Straubenhardt
Straubenhardt -  07.09.2018
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Von Straubenhardt bis in die Berliner Philharmonie: PZ-Interview mit Andre Schoch

Als vor gut zwei Monaten im Fernsehen das Abschiedskonzert von Sir Simon Rattle, dem Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, übertragen wurde, war im Orchester einer zu sehen, der seine Wurzeln im Enzkreis hat: Der Trompeter Andre Schoch kann mit 31 Jahren auf eine große Karriere blicken.

Einfach sympathisch: Andre Schoch. Foto: Monika Lawrenz
Einfach sympathisch: Andre Schoch. Foto: Monika Lawrenz

Die PZ hat sich mit ihm unterhalten, über die Anfänge, seine Liebe zum Instrument und die Zusammenarbeit mit Rattle.

PZ: Herr Schoch, was waren in Ihrer Kindheit die ersten Begegnungen mit Musik?

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Andre Schoch: Als Kind war ich beeindruckt vom Akkordeonspiel meines Opas. Ich setzte mich neben ihn und spielte irgendwie mit. Das war ein Riesenspaß für mich. Außerdem sangen meine Schwestern und ich im Chor bei den Straubenhardter Spatzen unter der Leitung von Wilfried Mauer. Ich wollte, wie Kristina und Britta, unbedingt ein Instrument lernen.

PZ: Hat das auch geklappt?

Andre Schoch: Ja, im Alter von sechs Jahren erhielt ich Klavierunterricht. Der damalige Musikschulleiter der Musikschule Neuenbürg, Norbert Studnitzky, war unser Klavierlehrer. Ihm verdanke ich sehr viel. Er gab uns allen eine solide musikalische Grundlage, von der ich bis heute sehr profitiere.

PZ: Was hat dann Ihr Interesse an der Trompete geweckt?

Andre Schoch: Auf Dorffesten spielten Blaskapellen, bei denen ich stundenlang vor den goldenen Trompeten stand. Diese Klänge faszinierten mich.

PZ: Können Sie sich an Ihren ersten Trompetenunterricht erinnern?

Andre Schoch: Den genoss ich bei Rainer Schollenberger an der Musikschule Neuenbürg, leider nur kurze Zeit, da er sich beruflich veränderte. Als Nachfolger wurde mein Wunschkandidat Ansgar Dümchen ausgewählt.

PZ: Was hat er Ihnen mitgegeben?

Andre Schoch: Ansgar war ein großartiger Lehrer. Motivation pur! Er vermittelte mir Spaß am Spiel und an der Musik, forderte und förderte mich und war menschlich wie pädagogisch sehr feinsinnig und ein großes Glück für mich. Ich spielte bald im Jugendblasorchester und in der Stadtkapelle Neuenbürg. Schon damals war mir mein Berufswunsch klar: Ich wollte unbedingt Trompeter werden.

PZ: Was hat Ihrer jungen Karriere den letzten Kick gegeben?

Andre Schoch: Mit elf Jahren wurde ich von Professor Peter Leiner unterrichtet. Schon bald spielte ich im Landesjugendorchester, im Sinfonischen Blasorchester Karlsruhe, in Kammermusikensembles und im Blechbläserquintett der Musikschule Neuenbürg unter Leitung von Michael Pietsch. Mit 15 Jahren wechselte ich zu Klaus Bräker, Assistent von Professor Reinhold Friedrich an der Hochschule für Musik in Karlsruhe. Ich brauchte frischen Wind, um mich weiterentwickeln zu können. Er baute meine Spieltechnik und mein Repertoire auf. Mit 16 wurde ich als Jungstudent bei Reinhold Friedrich aufgenommen, einem der größten internationalen Solisten.

PZ: Wie kam dann der Wechsel nach Hamburg?

Andre Schoch: Ich entschied mich für das Hauptstudium in Hamburg bei Professor Matthias Höfs. Seine ruhige, entspannte Art und sein ausgeprägter Perfektionismus prägten mich zusätzlich. Zu dieser Zeit sammelte ich erste Erfahrungen als Aushilfstrompeter in Profiorchestern. Ich konnte mich musikalisch und spieltechnisch weiterentwickeln. Außerdem bereitete ich mich auf Probespiele vor.

PZ: Die Konkurrenz ist bei diesen Vorspielen hoch, häufig gibt es am Ende nur einen bei Musikern recht unbeliebten Zeitvertrag. Wie war das bei Ihnen?

Andre Schoch: Mein erstes bestritt ich beim renommierten Gewandhausorchester Leipzig. Ich war 21 und malte mir keine Hoffnungen aus. Zu meiner Überraschung gewann ich das Probespiel und einen Zeitvertrag für ein Jahr. Im Anschluss bestand ich das Probespiel zur Aufnahme in die zweijährige Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker, verbunden mit Unterricht vom Solotrompeter Gábor Tarkövi. Die Zeit war besonders prägend. Stil und Klang dieses Orchesters aufzusaugen, war wie eine Droge. Nie hätte ich mir träumen lassen, später als festes Mitglied aufgenommen zu werden.

PZ: Eine feste Orchesterstelle war aber immer noch nicht in Sicht. Wie haben Sie die Zeit genutzt?

