Maulbronn
Maulbronn -  15.05.2018
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Vokalquartett New York Polyphony begeistert in der Maulbronner Klosterkirche

Maulbronn. Am besten schließt man die Augen und überlässt sich den fließenden Linien des Gesangs – jedenfalls dann, wenn das Vokalquartett New York Polyphony in der Maulbronner Klosterkirche Marienlieder und biblische Textvertonungen aus Mittelalter und Renaissance interpretiert. Das ist wie Beten oder Meditieren mit Musik.

Engelsstimmen: Countertenor Geoffrey Williams, Tenor Steven Caldicott Wilson, Bariton Christopher Dylan Herbert und Bass Craig Philipps (von links). Foto: Fotomoment
Engelsstimmen: Countertenor Geoffrey Williams, Tenor Steven Caldicott Wilson, Bariton Christopher Dylan Herbert und Bass Craig Philipps (von links). Foto: Fotomoment

Das zweite Maulbronner Klosterkonzert in der Jubiläums-Saison präsentiert eine Vokal-Formation, die die Kunst des nach innen gerichteten à-capella-Gesangs in Vollendung beherrscht. Zudem agierten Countertenor Geoffrey Williams, Tenor Steven Caldicott Wilson, Bariton Christopher Dylan Herbert und Bass-Bariton Craig Philipps mit ihren mönchisch-liturgischen, an Gregorianik erinnernden Gesängen am idealen Aufführungsort: Akustik und Architektur-Ambiente in der Zisterzienserkirche hätten nicht besser zu dieser makellos rein intonierten Andachtsmusik passen können.

In herrlich klarer Vierstimmigkeit, die sich auf Vertrautheit mit dem besonderen Genre und auf Natürlichkeit gründet, ertönen der Lobpreis Marias, das „Audivi vocem de caelo“ und das „Sancte Deus“ (von Thomas Tallis, 1505-1585), das fromme Lied „Regina Caeli“ (von Francisco Guerrero, 1528-1599) mit klangprächtig ausgezogenen, weiten Liedbögen des Counters und das „Ave Maria“ (von Adrian Willaert, 1490-1562). Alles wie von in sich ruhenden Engelsstimmen in den jeweils individuellen Farben ihrer Timbres vorgetragen. Interessanterweise konfrontiert das Ensemble die altmeisterlichen Litaneien mit der hochmodern-komplexen Komposition „O pia virgo“ von Michael McGlynn (geboren 1964), deren Interpretation klangliche Dissonanzen nicht scheut und beim Zitieren der „Splendida Stella“ in lautstarken Jubelton ausbricht. Durchkomponierte Textpassagen aus Salomos „Das Hohelied“ verströmen in dem zeitgenössischen Vokalwerk „Canticum Canticorum“ (von Ivan Moody, geboren 1964) fein schwebenden Gesang über ostinatem Bass. Je nach Textinhalt bestimmen hier dunkel ineinander verschwimmende Stimmen oder ein helles, begeistertes Liebesbekenntnis die Wiedergabe.

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Anton Bruckners „Inveni David“ steuert ein kraftvolles, vielfach repetiertes „Alleluja“ bei. Schlussendlich mündet das mit überschwänglichem Applaus bedachte Konzert nach dargebotenen amerikanische Folksongs sinnfällig in die aus früher Gospel-Tradition stammende Vokalmusik „Sweet Hour of Prayer“.

Autor: Eckehard Uhlig