Niefern-Öschelbronn
Niefern-Öschelbronn -  12.09.2018
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"Die Szene ist tot": So sehen Sprayer den Graffiti-Streit in Niefern und Pforzheim

Niefern/Pforzheim. Erst Pforzheim, jetzt Niefern: Sobald in der Region erwogen wird, graffitifreundliche Ecken zu schaffen, melden sich Gegner zu Wort. Aber wie sehen die Sprayer selbst die Diskussion? PZ-news hat sich in der Szene umgehört.

Kunst oder keine Kunst? Darüber wird bei Graffiti immer wieder gestritten - dieses stammt aus Mexiko.

Kunst oder keine Kunst? Darüber wird bei Graffiti immer wieder gestritten - dieses stammt aus Mexiko.

Im Frühjahr 2017 hatte es in Pforzheim eine Diskussion über öffentliche Spray-Möglichkeiten gegeben. In Niefern wird nun darüber diskutiert, ob bereits besprühte Platten hinter der Schulturnhalle aufgestellt werden sollen.

"Man muss differenzieren zwischen Graffiti und Schmiereien", betont gegenüber der PZ etwa ein Sprayer aus der Region. Er selbst habe sich für sein Hobby vor vier Jahren eine Wand in den Garten gebaut.

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Auch ein anderer Sprayer betont den Unterschied zwischen Kritzeleien und Kunst. "Hier in der Gegend werden schöne Graffiti von Kindern, die den Adrenalin-Kick suchen, bekritzelt", ärgert er sich. Ein Graffiti bedeute nicht nur "kurz Sprühdose und drauf los". Vielmehr brauche man einen "Plan im Kopf - es ist nunmal Kunst". Er sei durch den Film "The Graffiti Artist" dazu gekommen und habe am liebsten an Autobahnen und Bahnhöfen gesprüht. Inzwischen sei er aber nicht mehr draußen unterwegs.

Ein Dritter, der selbst in der Stuttgarter Szene aktiv war, erklärt, "durch den Freundeskreis und aus Interesse" zum Sprayen gekommen zu sein. Er kritisiert die Argumentation des Anti-Graffiti-Mobils, wonach legale Flächen dazu führen würden, dass auch vermehrt illegal gesprayt werde. Vielmehr werde es Sprayern durch legale Flächenerleichtert, nicht an Häuserwände und Ähnliches zu sprühen. "Man gibt ihnen so die Möglichleit, sich legal zu verwirklichen." Wobei dies natürlich nur für die Sprayer gelte, die dies wegen des künstlerischen Aspekts betreiben. 

Am ausführlichsten hat sich gegenüber ein 20-Jähriger geäußert, der lange in der Region lebte. Er sprayt nach eigener Aussage auf Flächen, wo dies auch erlaubt ist: etwa in sogenannten "Hall of Fames", also legalen Sprühbereiche wie es sie in Stuttgart gibt, und in Aufträgen für Städte, Kaufhäuser und Restaurants:

„In Pforzheim ist die Graffiti-Szene tot, obwohl manche der besten Sprayer Deutschlands in der Region wohnen. Aber in Pforzheim gibt es eben keine legalen Flächen. Wenn man malen gehen will, muss man entweder nach Karlsruhe oder nach Stuttgart.

Die Idee vom Anti-Graffiti-Mobil ist totaler Schwachsinn. Legale Flächen fördern nicht illegale Graffiti. Denn es gibt zwei Arten von Sprühern: Zum einen die, die sich damit beschäftigen, die geilsten Styles und aufwändigsten Konzeptwände zu malen und ihr Geld zum Teil mit Graffiti-Auftragsarbeiten verdienen. Und zum anderen die Art von Sprühern, die illegal malen. Die gehen zwar ab und an auch mal an eine legale Wand. Aber zu 95 Prozent malen diese illegal Züge und Wände aller Art an. Diesen Sprühern ist es egal, ob es legale Flächen gibt oder nicht – denn die malen trotzdem.

Was oft als Graffiti dargestellt wird, ist einfach nur Gekritzel von kleinen Kids und besoffenen Jugendlichen. Nur weil das mit einer Sprühdose da hingerotzt wird, hat es noch lange nichts mit Graffiti zu tun! Denn diese Leute werden von der Sprüherszene auch verachtet, da diese das allgemein schlechte öffentliche Bild von Graffiti in der Gesellschaft nur noch stärken!

Wenn Pforzheim wieder eine "Hall of fame" (also einen Bereich, in dem man legal sprayen kann, Anm. d. Red.) bekommen würde, würde dies das illegale sprühen nicht fördern, da Pforzheim ein unattraktives Gebiet ist für Sprüher, die sich illegal verewigen wollen. Denn solche Personen beziehen sich eher auf Großstädte wie Stuttgart. In Karlsruhe gibt es beispielsweise auch sehr viele saubere Flächen, die die legal zu bemalen sind, und in Karlsruhe gibt es trotzdem bei weitem nicht so viel illegale Graffiti wie in Stuttgart. Eine Idee für legale Flächen in Pforzheim ist zum Beispiel die Nordstadtbrücke, wo das sprühen früher mal erlaubt war.

Ich selber habe mit Graffiti schon in sehr jungen Jahren angefangen. Schon im Alter von fünf Jahren haben mich aufwändige schöne Bilder immer mehr fasziniert als so chrom-schwarze illegale Bilder. Ich konnte damals weder lesen noch schreiben. Ich habe daher angefangen, mir die Form von den Buchstaben zu merken und habe diese dann nachgemalt und dick umrandet. Und so habe ich über die Jahre hinweg nach und nach meinen eigenen Style gefunden und die Buchstaben so perfektioniert, wie ich sie haben will. Ich habe das erste Mal mit 13 Jahren gesprüht - an einer legalen Wand. Und ich habe es total versaut, da das präzise malen an der Wand sehr schwierig ist, was jahrelange Übung erfordert.

Im Laufe der Zeit lernt man auch viele Sprüher kennen - auch die, die illegal malen. Aber das verleitet keinen dazu, in die Illegalität zu gehen. So etwas wie Gruppenzwang gibt es nicht in der Graffiti-Szene. Man kennt sich untereinander und respektiert sich. Aber im Endeffekt sind es zwei verschiedene Welten.

Das Anti-Graffiti-Mobil ist aus meiner Sicht totaler Schwachsinn. Es wird von Anti-Graffiti-Einheiten in ganz Deutschland hochgelobt. Dass es in Pforzheim so gut klappt, stimmt zwar – aber das ist nicht der Verdienst des Anti-Graffiti-Mobils, sondern liegt daran, dass es  in Pforzheim keine Sprüher gibt, die illegal malen wollen. Daher gibt es auch kaum illegale Graffiti. Wenn sie dieses Modell zum Beispiel in Stuttgart anwenden würden, würde es keinen Erfolg erzielen, da die Masse an Sprühern und Graffiti-Touris viel zu groß ist.“

Autor: Simon Walter