Maulbronn
Maulbronn -  10.09.2018
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Mit bewundernswerter Bravour: Contzen und Glemser in Maulbronn

Maulbronn. Dimitri Schostakowitschs Sonate für Violine und Klavier (op. 134) zu spielen, bedeutet Kampf. Nicht etwa Kampf der beiden Instrumente gegeneinander, sondern mit den enormen virtuos-technischen und vor allem interpretatorischen Herausforderungen der Komposition. Die Gei-gerin Mirijam Contzen und Residenz-Pianist Bernd Glemser bestanden diesen gemeinsamen Kampf bei den Maulbronner Klosterkonzerten mit bewundernswerter Bravour.

Baut in unglaublich rasanten Tempi regelrechte Violin-Kaskaden auf: Mirijam Contzen. Foto: Fotomoment
Baut in unglaublich rasanten Tempi regelrechte Violin-Kaskaden auf: Mirijam Contzen. Foto: Fotomoment

Man kann in diesem Stück vieles von der Qual und Angst Schostakowitschs wiederfinden, der unter Stalins Diktatur in der Sowjetunion zu leiden hatte und zeitweise als „Antivolkskomponist“ existenziell bedroht und gebrandmarkt wurde. Interpreten und Hörer dieser Sonate begeben sich auf eine emotionale Reise, die der Überwindung seelischer Zerrissenheit gilt.

Zärtlich im „Andante“

Im einleitenden „Andante“ ging es noch mit flirrend gedämpften Tremoli vergleichsweise zurückhaltend und sogar zärtlich zu. Vor allem im zweiten schnellen Satz, dem „Allegretto“, lieferten sich die beiden Interpreten dem musikalischen Kampfgetümmel aus. Über dem maschinenhaft hämmernden Laufwerk des Klaviers bäumten sich in unglaublich rasanten Tempi die Violin-Kaskaden auf – mit angerissenen Saiten und doppelgriffigen, geradezu verzweifelt aufschreienden, schrillen Akzenten. Das Klavier donnerte wild, die Geige tobte nervös. Auch im abschließenden „Largo“ waren noch abziehende Klavier-Gewitter und schrundige Violin-Trillerketten in Solopassagen zu hören.

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Ganz anders hatte das Solisten-Duo vor der Pause musiziert. Die Wiedergabe von Alexander von Zemlinskys Suite für Violine und Klavier zelebrierte in lichthellem A-Dur nach schwungvoller Einleitung in insgesamt mäßigem Tempo lyrisch klangschöne Stellen und unbeschwerte Heiterkeit – im Violinpart mit launigen Pizzikato-Passagen und vibratosattem Gesang. Das Klavier steuerte leidenschaftliche Aufschwünge bei und sorgte für großen Ausdruck. Auch eine für Zemlinsky typische walzerfreudige Hommage an Wien fehlte nicht.

Leuchtende, blühende Linien

Der von Zemlinsky verehrte Johannes Brahms war mit seiner zweiten Violinsonate in A-Dur (op. 100) vertreten – von Contzen und Glemser mit feiner Einfühlung als Klangsinnbild eines ruhevoll-glücklichen Seelenzustandes interpretiert. Eine besonnte Stimmung beherrschte das ganze Werk. Volksliedhafte Gesanglichkeit, spielerische Ausdrucksformen, aber auch markant leuchtende oder blühende Linien bestimmten diese Musik. Nach lang anhaltendem Schlussapplaus beschenkten die von Schostakowitsch sichtlich erschöpften Duo-Partner ihre Zuhörer noch mit einem Sonatensatz von Johann Sebastian Bach.

Autor: Eckehard Uhlig