Neuhausen
Neuhausen -  15.10.2018
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Kurt Tucholsky: Eindringliches Porträt eines Pazifisten in Neuhausen

Neuhausen. Am Samstagabend steht ein einsamer Schriftsteller in weißem Hemd, beigem Anzug, Hut und Krawatte aus Zeitungspapier auf der Bühne der Theaterschachtel Neuhausen. Mit seinem eindringlichen Scharfsinn und tiefsinnigen Humor trifft er kritisch und aktuell den heutigen Zeitgeist ins Mark, der sein eigenes Leben längst überdauert hat. „Lachen Sie, ohne zu weinen“, fordert der Pazifist und Antifaschist Kurt Tucholsky seine Zuhörenden auf. Anne von der Vring leiht ihm dafür ihre Stimme und erweckt seine vielschichtigen Gedanken in eindrucksvollen Szenen und ideenreichen Bildern zum Leben.

Erweckt vielschichtige Gedanken zum Leben: Anne von der Vring. Foto: Morelli
Erweckt vielschichtige Gedanken zum Leben: Anne von der Vring. Foto: Morelli

In manchen Momenten fällt es an diesem Abend leicht, der Aufforderung nach einem unbeschwerten Lachen nachzukommen. Der Unterhaltungsfaktor ist groß, wenn sich 14 Charaktere mit ausgefeilter Mimik und Gestik, mit unterschiedlichen Akzenten und Sprachfehlern, alle von einer einzigen Schauspielerin verkörpert, lautstark darüber streiten, wie die Löcher in den Käse kommen. Auch Tucholskys Liebesleben sorgt für amüsanten Stoff.

Bitterer Beigeschmack

Oft hat das Lachen jedoch einen bitteren Beigeschmack. Wenn der junge Tucholsky als frecher Schulknabe die biologische Rasse des Menschen analysiert und auseinandernimmt. Wenn zwei Babys im Mutterleib darüber streiten, ob es sich angesichts des Trübsals auf der Erde überhaupt lohnt, auf die Welt zu kommen. Dann verbirgt der Witz in Wahrheit nur seinen traurigen Kern hinter einer heiteren Fassade. Auch kann einem das Lachen ganz wegbleiben, wenn sich für Krieg und Elend keine vergnüglichen Worte finden lassen. Der französische Soldat, der seinem Sohn den Verlust auf dem Schlachtfeld erzählt; der Arbeiter, der sich als Marionette durch den immer schneller werdenden Takt der Maschinen in seinen Seilen verfängt – sie zeigen die verzweifelten Episoden von Tucholskys unermüdlichem Kampf gegen den Militarismus und für einen sozialen Staat.

Jede einzelne der lustigen und der nachdenklichen, der berührenden und der bestürzenden Miniaturen ist mit außerordentlicher Liebe zum Detail gestaltet. Zu den Requisiten gehören kunstvolle Scherenschnitte der bürgerlichen Familienmitglieder, gespensterhafte Skelettpuppen aus dem Schützengraben sowie „ein großer Papierkorb als Basis für eine gesunde Ordnung“. Jede Rolle hat ihre eigenen fantasievollen Kostümelemente aus mit Zeitung bedrucktem Stoff. Ein stilvoll mit Kerzenlicht ausgeleuchteter Saal, Scheinwerferlicht und Einspielungen von Musik und Texten schaffen die passende Atmosphäre. Eingebettet in den Lebenslauf Tucholskys fügt sich so die gesamte Inszenierung als abwechslungsreiches und eindrückliches Mosaik zusammen.

Autor: Sofia Morelli