Königsbach-Stein
Königsbach-Stein -  13.03.2020
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Frischekur für Bäume - bei eisigem Wind hoch ins Geäst klettern, schneiden und sägen

Königsbach-Stein. Da kann ihnen der eisige Wind um die Ohren pfeifen, wie er will: Die ehrenamtlichen Helfer der Obst- und Gartenbauvereine in Stein und Königsbach sind trotzdem stundenlang im Einsatz für die heimische Flora und Fauna. Bei den landesweiten Streuobstpflegetagen schneiden sie gemeindeeigene Bäume zurück. Dafür brauchen sie nicht nur zum Teil schweres Gerät, sondern auch jede Menge Fachwissen. „Heimatstark“ war vor Ort und hat sich ein Bild von der Arbeit gemacht.

Für ihre wertvolle Arbeit dankt Bürgermeister Heiko Genthner (Siebter von links) den OGV-Mitgliedern, den Steiner Vorsitzenden Gerhard Hofsäß (Fünfter von links) und dem Königsbacher EhrenvorsitzendenClaus Sarnecki (Neunter von links). Foto: Roller
Für ihre wertvolle Arbeit dankt Bürgermeister Heiko Genthner (Siebter von links) den OGV-Mitgliedern, den Steiner Vorsitzenden Gerhard Hofsäß (Fünfter von links) und dem Königsbacher EhrenvorsitzendenClaus Sarnecki (Neunter von links). Foto: Roller

Dunkelgraue Wolken hängen am Himmel. Eisig pfeift ein böiger Wind über die Hügel rund um Stein. Leicht biegen sich im Gewann „Löwengrund“ die Äste der gemeindeeigenen Streuobstbäume hin und her. Die Helfer tragen dicke Jacken, Handschuhe und Mützen. Vom Wetter lassen sie sich von ihrer Arbeit nicht abhalten. Sechs Stunden lang sind sie im Einsatz, um der heimischen Flora und Fauna etwas Gutes zu tun, ehrenamtlich in ihrer Freizeit. 16 Mitglieder der beiden Obst- und Gartenbauvereine aus Königsbach und aus Stein beteiligen sich an den landesweiten Streuobstpflegetagen des Landesverbands für Obstbau, Garten und Landschaft (LOGL) Baden-Württemberg.

Ungeschnittene Bäume vergreisen schnell

Auf Leitern und auf Steigtannen, mit Schneidgiraffen, mit Ast- und Rebscheren, mit Hochentastern und Sägen rücken sie den überschüssigen Ästen an rund 60 gemeindeeigenen Bäumen im Gewann „Löwengrund“ zu Leibe. „Wenn man einen Baum nicht schneidet, dann vergreist er schneller“, sagt Gerhard Hofsäß: „Das ist so ähnlich, wie wenn sich ein Mensch nicht wäscht.“

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Der Vorsitzende des Steiner Obst- und Gartenbauvereins kennt sich aus mit Bäumen und weiß, wie man sie so pflegt, dass sie lange gesund bleiben und viele Früchte tragen. Ein Baum bestehe aus der Wurzel, aus dem Stamm und aus einem großen Trieb, der in der Mitte nach oben wächst und für den Experten wie Hofsäß den Fachbegriff „durchgehende Mitte“ verwenden. Wo sie entspringt, am Beginn der Baumkrone, gehen auch die Leitäste ab. Für einen Baum sind sie unersetzlich, denn sie bilden das Traggerüst für die kleineren Fruchtäste, an denen letztlich das Obst hängt.

Heute dominiert der Oeschberg-Schnitt

Drei bis vier Leitäste sollte ein Baum haben, sagt Hofsäß. Früher habe man sie flach gehalten, im nahezu rechten Winkel zum Stamm. „Württembergischer Schnitt“ sagte man dazu. „Das macht man heute aber nicht mehr“, weiß der OGV-Vorsitzende und erklärt auch, warum: Wenn der Baum Früchte trägt, ist das auf den flachen Leitästen lastende Gewicht so hoch, dass sie abgestützt werden müssen. Nicht gerade optimal. Deswegen praktiziert man heute den Oeschberg-Schnitt, bei dem man dafür sorgt, dass es nur drei bis vier Leitäste gibt, die im 45-Grad-Winkel zum Stamm stehen. Der steilere Winkel sorgt dafür, dass die Äste das Gewicht der Früchte besser tragen können. Und die geringe Anzahl der Leitäste stellt sicher, dass die Baumkrone nicht zu dicht wird.

„Wenn die Äste unter zu vielen Blättern und anderen Ästen liegen, dann kommt zu wenig Sonne durch“, erklärt Hofsäß. Die Folge: Das Risiko für Krankheits- und Schädlingsbefall nimmt zu, denn bei einer dichten Krone trocknet der Baum nach Regen langsamer ab. Auch die Früchte reifen dann nicht richtig, weil Photosynthese nur eingeschränkt möglich ist. Gibt es viele Äste in der Baumkrone, dann wachsen dort zwar auch mehr Früchte, aber sie werden kleiner und vom Baum schlechter mit Nährstoffen versorgt. „Das ist eine richtige Wissenschaft“, sagt Hofsäß und lacht. Zusammen mit den Helfern der beiden Vereine nimmt er einen Erhaltungsschnitt vor. Sie kümmern sich vor allem um Zwetschgenbäume, hin und wieder auch um Apfel- und Birnenbäume.

