Dobel -  24.07.2020
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Ein Arzt kommt selten allein: Sind medizinische Versorgungszentren die Lösung gegen den Mangel auf dem Land?

Dobel/Höfen. Wenn Praxen schließen, findet sich nur selten auf Anhieb ein Nachfolger. In vielen Gemeinden wie in Höfen oder Dobel hofft man daher auf Medizinischen Versorgungszentren. Im Höhenort bahnt sich so nun eine Lösung an. Was genau es mit den MVZ auf sich hat und ob sie gegen den Ärztemangel helfen können, hat sich die „Pforzheimer Zeitung“ angeschaut.

Hausärzte werden in der Region dringend gesucht. Könnten Medizinische Versorgungszentren eine zukunftsfähige Einrichtung sein? Foto: dpa-Archiv/Christin Klose
Hausärzte werden in der Region dringend gesucht. Könnten Medizinische Versorgungszentren eine zukunftsfähige Einrichtung sein? Foto: dpa-Archiv/Christin Klose

Die eigene Praxis mit dem eigenen Namen auf dem Schild an der Tür: Das ist schon seit längerer Zeit nicht mehr das höchste Ziel eines Mediziners. Experten begründen dies damit, dass sich bei vielen die Prioritäten verschoben haben. „Viele junge Ärzte legen heute mehr Wert auf ansprechende Rahmenbedingungen“, sagt Martin Felger, Geschäftsführer der Genossenschaft Medizinisches Versorgungszentrum Calw.

Wunsch nach Team und Teilzeit

Sie wollten nicht sieben Tage die Woche rund um die Uhr im Einsatz sein und als Einzelkämpfer in einer Praxis arbeiten, meint er. „Die Ärzte wollen im Team arbeiten, manchmal auch in Teilzeit, flexibel sein und nicht so viel Zeit mit der Bürokratie verbringen“, so Felger. Sich selbstständig in einer eigenen Praxis niederzulassen mit allem, was an Verantwortung, Bürokratie und Lebenszeit dazu gehört, gelte für viele daher nicht mehr als der Königsweg. Doch was kann man tun, damit die Ärzte doch aufs Land kommen?

Ein Ausweg könnten die sogenannten medizinischen Versorgungszentren sein. Anders als ein Ärztehaus oder ein Gesundheitszentrum, wo einfach in räumlicher Nähe verschiedene medizinische Dienstleistungen angeboten werden, ist das MVZ ein fest definierter Begriff. „Es ist ein Konstrukt, damit ein oder mehrere Ärzte angestellt werden können“, so Felger. Gemeinsam mit vier anderen Ärzten hat er im vergangenen Herbst die Genossenschaft MVZ Calw gegründet, die es sich zum Ziel gemacht hat, im Nordschwarzwald hausärztliche Praxen zu betreiben. In diesem Monat sind nun die ersten Praxisstandorte der Genossenschaft ganz offiziell an den Start gegangen, in Calw mit einer Zweigstelle in Ostelsheim. „Sieben Ärzte sind an den beiden Standorten tätig“, sagt Felger.

"Wenn eine Praxis erst mal geschlossen ist, ist es noch schwieriger, sie wieder aufzumachen."

Martin Felger, Geschäftsführer der Genossenschaft Medizinisches Versorgungszentrum Calw

In vielen Kommunen in der Region besteht nun die Hoffnung, dass langfristig ein MVZ die Versorgung gewährleisten könnte, Anfragen an das MVZ Calw gab es schon einige. „Wir versuchen, die Kommunen dabei zu unterstützen, dass sich wieder ein Arzt ansiedelt“, sagt Felger. Denn die Kommunen alleine könnten dies nicht – schon aus rechtlichen Gründen. Allerdings brauche es für die Einrichtung eines MVZ eine gewisse Vorlaufzeit. „Wenn eine Praxis erst mal geschlossen ist, ist es noch schwieriger, sie wieder aufzumachen“, sagt Felger. Dann sei das Personal weg, es müssten unter Umständen neue Räume gefunden und die Zulassung wieder neu beantragt werden.

