Calw -  25.03.2021
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Auf Campingplatz ausgerastet: Schizophrener muss erst mal nicht in die geschlossene Psychiatrie

Kreis Calw/Tübingen. Paranoide Schizophrenie ist bei einem 40-jährigen Calwer diagnostiziert worden, der zuletzt auf einem Campingplatz randalierte und mehrfach Reifen aufstach. In seinem Leben hat er aber auch Haftstrafen als Drogenkurier und für ein Tötungsdelikt auf dem Kerbholz. Vor dem Landgericht Tübingen ging es für den Mann nun um eine Einweisung in die geschlossene Psychiatrie. Am Donnerstag wurde für ihn zwar Sicherungsverwahrung angeordnet – die Entscheidung wurde aber zu fünfjähriger Bewährung unter strengen Auflagen ausgesetzt.

Ein Calwer hatte auf einem Campingplatz randaliert, nun stand er vor Gericht. Symbolfoto: Tomasz Zajda - stock.adobe.com
Ein Calwer hatte auf einem Campingplatz randaliert, nun stand er vor Gericht. Symbolfoto: Tomasz Zajda - stock.adobe.com

Mit dem Urteil entsprach die Große Strafkammer dem, was Gutachter Henner Giedke, Staatsanwalt Lukas Bleier und Verteidiger Christian Niederhöfer in Einhelligkeit vorgeschlagen hatten. Der bei den Taten wegen der psychischen Krankheit und starker Trunkenheit schuldunfähige Mann sollte seine therapeutische Betreuung in einer halboffenen Einrichtung weiterführen dürfen.

„Vorsichtig und misstrauisch“ hatte die Kammer gemacht, was Richter Ulrich Polachowski am Ende der Beweisaufnahme an Voreintragungen im Strafregister verlas: eine Haftstrafe von achteinhalb Jahren, die der Calwer bis zu seiner Abschiebung aus England abgesessen hatte, weil er sich als Drogenkurier für 2,7 Kilo reines Kokain im Marktwert von einer halben Million britischen Pfund hatte einspannen lassen; und vor allem auch ein Tötungsdelikt, für das der Mann vor 20 Jahren zu einer Jugendstrafe von siebeneinhalb Jahren verurteilt worden war, die er zu zwei Dritteln verbüßt hatte. Der später auf dem Campingplatz Calw-Stammheim polizeilich gemeldete Mann hatte sich damals unter starkem Cannabis-Einfluss und mit viel Alkohol im Blut von einem homosexuellen Liebhaber bedroht gefühlt und ihn mit einem Küchenmesser umgebracht – allerdings unter Umständen, die Kriminalisten als „Overkill“ bezeichnen.

Der Gutachter zählte zu den „Bürden seines Lebens“, die der Beschuldigte mit sich herumschleppe, zudem den spektakulären Selbstmord des Vaters und einen Missbrauch, den der Neunjährige nach eigenen Angaben durch seine Tante und ihren Mann habe erleiden müssen.

Das laut dem Vorsitzenden im Vergleich „eher harmlose Ausgangsdelikt“ dieses Prozesses mit Sachbeschädigung, Körperverletzung und Beleidigung sei weniger entscheidend für den Beschluss als die Altlasten in Verbindung mit der manifesten Krankheit, die allerdings nur gefährlich für die Allgemeinheit werde, wenn der Mann seine Medikation absetze und Drogen oder Alkohol konsumiere. Das sei seit den verhandelten Campingplatzvorfällen vom Januar 2019 nicht mehr vorgekommen. Auch zum Schutz der Gesellschaft ist die Fortsetzung der bisherigen Behandlung des inzwischen therapiewilligen Mannes aus Sicht des Gerichts das Beste. Eine Einweisung in den Maßregelvollzug haben Bewährungshelfer und Therapeuten als „absoluten Rückschritt“ bewertet.

Autor: Martin Bernklau