Ötisheim
Ötisheim -  04.04.2021
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In Brüssel erdacht, in Kleinvillars geschrieben: Roman von Kerstin Gulden ist Porträt unserer turbulenten Zeit

Ötisheim/Knittlingen-Kleinvillars. Kerstin Gulden hätte eigentlich ein ruhiges grünes Gewissen haben können als Vegetarierin mit kurzer veganer Phase, als sie vor rund einem Jahrzehnt noch in Brüssel für „O2“ in der Telekommunikationsbranche arbeitete. „Ich lebte damals umweltbewusst, solange es mir nicht allzu viel ausmachte. Wie die meisten“, erinnert sich die gebürtige Ötisheimerin, die heute in Knittlingen-Kleinvillars lebt und dort auf dem Acker ihrer Patentante Ilse Vincon gelegentlich selbst Gemüse erntet. Am Hauptsitz der Europäischen Union reifte damals auch die Idee zu ihrem All-Age-Thriller „Fair Play – Spiel mit, sonst verlierst du alles!“, der jetzt im Rowohlt/Rotfuchs-Verlag erschienen ist.

Autorin Kerstin Gulden war schon als Kind lesebegeistert. Foto: Privat/Gulden
Autorin Kerstin Gulden war schon als Kind lesebegeistert. Foto: Privat/Gulden

In Brüssel arbeitete Kerstin Gulden für „O2“ mit einer Jugendorganisation am Thema „Soziale Innovation“. Eine große Frage, die damals „bei Plausch und Bier am Place du Luxembourg“ immer wieder auftauchte: Wie halten wir es im persönlichen Bereich mit dem Klimaschutz? Der Roman zeigt, wie schwer so ein grünes Gewissen im Alltag zu erlangen ist und wie eine gut gemeinte Klimakonto-App in den sozialen Medien außer Kontrolle gerät.

Umweltschutz versus Politik

Ihr über 300 Seiten starker Thriller für Leser ab 14 Jahren erzählt, wie vier Jugendliche die App „Fair Play“ erfinden, die die Umweltsünden ihrer Nutzer auf deren Social-Media-Seiten veröffentlicht. Und dann kollidiert diese an sich gut gemeinte Umweltschutzidee mit der Politik, einer aus dem Quartett schert aus und dann wird gar nicht mehr so fair gespielt wie geplant.

Von der ersten Idee in der belgischen Hauptstadt bis zur Realisierung zurück in Ötisheim und Kleinvillars gingen allerdings einige Jahre ins Land.

„Erstrebenswert war das Schreiben immer für mich, schon als lesebegeistertes Kind. Ich wusste nur nicht so recht, wie ich es als ,Karriere‘ anpacken sollte. So zog es mich ersteinmal in die Wirtschaft – vielleicht auch weil ich Schwäbin bin“, erinnert sich die Kommunikationswissenschaftlerin an den Konflikt zwischen Beruf und Berufung.

Ein Stipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg kam da gerade recht. Inzwischen ist vieles von dem, was sich Kerstin Gulden „anfangs als Fantasy erdacht“ hatte, von der Wirklichkeit, von Fridays for Future, von Lockdown-Einschränkungen und Social Scoring, wie etwa im totalitären China, eingeholt worden: „Dass zum Erscheinungsdatum Jugendliche gegen die Klimakrise demonstrieren, und uns ein Virus zeigt, wie es so ist, wenn man sich fürs Allgemeinwohl einschränken muss, konnte ich vor acht Jahren nicht ahnen.“ So ist der Autorin nun mit „Fair Play“ ein brandaktuelles Statement unserer turbulenten Gegenwart gelungen.

Zwei neue Bücher in Arbeit

An Fahrt aufgenommen hat auch das Tempo, mit dem Kerstin Gulden nun das Romanschreiben angeht. Sie arbeitet gerade parallel an zwei Büchern zu aktuellen Themen. Wenn schon Autorenkarriere, dann eben mit schwäbischem Arbeitseifer.

Als Kommunikationswissenschaftlerin mit Karrierestationen in München, London und Brüssel ist sie bestens vernetzt. Da ist der Alltag in Kleinvillars und Ötisheim kein Hindernis für den tiefen Einblick in Hinter- und Abgründe von Politik und Gesellschaft.

Im Gegenteil: Bei täglichen Spaziergängen am nahen Aalkistensee kann der Blick übers Wasser ihre persönliche Sicht auf unsere letztlich so unübersichtlich gewordene Zeit immer wieder neu justieren.

Zur Person und zum Buch

Kerstin Gulden, 1978 in Ötisheim geboren, hat nach dem Abitur am Mühlacker Theodor-Heuss-Gymnasium in Tübingen, München und London Literatur, Philosophie und Kommunikationswissenschaft studiert. Seitdem hat sie in London, München und Brüssel gearbeitet, unter anderem als Pressesprecherin und in der Kulturförderung. Mehrere Jahre war sie in der Jury des Literaturpreises der deutschen Wirtschaft.

„Fair Play – Spiel mit, sonst verlierst du alles!“ von Kerstin Gulden ist im Verlag Rowohlt/Rotfuchs erschienen und wird für Leser ab 14 Jahren empfohlen. Die gebundene Ausgabe mit 336 Seiten kostet im Buchhandel 18 Euro, als E-Book werden 4,99 Euro fällig.

Autor: Thomas Kurtz