Maulbronn
Maulbronn -  22.05.2022
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„Affettuosità“ in Vollendung: Maulbronnner Klosterkonzerte eröffnet

Maulbronn. Wenn man in der Mozartstadt Salzburg aufgewachsen ist, wo es an allen Ecken singt und klingt, und zudem beide Eltern Pianisten sind, scheint es selbstverständlich, selbst Musikerin zu werden. Die Rede ist von Midori Seiler, die zur Eröffnung der Klosterkonzerte Maulbronn wie ein zartes Vögelchen im flattrig-schwarzen Outfit auf das Konzertpodium in der Klosterkirche weht und nach kurzer Abstimmung mit dem Orchester, dem Concerto Köln, zu singen beginnt – nein, nicht mit menschlicher Stimme, sondern mit ihrem Instrument, ihrer Geige.

Stimmungsvoller Start in der Maulbronner Klosterkirche, zu dem das Concerto Köln aufspielte. Foto: Fotomoment
Stimmungsvoller Start in der Maulbronner Klosterkirche, zu dem das Concerto Köln aufspielte. Foto: Fotomoment

Stimmiges Motto

Selten ist ein Konzertmotto so stimmig wie „la venezia di anna maria“ an diesem sommerlich heißen Abend. Das zahlreiche Publikum befindet sich zwar nicht in Venedigs Chiesa del Ospedale, wo Antonio Vivaldis Meisterschülerin Anna Maria dessen meist für sie komponierte Violinkonzerte aufführte, aber immerhin auch in einer Weltkulturerbe-Kirche. Das Mädchen war als Findelkind im venezianischen Waisenhaus Ospedale della Pietà aufgenommen worden und später Mitglied, bald herausragende, ja berühmte Violinsolistin im legendären Mädchenorchester des Hospitals der Barmherzigkeit. Und hier wirkte Vivaldi als ihr Musiklehrer, Komponist und Konzertmeister.

Besagte hochbegabte Anna Maria, die damals Musikbegeisterte aus vieler Herren Länder hören wollten, war gewissermaßen als Midori Seiler nach Maulbronn gekommen. Über den vom Orchester ausgerollten, barock-prächtigen Klangteppichen musizierte sie Vivaldis Violinkonzert Es-Dur „per Anna Maria“ (RV 260) mit überirdischer Zartheit und herrlichen Höhen, das Einleitungs-Allegro auch im Dialog mit einem solistischen Cello, den Schlusssatz mit einer atemberaubend klangschönen Kadenz.

Klangseligkeiten entfaltet

Unvergleichlich Seilers Virtuosität bei der Ausgestaltung der filigranen Schmuck-Girlanden in Vivaldis Violinkonzert d-Moll „per Anna Maria“ (RV 248), die Mega-Rasanz in den wirbelnden Ecksätzen, die stark verzögerten oder beschleunigten Tempi in den Largo- und Presto-Abschnitten des kon-trastreichen Mittelsatzes. Doppelgriff-Passagen, Flageoletts und Arpeggien entfalteten Klangseligkeiten. Die Solistin ging die Themen entschlossen, aber mit schwebender Leichtigkeit an, ließ den nach barocker Art hart gespannten Bogen über die Violinsaiten springen, federn und gleiten. Das war, wie die Venezianer es nannten, „Affettuosità“ in Vollendung.

Dabei präsentierte sich Seiler eng verwoben mit dem Concerto Köln, dem von Konzertmeister Markus Hoffmann angeleiteten renommierten Ensemble für historische Aufführungspraxis. Charakteristisch die vibratolos-langgezogenen Schwelltöne oder geradezu jagenden, wuchtig aufrauenden Tonfolgen. So wurden in den strahlenden C-Dur-Wiedergaben von Vivaldis Concerto a quattro für Streicher und Basso continuo, in dem auch Laute, Barock-Fagott und Cembalo mitwirkten (Ver-zeichnis-Nr. RV 114), im Raum wogende Klangwellen freigesetzt, oder in Vivaldis „L’Olimpiade“ (aus der Sinfonie RV 725) wunderschöne Echo-Effekte ausgesendet.

Ähnliches gilt auch für die Interpretation des Streicher-Konzertes Nr. 1 von Baldassare Galuppi, eines venezianischen Komponisten-Kollegen Vivaldis, oder für die von der 1969 geborenen Geigenprofessorin Midori Seiler eigenwillig rekonstruierte Fassung eines verschollenen Violinkonzertes von Johann Sebastian Bach (BWV 1056R), der Vivaldis Konzerte genau kannte und einige auch bearbeitet hat.

So erlebten die begeisterten Zuhörer einen von der mitreißenden Leidenschaft aller Interpreten geprägten venezianischen Auftakt bei den Klosterkonzerten Maulbronn.

Autor: Eckehard Uhlig