Wimsheim -  04.12.2021
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In der Region der Blechlawinen: Die Folgen der A8-Staus für die Orte an der Autobahn

Wimsheim/Friolzheim/Enzkreis. Ist die A8 mal wieder dicht, rollt der Verkehr Stoßstange an Stoßstange durch die Orte an den Ausweichstrecken. Die PZ hat sich Beispiele im Heckengäu mit den Rathauschefs angeschaut.

Friolzheim Stauumfahrung
Die Kolonne rollt auf Friolzheims Ortsdurchfahrt, wenn der A8-Stau mal wieder länger ist. Für Anwohner ist das ein Graus. Foto: Meyer

Der tägliche Stau auf der Autobahn reicht an diesem Dienstagnachmittag westlich des Enztals weit über Pforzheim-West hinaus Richtung Karlsbad. Östlich des Enztals stehen Lastwagen in Doppelreihen und Autos auf der linken Spur von Heimsheim bis Pforzheim. Viele Fahrer verlassen die A 8 deshalb am Anschluss Heimsheim, fädeln sich über den Dieb-Kreisel und quetschen sich durch Mönsheim oder Friolzheim und Wurmberg Richtung Pforzheim-Ost. In Friolzheim rollt die Blechlawine durch den Tempo-30-Bereich. Praktisch ohne Lücke vorbei am Ortskern mit Bäckerei, Boutiquen und einem Fitnessstudio. Einheimische, die beispielsweise über die Brühlstraße aus den südlichen Wohngebieten ins Zentrum wollen, warten. Und warten. Und warten.

Das Leben mit den Folgen der A8-Staus kennt man im Heckengäu. Doch seit die Megabaustelle im Enztal mit Fahrbahnverengungen Gestalt annimmt, sind die Blechlawinen Alltag. Nur: Die Gegenmaßnahmen sind immer noch Gegenstand eines Ringens mit den A8-Planern der Autobahn GmbH.

Friolzheims Bürgermeister Michael Seiß und sein Wimsheimer Amtskollege Mario Weisbrich stehen an einem Novembernachmittag an der Kreuzung der Ortsdurchfahrt mit Brühl- und Rathausstraße an einem Zebrastreifen, der sich auch im Brennpunkt der Stauflucht befindet. In diesem Moment fließt der Verkehr, aber die sonst so häufigen Schleichwegkolonnen seien auch für Fußgänger Stress, sagt Seiß. Er drängt unter anderem dort auf eine Fußgängerampel. Die Antwort, die er frisch nach zweieinhalb Wochen Wartezeit in Händen hält, macht darauf erst mal keine Hoffnung. „Bei Bedarf“, steht in der Liste der Planer.

„Der Dieb-Kreisel an der A 8 kann so überlastet sein, dass man eine halbe Stunde braucht, um durchzukommen.“

Michael Seiß, Friolzheims Bürgermeister

Das ist bei vielen Vorschlägen aus den Kommunen an der A8 so. Umfangreichere Tempobegrenzungen etwa sieht Seiß mit Blick auf frühere A8-Ausbauabschnitte als wichtiges Instrument. „Kein Effekt bei Staulagen“, geben dagegen die Planer eine Prüfung der Straßenverkehrsbehörden wieder. So bleibt allein der Tempo-30-Bereich im Ort, der für den Lärmschutz möglich war. Wie widersinnig diese Regelungsgrundlagen sind, diskutieren die Bürgermeister unter einem Schild, das Fahrern das Beschleunigen auf der Wimsheimer Straße ermöglicht – immer auf den Schulwegszebrastreifen zu. Als Seiß das erklärt, werden seine Worte vom Rumpeln und Dröhnen eines Sattelschleppers geschluckt, der direkt neben ihm den Weg durch die Gemeinde nimmt.

Wenige Kilometer weiter ein ähnliches Bild in Wimsheim. Weisbrich steht an der zentralen Kreuzung in der Ortsmitte. Rote Polizeimarkierungen auf dem Asphalt erzählen noch vom jüngsten Unfall dort einige Tage zuvor. Wer von Mönsheim her auf die Kreuzung stößt, sieht den Verkehr auf der Ortsdurchfahrt, die einen weiten Bogen macht, nur in einem Doppelspiegel. An A8-Stautagen gibt es kaum Lücken, um einzubiegen. Und: Auch hier in Wimsheim ist der Schulweg betroffen. Wie Seiß läuft auch Weisbrich mit vielen Verbesserungsvorschlägen noch gegen die Wand. Halteverbote zum Beispiel. Auch dort wollen die Planer noch den Bedarf abwarten, der aus Sicht der Bürgermeister aber praktisch an jedem einzelnen Tag bewiesen wird. Die Planer dagegen verweisen die Rathauschefs darauf, für die Prüfung des Bedarfs mit der Verkehrsbehörde beim Enzkreis in Verbindung zu bleiben. Immerhin: Eine Fußgängerampel in Wimsheim haben die Planer tatsächlich schon konkret auf dem Zettel.

„Mit Planern diskutieren wir immer wieder das Gleiche – und oft passiert erst was, wenn wir ihnen auf den Füßen stehen.“

Mario Weisbrich, Wimsheims Rathauschef

Im Gespräch ist man immer wieder. Doch Seiß und Weisbrich sagen, die Ortskenntnis sei nur mit hohem Aufwand und hinterherrennen durchzusetzen. Ein stetiger Kraftakt – und das bei einem drängenden Problem, bei dem Anwohnern das Verständnis fehle, wenn eine Kommune selbst nichts tun könne. Beim neuen Asphalt auf der Landesstraße zwischen Wimsheim und Wurmberg hat das mal geklappt. Die Umleitungsstrecke wurde rechtzeitig fertig, ehe es auf der A8 ernst wurde. Doch wie vehement Weisbrich darum gekämpft hat, ist im Protokoll eines Abstimmungsgesprächs vom Sommer 2019 ausdrücklich vermerkt.

Seiß, Weisbrich und die Kollegen in Heimsheim, Wiernsheim, Mönsheim, Tiefenbronn, Niefern-Öschelbronn, Kieselbronn und längst auch beispielsweise Keltern im Westen kämpfen weiter. Derzeit mit Unterstützung der Politiker Erik Schweickert (FDP) und Katja Mast (SPD) für weitere Standorte für digitale Fahrtzeitanzeiger, die auf der A8 bei Stau zeigen, wie viel Zeit man auf den Umfahrungen verliert. Damit sie erst gar nicht in den Ortsdurchfahrten landen.

Autor: hei