Neulingen
Neulingen -  12.01.2022
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Messen zwischen Gräbern: Open-Air-Gottesdienste in Nußbaum erinnern ans 18. Jahrhundert

Neulingen-Nussbaum. Die Situation von Open-Air Gottesdiensten in Nußbaum seit Weihnachten, zuletzt ein Regio-Gottesdienst an Heilige Drei Könige, weil wegen Corona nur 21 Besucher in die Kirche dürfen, erinnert an das 18. Jahrhundert. Auch damals sammelten sich die Besucher vor der Kirche. Dies wurde wegen akuter Einsturzgefahr des damals noch kürzeren, fast quadratischen Kirchenschiffes aus dem 14. Jahrhundert, das an der schönen Pforte endete, nach Kriegseinwirkungen notwendig. Vor allem als Folge des Pfälzischen Erbfolgekrieges (1688–1697), auch Neunjähriger Krieg genannt.

Im 18. Jahrhundert fanden nach Kriegseinwirkungen die Gottesdienste in Nußbaum, wegen akuter Einsturzgefahr des Kirchenschiffes auf dem Kirchplatz statt. Jetzt zwingt erneut die Pandemie dazu. Foto: Dietrich
Im 18. Jahrhundert fanden nach Kriegseinwirkungen die Gottesdienste in Nußbaum, wegen akuter Einsturzgefahr des Kirchenschiffes auf dem Kirchplatz statt. Jetzt zwingt erneut die Pandemie dazu. Foto: Dietrich

Die ruinengleichen Mauern waren von meterhohen Schütthügeln umgeben. Auch wegen der herabhängenden Decke im Schiff war der Innenraum dunkel. Durch das beschädigte Dach drang der Regen ein, so dass es auch sehr feucht war.

Leider gibt es keine Aufzeichnungen darüber, wie die Gottesdienste damals begangen wurden. Sicher ist auf jeden Fall, dass sich die Gläubigen sicher in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwischen den Gräbern aufgestellt haben müssen, da sich bis zum Anlegen eines Friedhofes in Richtung Sprantal 1749 der Kirchhof um die Kirche befand. Den Platz darunter zum Sammeln der Gläubigen, wie heute, gab es damals noch nicht.

Ein großes Problem war auf dem kleinen Kirchhof die kurze Liegezeit der Toten von nur sieben Jahren. Verbunden war dies mit dem Gestank der halb verwesten Leichen beim Ausheben eines neuen Grabes, worüber sich ständig der Pfarrer beschwerte. Dies machte das Anlegen eines neuen, geräumigeren Friedhofes dringend notwendig.

Um einem völligen Zerfall der Kirche entgegenzuwirken, schritt man endlich 1811 an eine grundlegende Erneuerung, die bereits nach wenigen Monaten vollzogen war. Gleichzeitig wurde das Langhaus um zwei Fensterachsen nach Westen verlängert und eine Theaterhaft wirkende zweigeschossige Empore eingebaut, um für die größer werdende Gemeinde mehr Platz zu bekommen. Mit dieser letzten von fünf großen Bauepochen, wurde Sankt Stephan in seiner heutigen Größe und Gestalt vollendet. Der Grund, dass an der Kirche so viele Jahrzehnte nichts gemacht wurde, lag wohl daran, weil Nußbaum damals noch württembergisch war. Offensichtlich traf zuvor wohl die sprichwörtliche Sparsamkeit der Schwaben zu.

Das Gotteshaus zählt zu den 100 schönsten deutschen Dorfkirchen. Niemand hätte wohl jemals daran gedacht, dass wieder einmal eine Situation auftreten könnte, die dazu zwingt, dass Gottesdienste erneut vor der Kirche gefeiert werden müssen.

Auch der Verabschiedungs-Gottesdienst mit Diakon Gerd Haug am Sonntag, 16. Januar, um 10.15 Uhr für die langjährige Pfarramtssekretärin Nora Reisig-Schneider mit Vorstellung ihrer Nachfolgerin Elke Schwinghammer, findet aller Voraussicht nach auf dem Parkplatz vor der Kirche statt. Ebenso verabschiedet wird Karin Ehmann, die Witwe von Pfarrer Ehmann, da sie wegzieht.

Autor: Peter Dietrich