Neuenbürg
Neuenbürg -  14.07.2020
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„Konsument alleine kann es nicht regeln“ – Neuenbürgs evangelischer Dekan Joachim Botzenhardt äußert sich zu Müller Fleisch

Neuenbürg. Von neuen Seiten zeigt sich der Gemeindebrief der Verbundkirchengemeinde Neuenbürg: Ausgiebig widmet er sich der Situation der Arbeiter von Müller Fleisch, nach dem Corona-Ausbruch im Birkenfelder Schlachtbetrieb im April. Zu Wohn- und Arbeitbedingungen kommen die Fraktionen des Neuenbürger Gemeinderats zu Wort, Bürgermeister Horst Martin, die Landtagsabgeordneten Thomas Blenke (CDU) und Stefanie Seemann (Grüne), Frank Daudert als ein Vermieter oder Sozialpfarrer Karl-Ulrich Gscheidle als kritische Stimme. Rund 2700 Haushalte hat das Team um Pfarrerin Charlotte Moskaliuk und Dekan Joachim Botzenhardt erreicht.

Dekan Joachim Botzenhardt. Foto: privat
Dekan Joachim Botzenhardt. Foto: privat

PZ: Hochpolitisch ist der Schwerpunkt im aktuellen Gemeindebrief. Warum macht die Kirche das?

Joachim Botzenhardt: Weil für uns das Evangelium eine politische Botschaft hat. Die Arbeits- und Wohnbedingungen der rumänischen Kräfte betreffen dessen Kern, die Frage der Menschenwürde, des Tierwohls, der Nächstenliebe, Respekt und Solidarität. Kurzum: unsere christlichen Werte. Selten zeigt sich ein Gemeindebrief derart politisch. Aber Kirche ist nicht nur am Sonntag, sondern immer.

Sie haben das Thema mit „Stadtgespräch“ betitelt

Die Situation treibt die Stadt um, es wird oft darüber geredet. Es herrscht noch immer ein großer Gesprächsbedarf unter den Neuenbürgern. Nach ihren Aussagen sind sie von der Kommune oder dem Landratsamt zu spät informiert worden. Da wollten wir eine Lücke schließen und deutlich machen, was das alles mit uns als Kirche zu tun hat. Es ging nicht darum, nur Stellung zu beziehen, sondern Transparenz auf breiter Basis herzustellen. Jeder soll sich sein Bild machen. Das Gespräch unter der Decke zu halten, ist nicht hilfreich.

Was haben Sie bei der Arbeit daran selbst gelernt?

Es ist ein sehr komplexes Thema mit unterschiedlichen politischen Zuständigkeiten. Es betrifft viele Rechtsbereiche. Und es gibt keine einfachen Lösungen. Will ich für ein Mitarbeiter-Grillfest Fleisch besorgen: Wo bekomme ich Produkte her, die meinen ethischen Ansprüchen an Tierhaltung und Arbeitsbedingungen entsprechen? Das ist nicht leicht aufgrund fast schon monopolitischer Strukturen. Aber sind gute Strukturen denn möglich, wer kontrolliert das und wie frei ist die Politik hinsichtlich wirtschaftlicher Einflussnahme?

Gab es Rückmeldungen auf diesen besonderen Gemeindebrief?

Es sei gut, dass wir das Thema in der Breite aufgegriffen hätten, heißt es oft. In der nächsten Ausgabe wollen wir dazu erstmals Leserbriefe veröffentlichen. Einige zeigten sich auch verwundert, warum von uns erst jetzt etwas dazu komme, die Zustände seien seit Jahren bekannt. Denen sage ich: Besser spät als nie.

Was wünschen Sie sich für die weitere Debatte um die Situation der rumänischen Arbeiter?

Die Politik muss was tun, der Konsument allein kann es nicht richten. Es ist das Land gefragt, Regelungen zu treffen, die die Kommunen in ihrer Kontrollfunktion stärken. Gerade am Beispiel der Schrottimmobilien würde das auch für das Stadtbild etwas tun. Bei allem sollten wir die Menschen nicht vergessen.

Autor: Das Gespräch führte Carolin Kraus