Calw -  11.09.2020
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Prozessauftakt: Ehemalige Psychiatrie-Insassen sollen Pfleger in Hirsau eingesperrt haben

Tübingen. Der nächtliche Ausbruch eines Quartetts aus dem Zentrum für Psychiatrie Calw-Hirsau (ZfP) im April 2019 war spektakulär. Vier mehr oder weniger schwere Jungs aus der geschlossenen forensischen Abteilung hatten gemeinsam eine Pflegerin und ihren Kollegen überwältigt, ihnen Schließchips und Telefone abgepresst und waren zu Fuß in Richtung Nagoldtal getürmt.

Einer der beiden Angeklagten (M) wird in einen Gerichtssaal im Landgericht Tübingen geführt. Den Angeklagten wird Freiheitsberaubung, Raub und Erpressung vorgeworfen. Sie sollen zwei Pflegekräfte eingesperrt haben, um zu fliehen.
Einer der beiden Angeklagten (M) wird in einen Gerichtssaal im Landgericht Tübingen geführt. Den Angeklagten wird Freiheitsberaubung, Raub und Erpressung vorgeworfen. Sie sollen zwei Pflegekräfte eingesperrt haben, um zu fliehen.

Die erste Fahndung mit Hubschraubereinsatz verlief ergebnislos. Aber schon in den frühen Morgenstunden waren alle Vier wieder hinter Schloss und Riegel: zwei der Ausbrecher bei Tagesanbruch am Bahnhof Hirsau, zwei etwas später kurz vor Bad Liebenzell, zu Fuß an der Bahnstrecke nach Pforzheim unterwegs.

Erster Prozess geplatzt

Der erste Prozess gegen das komplette Ausbrecher-Quartett war im März wegen Corona geplatzt. Im Juni verurteilte das Landgericht Tübingen dann einen 33-jährigen tschetschenischen Lastwagenfahrer, der in Straßburg lebt, zu einer Haftstrafe von 14 Monaten. Den schwer drogenabhängigen 34-jährigen Mittäter aus dem badischen Offenburg, wohl eher spät einbezogene Randfigur beim Ausbruch, schickten die Richter wegen der vielen Vorstrafen für 15 zusätzliche Monate ins Gefängnis.

Jetzt begann in Tübingen das letzte Kapitel einer juristischen Aufarbeitung der Umstände dieser Flucht.

„Ausbruch an sich ist keine Straftat. Schwere räuberische Erpressung, Nötigung, Körperverletzung und Freiheitsberaubung aber schon“, warf Staatsanwalt Tobias Freudenberg den beiden übrigen Ausbrechern in seiner Anklage vor.

Dem älteren Angeklagten, einem 43-Jährigen aus der Nähe von Halle, der in den Neunzigern nach Pforzheim gekommen war, droht wegen schwerer Delikte im Drogenumfeld nach Haftverbüßung eine Sicherungsverwahrung. Er gilt für die Ermittler als Wortführer. „Ich habe nichts mehr zu verlieren“, so der 43-Jährige vor Gericht. Auch der zweite Angeklagte, ein 24-jährige Mannheimer, hat eine desolate Jugend und eine selten unterbrochene Drogen-Karriere hinter sich.

Die Pflegerin wurde allerdings vom bereits verurteilten tschetschenischen Angeklagten überwältigt. „Das ist eine Meuterei“, soll der vor dem Elend der Tschetschenien-Kriege geflüchtete russische Staatsbürger gerufen haben, als er der Pflegerin Chip und Telefon blitzschnell entrissen hatte.

Ihren trostlosen Lebenslauf schilderten die beiden Beschuldigten bereitwillig. Der in Merseburg geborene Ältere wuchs im Osten als Sohn schwer alkoholkranker Eltern auf. Den gewalttätigen Vater verletzte er als 14-Jähriger mit einem Küchengerät so schwer, dass von da an sein von stetigen Drogenexzessen gesäumter Weg durch Gefängnisse, Heime und gescheiterte Beziehungen begann. Drei Kinder hat er, von zwei Frauen.

Die Familie des 24-jährigen Mannheimers zerbrach nach dem Freitod des Großvaters, den der Vater nicht verkraftete. Nach der Trennung der Eltern wollte der Elfjährige selber ins Heim, weil er sich mit dem neuen Stiefvater nicht verstand. Schon da hatte er täglich gekifft. Das half ihm besser, sagte er, als die Medikamente gegen sein ADHS-Syndrom. Kokain, Ecstasy und fast die ganze restliche Palette folgte. Einen Schulabschluss schaffte er nie und flog stets schnell aus allen Erziehungsheimen.

Mit Plastikmesser bewaffnet?

Die Anwälte der Angeklagten gaben danach jeweils eine Erklärung zu den Tatvorwürfen ab, die sich im Groben mit dem Urteil gegen die beiden Mitausbrecher vom Juni deckten. Der Ältere allerdings stritt dabei vehement ab, sich mit einem abgebrochenen schweren Besteckmesser aus Plastik bewaffnet zu haben, das die Zeugen schon im ersten Prozess bei ihm als zusätzliches Drohmittel gesehen haben wollen.

Der Staatsanwalt bewertete diese möglicherweise aus der Hosentasche ragende Waffe als „potenziell lebensgefährlich“. Dass er gedroht habe, man wolle den bedrängten Pflegern zwar nichts tun, aber bei weiterem Widerstand könne es „bald sehr ungemütlich werden“, räumte er über seinen Anwalt im Wesentlichen ein.

Ermittlungsergebnisse und Zeugenaussagen werden komplett noch einmal neu verhandelt. Spätestens Mitte kommender Woche ist ein Urteil für die letzten beiden Ausbrecher in Tübingen zu erwarten.

Autor: Martin Bernklau