Mühlacker
Mühlacker -  07.04.2020
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Wenn das Taxi zur Sicherheitszone wird: Mit diesen Maßnahmen meistert die Beförderungsbranche Corona

Mühlacker/Enzkreis/Pforzheim. Vor allem an den Supermarktkassen zählen sie in der Corona-Krise längst zur Standardausrüstung. Die Rede ist von den oft mächtigen Plexiglas-Konstruktionen, die Mitarbeiter beim Eintippen der Ware auf dem Transportband vor Speichelflug und somit vor der Infektion mit dem Virus schützen sollen. Mittlerweile hat auch die Taxibranche reagiert und ähnliche Systeme in ihren Fahrzeugen installieren lassen.

Durch die neue Schutzscheibe in ihrem Fahrzeug fühlt sich Taxi-Fahrerin Carmen Bihler vom Mühlacker Unternehmen Bacher sicherer an ihrem Arbeitsplatz. Und auch die Fahrgäste sind nun besser geschützt. Foto: Hepfer/Privat
Durch die neue Schutzscheibe in ihrem Fahrzeug fühlt sich Taxi-Fahrerin Carmen Bihler vom Mühlacker Unternehmen Bacher sicherer an ihrem Arbeitsplatz. Und auch die Fahrgäste sind nun besser geschützt. Foto: Hepfer/Privat

Zu den ersten Dienstleistern im Enzkreis, die für einen Speichel- oder Spuck-Schutz in den Autos gesorgt haben, zählt das Mühlacker Unternehmen Taxi Bacher. „Die Plexiglasscheibe bei mir im Taxi zwischen dem Fahrersitz und der Rückbank ist seit knapp zwei Wochen eingebaut“, erzählt Fahrerin Carmen Bihler, die sich dadurch sicherer fühlt als zuvor. „Im Gegensatz zu Busfahrern, bei denen es zumindest einen Sicherheitsabstand gibt, waren wir vorne am Lenkrad so gut wie ungeschützt und einem möglichen Speichelflug quasi ausgeliefert“, schildert die 51-Jährige und ist auch ihren Chefs für diese Sicherheitsmaßnahme dankbar.

Maßnahme für Mitarbeiter und Fahrgäste

„Wir haben überlegt, was man sowohl für unsere Mitarbeiter als auch für unsere Fahrgäste tun kann, um sie vor einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen“, sagt Karina Bacher vom gleichnamigen Mühlacker Taxi-Unternehmen. Zuerst sei in der Sache zwar etwas Tüftelei nötig gewesen, gemeinsam mit der Pforzheimer Firma Neon-Nagel habe man dann aber ein tragfähiges Konzept für nicht splitternde Schutzscheiben im Taxi entwickelt, das in dieser Form auch vom TÜV akzeptiert worden sei. Wie Karina Bacher berichtet, wurden in den dreizehn Fahrzeugen ihrer Flotte, die derzeit noch in Betrieb sind, entsprechende Schutzsysteme für 60 bis 80 Euro pro Stück installiert. Zusätzlich habe man außen an den Taxis Hinweise für die Passagiere angebracht. Und falls der Schulbetrieb wieder beginnen sollte, könne man gegebenenfalls weitere Fahrzeuge schnell nachrüsten, sagt sie. Weil die „Laufkundschaft“ etwa am Mühlacker Bahnhof wegen des Ausnahmezustands weggebrochen sei, gelte es nun wenigstens über Krankenfahrten etwas Umsatz zu generieren, damit das Unternehmen mit seinen rund 80 Mitarbeitern überleben könne.

Plexiglas auch bei Taxi Ebert

Seit Anfang der vergangenen Woche sind auch sämtliche Fahrzeuge, die Taxi Ebert aus Birkenfeld im Einsatz hat, mit Plexiglasscheiben ausgestattet. „Vorher hatten wir den Fahrer- und Gästebereich mit Folie getrennt“, erzählt Inhaber Helmut Ebert. Das sei aber nicht das Gelbe vom Ei gewesen. Eingestiegen werden darf als Gast laut Verordnung des Regierungspräsidiums ohnehin nur noch hinten – und zwar allein, im Großraumtaxi höchstens zu zweit. Sind Gäste an Bord, trägt der Fahrer Mundschutz und Handschuhe. Der Innenraum wird desinfiziert. Bloß: Auch das Desinfektionsmittel wird knapp.

Auf die Frage, wie der Betrieb derzeit laufe, antwortet Ebert: „Es läuft gut, nur fährt sich’s schlecht.“ Auch wenn er den Humor nicht verloren hat, sind die Umsätze dramatisch eingebrochen. Gerade einmal fünf bis acht Prozent der üblichen Aufträge sind noch übrig. Die beschränken sich weitgehend auf Krankenfahrten. Keine Laufkundschaft, kein Flughafentransfer, keine Firmenfahrten. Manche buchen Kurierfahrten, der Fahrer holt bestellte Einkäufe auf dem Markt oder Medikamente in der Apotheke ab. Bar bezahlt wird bei Ebert so gut wie nicht mehr. Die Krankenfahrten werden ohnehin über die Krankenkassen abgerechnet. Die Möglichkeit, mit Karte zu zahlen, besteht längst. Schon zum 1. März hat Ebert Kurzarbeit angemeldet, seit 1. April sind 13 der 28 Fahrzeuge – Taxen wie Mietwagen – abgemeldet. Die Kosten für die Versicherung sind immens.

90 Prozent der Aufträge weggebrochen

Ein ähnliches Bild zeichnet Kristina Weber, Inhaberin von Taxi Weber und Minicar in Pforzheim. Auch bei ihr sind 90 Prozent der Aufträge weggebrochen, auch sie hat Kurzarbeit beantragt. „Doch so lange es geht, wollen wir einen Notbetrieb aufrechterhalten“, so Weber. Auch, wenn sich der aus finanzieller Sicht längst nicht mehr rechnet. „Wir machen das für unsere Kunden“, sagt die Chefin. Auch Weber hat Maßnahmen getroffen, um Fahrer wie Gäste zu schützen. In mehreren Sprachen hängen Hinweisschilder in den Fahrzeugen. Folien trennen den Gastbereich ab. Nach jedem Gast wird gelüftet. Sitze und Griffe werden nach jedem Schichtwechsel desinfiziert. Auch bei Weber beschränken sich die Fahrten auf Patienten, die dringend zur Dialyse, Bestrahlung oder Chemotherapie müssen.

Ansonsten seien die Aussichten düster: „Wo sollen die Leute auch hingehen?“, so Weber. Als sie am vergangenen Freitag mit der PZ telefonierte, hat sie gerade erfahren, dass Dialyse-Patienten nur noch mit Mundschutz transportiert werden dürfen. Den hat sie nicht vorrätig. Zwar genüge auch ein Schal vor Mund und Nase, doch die Frage sei, ob sich der Aufwand noch lohne. Und nach den Lockerungen sei längst nicht alles überstanden: „Bis wir auf die Zahlen von vor vier Wochen kommen, dürfte das Jahr vorüber sein“, schätzt Weber. Da derzeit viele in Kurzarbeit seien, überlege sich wohl mancher gut, ob er sich das Geld für eine Taxifahrt zunächst nicht lieber spare.

Autor: Peter Hepfer und  Anke Baumgärtel