wieder dieser Übergriffe gebe. Nie habe er sich vorstellen können, aus einem Bürgerkriegsland nach Deutschland zu kommen, um statt Handgranaten nun Molotow-Cocktails erleben zu müssen. Der Mann war über den Libanon in die Bundesrepublik gekommen.

Noch ist das Motiv des Angriffs unklar. „Bislang liegen keine konkreten Hinweise auf eine fremdenfeindliche oder politisch motivierte Tat vor“, so Polizeisprecher Frank Otruba. Die Kriminalpolizei habe die Ermittlungen aufgenommen, der Staatsschutz sei bislang nicht involviert. Zeugen werden gebeten, sich telefonisch unter (07231) 1864444 zu melden.

Fremdenfeindliche Aktionen in und um Kämpfelbach

Im April 2018 hatten Schmierer in der in Kämpfelbach-Ersingen gelegenen Wendelins-Kapelle ihr Unwesen getrieben – sie beschmierten sie von außen unter anderem mit Nazi-Parolen und demolierten die Inneneinrichtung. Sowohl die Außen- als auch die Innenfassaden der Kapelle wurden mittels Graffiti mit Nazi-Symbolen wie teilweise verkehrten Hakenkreuzen und Parolen wie "Sieg Heil" oder die Zahl 88, die für "Heil Hitler" steht, beschmiert. Darüber hinaus wurden ebenfalls auch Phallussymbole, Davidsterne und Smileys aufgesprüht. Ein Tatzusammenhang betand laut Polizei sehr wahrscheinlich mit ähnlichen Fällen von Vandalismus an der Grundschule Kämpfelbach und an der Antonius Kapelle in Ersingen. Letztere wurde ebenfalls mit rechtsextremen Zeichen verunstaltet.

Im September 2016 gab es eine Attacke mit drei Böllern auf eine Königsbacher Asylunterkunft. Die Flüchtlingsfamilien in der Unterkunft waren von den Kanonenschlägen aufgeschreckt worden. Sie blieben aber unverletzt.

„Deutsche wehrt euch!“ hatte im Januar 2016 ein unbekannter Zeitgenosse mit einem schwarzen Edding-Stift auf braunem Pappkarton geschrieben und mit Kabelbinder an ein Königsbacher Ortsschild gebunden. Auf Pappkartons an anderen Ortsschildern in Königsbach-Stein, Bilfingen, Ispringen, Ersingen und Eisingen standen andere Hetzparolen. Im Oktober 2015 hing schon einmal ein ähnliches Schild am Ortseingang von Ersingen. 

Autor: Peter Marx