Doch woher bekommt das MVZ Calw die Mediziner, wenn es für die Hausärzte so schwer ist, Nachfolger zu finden? „Entscheidend ist, dass das Konzept gut ist und die Kollegen überzeugt“, sagt Felger. Bisher hätte sich alles über Mund-zu-Mund-Propaganda herumgesprochen und es habe bereits mehrere Anfragen von Ärzten gegeben, die sich vorstellen könnten, in einer von der MVZ Cal betriebenen Praxis im nördlichen Schwarzwald zu arbeiten.

"Wir sind mit einem Interessenten im Gespräch, der die Praxis unter unserer Regie vorübergehend übernehmen könnte."

Gute Nachrichten hat Felger für Dobel.

Einen heißen Kandidaten scheint das MVZ Calw nun auch für Dobel gefunden zu haben. Anfang Juli hatte dort Hausarzt Hans-Jürgen Hornberger seine Praxis aus Altersgründen geschlossen, offiziell gibt es noch keinen Nachfolger. Bürgermeister Christoph Schaack zeigte sich zuletzt im Gespräch mit der „Pforzheimer Zeitung“ optimistisch, dass es in der zweiten Jahreshälfte eine Lösung geben könnte. Dies bestätigt nun auch Martin Felger: „Wir sind mit einem Interessenten im Gespräch, der die Praxis unter unserer Regie vorübergehend übernehmen könnte“, sagt er. Die Genossenschaft könne aber nicht alle Risiken übernehmen, deshalb brauche es auch eine Abstimmung mit dem Dobler Gemeinderat.

Bestehende Praxis übernehmen? Nein, danke!

Einzelne Erfolgsmeldungen gibt es also doch. „Dass Ärzte bereit sind, eine bestehende Praxis zu übernehmen, passiert mal, ist aber die absolute Ausnahme“, weiß Dr. Uve Sievers, Vorsitzender der Bad Wildbader Ärztevereinigung, der schon seit vielen Jahren auf die drohenden Probleme aufmerksam macht. Denn in mehreren Gemeinden im nördlichen Schwarzwald ist ein Ärztemangel nur noch eine Frage der Zeit: „Die Praxen sind alle am Anschlag“, sagt Sievers. Angesichts der Altersstruktur der Ärzte in Bad Wildbad sei es auch hier absehbar, dass es zu einem Ärztemangel komme. „Es braucht nur ein Kollege krank werden oder aufhören, dann haben wir ein Problem“, sagt der Arzt. Und hofft deshalb langfristig auch auf die Einrichtung eines Praxisstandortes des MVZ Calw.

Nachfolger für Dr. Sona in Calmbach gefunden

Während Höfen noch weiter nach einem Mediziner sucht, gibt es für Calmbach, wo auch einige der Höfener Patienten untergekommen sind, eine Erfolgsmeldung.

"Der neue Kollege ist 66 Jahre alt, es ist also keine Dauerlösung, aber wir freuen uns trotzdem, dass er kommt."

Uve Sievers, Vorsitzender der Bad Wildbader Ärztevereinigung

Wie der Vorsitzende der Bad Wildbader Ärztevereinigung, Dr. Uve Sievers, gegenüber der „Pforzheimer Zeitung“ bestätigt, konnte hier ein Nachfolger für Dr. Bernhard Sona gefunden werden. Denn auch dieser ist auf dem Weg in den Ruhestand. „Der neue Kollege ist 66 Jahre alt, es ist also keine Dauerlösung, aber wir freuen uns trotzdem, dass er kommt“, so Sievers. Seit Juli ist Dr. Dan Simonetti nun fest in Calmbach im Einsatz. „Im Oktober will ich die Praxis übernehmen“, sagt Simonetti, der zuvor in Siegen praktizierte, im Gespräch mit der PZ.

Autor: Carolin Weiß