Walnussbäume erst im Spätjahr schneiden

Im Gewann „Löwengrund“ stehen zwar auch einige Walnussbäume, aber die rühren Hofsäß und seine Kollegen nicht an. Und zwar aus gutem Grund: Schneidet man Walnussbäume während ihrer Vegetationsphase, dann tritt eine Flüssigkeit aus: Der Baum verliert seine Nährstoffe, er blutet aus. Deshalb schneidet man Walnussbäume erst in der vegetationsfreien Zeit im Spätjahr.

Obstbäume bluten dagegen nicht aus. Und sie werden alle ähnlich geschnitten, mit ein paar Ausnahmen: Bei Sauerkirsch- und Pfirsichbäumen kommt der Oeschberg-Schnitt nicht zur Anwendung. Sie sollen stattdessen eine hohle Tellerkrone ohne durchgängigen Mitteltrieb haben. Und noch etwas ist anders: Während man bei den meisten Obstbäumen auch mal ein Jahr aussetzen darf, müssen Sauerkirsch- und Pfirsichbäume jedes Jahr geschnitten werden, weil sonst die Krone zuwächst. Der Grund: Bei den meisten Obstbäumen trägt das Fruchtholz erst im zweiten Jahr Früchte, bei Sauerkirsch- und Pfirsichbäumen schon im ersten Jahr. „Der Rückschnitt zur Basis ist unbedingt notwendig“, sagt Hofsäß: Macht man ihn nicht, bilden sich „Peitschentriebe“: Äste, die immer länger werden.

Im Lauf des Tages schaut auch Königsbach-Steins Bürgermeister Heiko Genthner bei den Ehrenamtlichen vorbei und überbringt ihnen nicht nur den Dank der Gemeinde, sondern sorgt auch für ein Vesper. Der Schultes bringt es auf den Punkt: „Heutzutage wird viel über die Umwelt geredet, aber Sie sind hier ganz direkt zum Wohl der Umwelt aktiv.“

Lebensraum für Tiere und Pflanzen

Einst ermöglichten Streuobstwiesen es vielen Menschen, das karge Nahrungsangebot mit selbst erzeugten Produkten zu ergänzen. Und auch heute wird auf den Streuobstwiesen noch die Hauptmenge für die Fruchtsaftproduktion geerntet. Dabei dient die Streuobstwiese längst nicht nur der Obstproduktion: Sie erfüllt auch viele ökologische und soziale Funktionen. Die von ihr geprägten Landstriche sind Naturräume mit hoher Artenvielfalt und hohem Erholungswert. Floristisch gesehen, gehören intakte Streuobstwiesen zu den mageren Glatthaferwiesen. In diesen Wiesengesellschaften gibt es noch zahlreiche gefährdete Pflanzenarten.

Auch der große Artenreichtum ist auffällig: Auf kleinem Raum wachsen Pflanzen mit unterschiedlichen Ansprüchen an Nährstoffversorgung, Licht und Feuchte. Auch viele Tiere fühlen sich dort wohl, finden Nahrung und Unterschlupf. So sind etwa viele Insekten auf Obstbäume angewiesen. Streuobstwiesen sind Kulturlandschaften, vom Menschen angelegt, gepflegt und genutzt. Sie werden nur durch die Nutzung gepflegt und erhalten. Durch ihre ehrenamtliche Arbeit tragen die Obst- und Gartenbauvereine dazu bei.

Landesweit werden 9000 Bäume gepflegt

Die beiden Obst- und Gartenbauvereine in Königsbach und Stein sind die einzigen im Enzkreis, die sich an den landesweiten Streuobstpflegetagen beteiligen. Initiiert vom Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaft (LOGL), soll mit der Aktion die Lebensdauer der Bäume und ihr ökologischer Wert gesteigert werden. Landesweit werden rund 9000 Bäume geschnitten, wie Claus Sarnecki sagt. Der Ehrenvorsitzende des Königsbacher Obst- und Gartenbauvereins ist zugleich Mitglied im Landesvorstand und weiß, dass die rund neun Millionen Bäume auf den rund 115.000 Hektar in Baden-Württemberg die größten zusammenhängenden Streuobstbestände in ganz Europa bilden. Mit den Streuobstpflegetagen wolle der LOGL zum Erhalt dieser wertvollen Kulturlandschaft beitragen. Durch die Aktion werde wichtiges Fachwissen weitergegeben. Mehr Infos unter www.logl-bw.de

Förderung für Streuobstpflege

Die Förderperiode für die Landesmaßnahme Baumschnitt-Streuobst zur Unterstützung der Baumbewirtschafter wird um weitere fünf Jahre verlängert. Sammelanträge können ab sofort bei den jeweils zuständigen Regierungspräsidien eingereicht werden. Das teilte das Landwirtschaftsministerium in Stuttgart gestern mit. In den Staatshaushaltsplan 2020/21 seien jährlich 3,3 Millionen Euro für die Streuobstförderung eingestellt. Somit könne der Schnitt pro Baum voraussichtlich weiterhin zweimalig in fünf Jahren mit je

15 Euro gefördert werden. Die Kommunen können diesen Fördersatz um bis zu zehn Euro je Baumschnitt erhöhen. „Wir haben das Förderprogramm flexibler gestaltet, insbesondere wird auf die Vorlage eines Schnittkonzepts verzichtet“, so das Ministerium. Sammelantragsteller können Gruppen von Privatpersonen, Vereine oder Verbände, obstverarbeitende Betriebe sowie Kommunen sein. Weitere Infos unter www.streuobst-bw.info

Autor: Nico Roller