Maulbronn
Maulbronn -  15.06.2026
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Vor 30 Jahren fuhr die Stadtbahn probeweise nach Maulbronn – doch die Klosterstadt wartet bis heute auf ihren Anschluss

Maulbronn. Mehr als 2000 Menschen nutzten 1996 einen Aktionstag von VCD und Pro Bahn zwischen Bretten, Mühlacker und Maulbronn. Vieles von der damaligen Vision wurde später Realität. Nur die letzten Kilometer bis in die Klosterstadt fehlen bis heute.

Über dieses Gleis fuhren beim Aktionstag am 16. Juni 1996 erstmals seit Jahren wieder Personenzüge nach Maulbronn-Stadt. Die Debatte um die Zukunft der Strecke dauert bis heute an.
Über dieses Gleis fuhren beim Aktionstag am 16. Juni 1996 erstmals seit Jahren wieder Personenzüge nach Maulbronn-Stadt. Die Debatte um die Zukunft der Strecke dauert bis heute an. Foto: Meyer

Ein paar Minuten vor dem Ende des Aktionstags wird es hektisch. Auf dem Gleis nach Maulbronn steht plötzlich ein Güterzug fest. Die Elektrolok ist versehentlich auf die Stichstrecke geleitet worden – dorthin, wo es keine Oberleitung gibt. Nichts geht mehr. „Die Fahrgäste mussten erst aussteigen“, erinnert sich Matthias Lieb heute. „Dann hat der Dieseltriebwagen auf zwei oder drei Anläufe den Güterzug wieder herausgezogen.“

Für den Mühlackerer ist diese Szene bis heute untrennbar mit dem 16. Juni 1996 verbunden. Damals organisierte der heutige Qualitätsanwalt für Fahrgäste in Baden-Württemberg, damals VCD-Kreisvorsitzender und später langjähriger Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland, gemeinsam mit dem Fahrgastverband Pro Bahn einen Aktionstag, der die Verkehrsgeschichte der Region verändern sollte.

Mehr als 2000 Menschen nutzten an diesem Sonntag die Sonderzüge zwischen Bretten, Mühlacker und Maulbronn. Die „Pforzheimer Zeitung“ berichtete damals von dichtem Gedränge am Maulbronner Stadtbahnhof und kam zu dem Schluss: „Stadtbahnlinie nach Maulbronn keine Utopie“. Dabei hatte die Geschichte Jahre zuvor mit einem Rückschritt begonnen: „1973 wurde der Personenverkehr nach Maulbronn eingestellt“, sagt Lieb. „Und 1991 wurde mit der Inbetriebnahme der Schnellfahrstrecke auch der Nahverkehr zwischen Mühlacker und Bretten praktisch aufgegeben.“

Die Unterwegsbahnhöfe in Ötisheim, Maulbronn-West, Ölbronn und Ruit verloren ihre regelmäßigen Zughalte. Nach Angaben des VCD verkehrten fortan lediglich zweistündliche Eilzüge. Gleichzeitig zeigte sich wenige Kilometer weiter südlich, welches Potenzial in einem attraktiven Schienenangebot stecken konnte. Die 1992 eröffnete Karlsruher Stadtbahn entwickelte sich zum Erfolg.

„Die Fahrgastzahlen sind von rund 2000 auf etwa 14.000 gestiegen“, sagt Lieb.

„Da war für uns klar: Warum soll das nicht auch Richtung Mühlacker funktionieren?“ Tatsächlich empfahl ein vom Land Baden-Württemberg in Auftrag gegebenes Gutachten Mitte der 1990er-Jahre, die Stadtbahn von Bretten nach Mühlacker zu verlängern und dabei auch die Stichstrecke nach Maulbronn einzubeziehen. Die 1993 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärte Klosterstadt sollte damit besser erreichbar werden. Nach Angaben des VCD wurde dieser Vorschlag 1994 in einer Untersuchung konkret ausgearbeitet.

„Wir haben das natürlich begrüßt“, sagt Lieb. „Vor Ort war die Begeisterung aber eher verhalten. Also wollten wir zeigen, was möglich ist.“

Aus der Idee wurde ein organisatorischer Kraftakt. Um die Sonderfahrten finanzieren zu können, warben die Organisatoren um Unterstützung bei den Anrainerkommunen. Insgesamt seien rund 8000 Mark an festen Zuschüssen zusammengekommen. „Ohne diese Unterstützung hätten wir das nicht stemmen können“, sagt Lieb. Gleichzeitig mussten praktische Probleme gelöst werden. In Maulbronn-West musste etwa die verschlossene Unterführung wieder geöffnet werden. Kurz vor der Veranstaltung drohte nach Liebs Erinnerung sogar noch eine Versicherungsfrage zum Problem zu werden.

Der Aufwand lohnte sich. Von 10 bis 17 Uhr fuhr stündlich eine Stadtbahn zwischen Bretten und Mühlacker. In Maulbronn-West bestand Anschluss an einen Dieseltriebwagen nach Maulbronn-Stadt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnten Fahrgäste wieder auf der stillgelegten Strecke in die Klosterstadt fahren. Laut Lieb nutzten rund 2000 Fahrgäste das Angebot.

Die Veranstalter verbanden mit dem Aktionstag ein klares Ziel. „Eine Stadtbahnlinie von Mühlacker über Maulbronn-Stadt nach Bretten ist realisierbar und ein großer Gewinn für die gesamte Region“, zitierte die PZ damals die Verantwortlichen. Rückblickend wurde ein großer Teil dieser Vision Wirklichkeit. Die Diskussion um die Stadtbahn gewann an Fahrt. Nach Angaben des VCD wurden in der Folge neue Haltepunkte vorbereitet, darunter in Ölbronn, Kleinvillars, Ruit und Bretten-Rechberg. 1999 wurde die Stadtbahn zwischen Bretten und Mühlacker schließlich in Betrieb genommen. Nur ein Teil der damaligen Idee blieb unerfüllt. Denn nach dem Aktionstag begann die bis heute andauernde Debatte um das Stichgleis. Nach Angaben von Lieb leitete die Deutsche Bahn wenig später ein Stilllegungsverfahren für die Strecke nach Maulbronn ein. Um den Erhalt der Verbindung zu sichern, brachte der VCD 1997 den Klosterstadt-Express auf die Schiene. Aus dem zunächst als Reaktion auf die Stilllegungspläne entstandenen Angebot entwickelte sich ein Projekt, das die Strecke bis heute im Bewusstsein der Region hält.

Fast drei Jahrzehnte später beschäftigt die Frage eines Bahnanschlusses für Maulbronn die Region noch immer.

„Im Moment gibt es viele Reaktivierungsbemühungen in Baden-Württemberg“, sagt Lieb.

„Da muss man erstmal schauen, wie man die Strecke vernünftig eingebettet bekommt.“