Calw -  15.09.2020
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Milde Strafen für filmreife Flucht: Ein Jahr und zwei Monate zusätzliche Haft für Hirsau-Ausbrecher

Gleiches Recht für alle. Im letzten von drei Tübinger Prozessen um den spektakulären nächtlichen Ausbruch eines Quartetts aus der geschlossenen Entzugsstation am Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in Hirsau im April 2109 hieß das am Dienstag: annähernd gleiche, eher milde Strafmaße von einem Jahr und zwei Monaten zusätzlicher Haft für die letzten beiden der vier Angeklagten. Weil Ausbruch an sich nicht strafbar ist, zeigte das Gericht am Dienstag Großmut.

Aus der geschlossenen Entzugsstation des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) in Hirsau sind vier Insassen im April 2019 geflüchtet. Archivfoto: Krivec
Aus der geschlossenen Entzugsstation des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) in Hirsau sind vier Insassen im April 2019 geflüchtet. Archivfoto: Krivec

Das erste Verfahren gegen alle vier war wegen Corona geplatzt. Zwei Komplizen, ein 33-jähriger Tschetschene und ein schwer drogenabhängiger 34-jähriger Rastatter, wurden im Juni bereits rechtskräftig zu Haftstrafen von knapp über einem Jahr verurteilt.

Schon Staatsanwalt Tobias Freudenberg hatte in seinem Plädoyer die begleitenden Vorwürfe des Raubes und der räuberischen Erpressung fallenlassen und die Körperverletzung an den beiden bedrängten Pflegern als minderschwer eingestuft. Auch ein möglicherweise abgebrochenes schweres Plastikbesteck, das Pflegerin und Pfleger in ersten Aussagen aus der Hosentasche des älteren Angeklagten herauslugen gesehen haben wollten, bewertete er nicht mehr als Tatwaffe. Im Zweifel für den Angeklagten.

So blieben noch Nötigung und Freiheitsberaubung übrig. Den schnell beendeten Fluchtversuch nach loser Absprache, aber ohne ausgefeilte Planung bewertete der Staatsanwalt als „Schnapsidee“. Drei der vier Ausbrecher hätten vor ihrer Überstellung in die Haftanstalten noch einmal ein paar Tage Freiheit und leichteren Zugang zu Drogen erhofft. Nur der verurteilte tschetschenische Lastwagenfahrer wollte zur Familie, die nach den Bürgerkriegen nach Frankreich geflüchtet war. Er gab wohl mit dem Entreißen von Telefon und Schließchip der Pflegerin und mit einem Ellenbogenangriff auf den sich wehrenden Pfleger den Impuls für die Flucht.

Dieser Einschätzung schloss sich am Ende die Große Strafkammer am Tübinger Landgericht ebenso an wie schon die Verteidiger Stefan Rothenstein und Brigitte Bertsch. Dass alle Ausbrecher laut Staatsanwalt immerhin versucht hätten, „das Ganze schonend ablaufen zu lassen“, war bei allen Parteien zugunsten der Angeklagten am Ende auch unumstritten.

Neben den weitgehenden Geständnissen aller vier Angeklagten wurde dem 43-jährigen aus Sachsen-Anhalt stammenden Älteren nun auch zugutegehalten, dass er den eingesperrten Pflegern die Telefonzelle aufgeschlossen habe, damit er Hilfe holen und sich schnell wieder befreien konnte. Dass auch der 25-jährige Mitangeklagte sich bei den beiden Pflegern glaubhaft entschuldigt habe, wertete der Vorsitzende Christoph Sandberger ebenfalls strafmildernd.

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Autor: mb