Knittlingen
Knittlingen -  09.06.2021
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Pop-Up-Museum in Knittlinger Kaufhaus: Zeitreise durch die Welt des Einkaufens

Knittlingen. Ein bisschen Niespulver gefällig? Strohblumen oder Rollschuhe? Abenteuerromane oder Liebesgeschichten? In knisternd-durchsichtige Folie verpackte Herrenhemden vielleicht? Oder Skier der Marke Cortina? Wer das ehemalige Kaufhaus Leitz in Knittlingen betritt, begibt sich in einen Ort voller Geschichten, in eine Zeitkapsel und auf eine Reise in die Warenwelt aus den vergangenen sechs Jahrzehnten. Altmodische Badekleidung und Mieder, verblichene Spiele, Postkarten und Puppen. Tausende Dinge, die Annelore Leitz in dem seit einigen Jahren geschlossenen Laden nicht mehr verkaufen konnte – aber auch nicht weggeschmissen hat, denn „sie sind ja noch gut“, wie die 86-jährige Inhaberin sagt. „Und wir Schwaben sind sparsam.“

Erinnerungen an den ersten Schultag. Foto: Müller
Erinnerungen an den ersten Schultag. Foto: Müller

Rund ums Einkaufen dreht sich die Präsentation „Kaufhausgeschichten“, die das im Schloss Waldenbuch ansässige Museum für Alltagskultur zu einem zeitweiligen Ausstellungsort, einem Pop-Up-Museum umgestaltet hat und bis 27. Juni zu sehen ist.

"Dann sehen die Leute, dass die Vergangenheit eben nicht vergangen ist. Dass es nicht das Ende ist."

Kaufhaus-Inhaberin Annelore Leitz

An einem Ort, der mehr als ein halbes Jahrhundert lang Treffpunkt und Anlaufstelle war für das, was den Knittlingern wichtig war, etwa wenn es um Schule, Konfirmation, Hochzeit oder den täglichen Bedarf ging. Lange vor Internet und Shopping-Malls. Egal was, das Kaufhaus hatte es ganz bestimmt und wenn nicht, besorgten es Annelore Leitz und ihr Ehemann. Oft in großen Mengen. Ein Lieblingsstück? Hat sie nicht. „Für mich ist es die Einheit, das Ganze.“

Mehr als pure Nostalgie

Die Präsentation bietet aber mehr als pure Nostalgie und ein Schwelgen in Erinnerungen an die gute, alte Zeit. Die Ausstellungsmacher um Museumsleiter Markus Speidel und Projektleiterin Michaela Krimmer wollen den Blick schärfen für das, was sich verändert hat zwischen Konsumverhalten und Freizeitgestaltung, Lebensgefühl und Lebensabschnitt. Sie fragen die Besucher nach der Bedeutung der Waren, ihrem heutigen Wert. Auch die Erfahrungen der Pandemie sind in die Ausstellung eingeflossen. Denn seit März 2020 kaufen wir anders ein als zuvor. „Was ist uns eigentlich wichtig an dem, was in den Innenstädten passiert? Corona hat den Blick auf das Thema geschärft und gezeigt: Beim Einkaufen geht es nicht nur um Waren, Konsum ist auch soziales Handeln“, sagt Speidel.

Krimmer habe mit ihrem Team erst einmal aufräumen, sortieren, 80 Kisten füllen und ins Obergeschoss tragen müssen. Um eine Struktur zu schaffen, ohne Charme und Charakter des Kaufhauses zu verletzen. „Über allem stand die Frage: Was ist es wert, genauer angeschaut zu werden?“ Einige Bereiche sind nahezu unverändert, andere szenografisch gestaltet und laden zur Selbstreflexion ein. Mitmachen ausdrücklich erwünscht: Gäste können ihre Meinungen und Erfahrungen einbringen, spielerisch Waren heraussuchen, verstellen und auf Zetteln notieren, was sie damit verbinden, woran sie erinnern oder welche Sehnsüchte sie wecken.

Gegliedert sind die „Kaufhausgeschichten“ in verschiedene Themenbereiche. Schneiderpuppen präsentieren zeittypische Kleidungsstücke: von der rebellischen Outdoor-Jacke aus den 1950er-Jahren über einen Jungen-Anzug mit Safari-Aufnäher aus der Zeit aufkommender Reisebegeisterung bis zu einem Herrenanzug mit Krawatten, die irgendwann zum Auslaufmodell wurden. Ein Sortier-Regal lädt dazu ein, Kleidungsstücke bestimmten Personen zuzuordnen. Einkaufen als soziales Erleben: Ein Text beleuchtet den Wandel vom Feilschen zum Diskutieren, von der Beratung zur Werbung. An einer Wand hängen Plakate, die das Ehepaar Leitz selbst gestaltet hat. Verödung von Innenstädten wird thematisch angerissen, ebenso wie Überfluss und Verschwendung von Kleidung, das eigene, veränderte Kaufverhalten im Lockdown.

Ein weiterer Bereich ist der Freizeit gewidmet. An Spielwaren lassen sich Zeitgeist und gesellschaftlicher Wandel nachvollziehen. „Ein Bausatz einer neuen Ölplattform? Heute undenkbar“, sagt Krimmer. Oder ein Spiel zur Sendung „Wetten dass..?“ mit dem Konterfei von Showmaster Frank Elstner. Frau Leitz bot einst Bastelkurse an. Ein Tisch will zum kreativen Schaffen animieren. Am Ende steht ein Ausblick: In einer Zeit der Unsicherheit können Besucher ihre Fragen und Gedanken hinterlassen. Viele Knittlinger haben bereits mitgemacht und Postkarten mit der Frage „Einkaufen bedeutet für mich…“ ausgefüllt.

Auf ihren Stock gestützt steht Annelore Leitz da, wo sie fast sechs Jahrzehnte immer stand: An der Eisenkasse mit Schublade, hinter dem Glastresen, und kramt einen alten Kassenzettel hervor. Sie sei glücklich über die Aufmerksamkeit, die Aufwertung ihres Kaufhauses, das mal ihr Leben war, erzählt sie. „Dann sehen die Leute, dass die Vergangenheit eben nicht vergangen ist. Dass es nicht das Ende ist.“

Die Öffnungszeiten

Das Pop-Up-Museum an der Marktstraße 14 in Knittlingen ist ab diesem Freitag bis 27. Juni geöffnet: donnerstags von 14.30 bis 19 Uhr, freitags von 14.30 bis 19 Uhr, samstags von 13 bis 19 Uhr, sonntags von 11 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Maximal fünf Genesene, Getestete oder vollständig Geimpfte dürfen gleichzeitig rein – mit FFP2-Maske. Es gelten die allgemeinen Abstandsregeln.