Andre Schoch: Mit diversen Projekten, sei es in der Kammermusik wie auch als Solist, in denen ich mich sehr kreativ verwirklichen konnte. So entstand in dieser Zeit das Blechbläserensemble 10forBrass, das ich mit einigen Studienkollegen gründete. Mittlerweile gibt es drei CD-Aufnahmen mit einem Repertoire durch alle Stilrichtungen: Alte Musik, Opernarrangement, Jazz und Filmmusik. Es ist mir wichtig, über den Tellerrand zu schauen und als klassischer Musiker flexibel zu bleiben. Mit dem großartigen Pianisten Friedrich Höricke arbeite ich an einem Programm in der Besetzung Trompete-Klavier für eine weitere CD-Produktion.

PZ: Kam dann die erhoffte feste Stelle als Solotrompeter?

Andre Schoch: Ja! Nach einer weiteren Station an der Deutschen Oper Berlin erspielte ich mir im Alter von 26 Jahren im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg die Stelle als erster Solotrompeter. Ich habe es sehr genossen, ein großes Repertoire in all den Sparten kennenzulernen – und nie mit dem Gedanken gespielt, von dort wegzugehen. Bis ich den Anruf von den Berliner Philharmonikern bekam, ob ich nicht Lust hätte, für die Zweite Trompete vorzuspielen.

PZ: ... was für einen Orchestermusiker so etwas wie der Gipfel ist, den man erreichen kann, oder?

Andre Schoch: Absolut! Da ich mich in Hamburg aber sehr wohlfühlte, hatte ich relativ wenig Druck. Das war, denke ich, ein Vorteil, um befreit zu spielen. Dennoch konnte ich es kaum glauben, als nach der letzten Runde die Türen aufgingen, die Musiker auf mich zukamen und mir zum Gewinn der Stelle gratulierten. Ein unglaubliches Gefühl! Dann hatte ich die große Herausforderung, ein Jahr lang zwei Stellen voll auszufüllen. So spielte ich in Hamburg Oper, Ballett und Konzerte an der ersten Trompete, und parallel absolvierte ich in Berlin das erste von zwei Probejahren an der zweiten Trompete. Dabei hat man ganz andere Aufgaben: den ersten Trompeter führen zu lassen, sich ihm zugleich anzupassen und ihm eine klangliche Grundlage zu geben.

PZ: Wie sehen Sie Ihr Instrument heute eigentlich?

Andre Schoch: Die Trompete ist ein sehr wandelbares Instrument: Es gibt sie in diversen Stimmungen, von der Piccolo-Trompete bis zum Flügelhorn. Es macht mir großen Spaß, verschiedenste Charaktere und Gefühle darauf auszudrücken.

PZ: Inzwischen sind Sie fest bei den Berliner Philharmonikern aufgenommen und haben die letzten zwei Jahre von Sir Simon Rattles Dirigentenära miterlebt. Wie war das?

Andre Schoch: Die Zeit war geprägt durch seine Gentleman-Art. Er hat diesen englischen Humor, und oft meint er es umso ernster, je mehr Witze er macht. Er prägte das Orchester zu dem, was es heute ist: Dies betrifft insbesondere die Medienwirksamkeit und die musikalische Nachwuchsförderung, eine absolute Vorreiterposition. Er schenkte dem Orchester ein großes Vertrauen in allen Bereichen. Trotz seines Erfolges ist er unglaublich menschlich und bescheiden geblieben. Ich erinnere mich an meine erste Probe mit ihm in der Philharmonie, nachdem ich das Probespiel gewonnen hatte. Sir Simon kam in der Pause zu mir nach hinten und hieß mich willkommen, wünschte mir alles Gute. Wir unterhielten uns über alles Mögliche. Nur wenige Chefdirigenten sind für die Musiker so fassbar.

PZ: Waren Sie traurig, als er ging?

Andre Schoch: Natürlich! Sein Abschied war einerseits traurig, aber seinen Abschied haben wir auch gebührend gestaltet. Es gab eine große Europatournee und in Berlin viele Konzerte – Erlebnisse, die ich nie vergessen werde.

PZ: Nun hat Kirill Petrenko ihn abgelöst. Freuen Sie sich?

Andre Schoch: Sehr! Er ist ein ganz anderer Charakter als Sir Simon. Hinsichtlich Medien ist er eher zurückhaltend, aber musikalisch ein Genie. Gerade komme ich von der Eröffnungstournee mit ihm aus Salzburg, Luzern und London wieder. Es waren fantastische und sehr erfolgreiche Konzerte. Er möchte das Orchester und seine musikalische Idee noch weiter verbessern. Er fordert enorm viel und arbeitet intensiv, stets auf eine sehr sympathische und bescheidene Art.

PZ: Schaffen sie es noch ab und an in die Heimat?

Andre Schoch: In den Süden komme ich leider selten. In der Sommerpause besuche ich Freunde in der alten Heimat und meine Familie, die inzwischen in Konstanz am schönen Bodensee lebt; dann kommen Erinnerungen an meine Anfänge, für die ich sehr dankbar bin.

Autor: Das Gespräch führte Michael Müller