Dobel -  23.12.2018
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Hunger an Heiligabend: TV-Koch Roy Kieferle erinnert sich an karges Weihnachtsfest

Dobel. Damals, als er das „Besatzungskind“ war, der „Bankert“, der angefeindet wurde, mit dem niemand spielen durfte. Damals, als er meist barfuß lief, weil die Schuhe fehlten, und ständig Prügel einstecken musste, deren Narben noch heute nicht verblassen wollen.

Mit Freude schenkt Roy Kieferle heute Essen aus – wie bei den vielen PZ-Weihnachtsmarktaktionen von „Menschen in Not“. Seine früheste Jugend hat ihn gelehrt, wie glücklich schon ein Kelch Suppe machen kann. Foto: PZ-Archiv
Mit Freude schenkt Roy Kieferle heute Essen aus – wie bei den vielen PZ-Weihnachtsmarktaktionen von „Menschen in Not“. Seine früheste Jugend hat ihn gelehrt, wie glücklich schon ein Kelch Suppe machen kann. Foto: PZ-Archiv

Ach damals – für Roy Kieferle haben sich die weihnachtlichen Gedanken an früher eine schmerzhafte Tiefe bewahrt: In der engen Stube des abgelegenen kleinen Häuschens am Waldrand, wo dreizehn Paar junge Beine unter dem blank gescheuerten Tisch Platz finden mussten, ließ der tägliche Mangel wenig weihnachtliche Freude zu. „Das hat mich geprägt“, sagt Kieferle, der heute zusammen mit seiner Frau Renate ein Restaurant in Dobel führt. „Armut und Missachtung – wenn beides zusammenkommt, daran hast du dein Leben lang zu tragen“.

Der vaterlose kleine Roy inmitten seiner Geschwister, Cousins, Cousinen, Onkel und Tanten, die alle mit im Haus des Großvaters wohnten, war ein schmächtiges Kind und Hunger sein ständiger Begleiter. An Heiligabend aber gab es statt des täglichen trockenen Brots eine Schüssel Kartoffelsalat. Dazu ein Stückchen rote Wurst – die musste genau geteilt werden, damit jeder etwas abbekam. Die kleine Fichte hatten die älteren Onkel mitsamt dem Holz für den Herd, der das ganze Haus beheizte, aus dem Wald geholt. Drei Kerzen klemmten in Blechhüllen an den Zweigen und beleuchteten den Familien-Weihnachtsschatz – zwei sorgsam gehütete glänzende Kugeln. Was das Päckchen für jedes Kind enthielt, war kein Geheimnis. Wochenlang hatten Mutter und Großmutter gestrickt, manchmal auch ein altes Exemplar „aufgeribbelt“, um etwas Neues zum Anziehen daraus entstehen zu lassen. „Aber wir waren an Heiligabend alle zusammen und das machte die besondere Stimmung aus“, erinnert sich Kieferle – und auch daran, dass mit Heiligabend Weihnachten vorbei war: „Am nächsten Tag fing der Alltag wieder an“.

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Doch der Hunger blieb. „Der Sommer ging noch. Wir sind ja in der Natur groß geworden. Da fanden wir Beeren, Pilze und Früchte und haben Brombeer-, Erdbeer- und Himbeerblätter für Tee gesammelt.“ Manchmal, wenn der Hunger gar zu schmerzhaft im Magen rumorte, riskierte es der kleine Roy, mit einem an einen langen Stecken einen Apfel aus einem fremden Garten zu angeln, oder pflückte ein paar nachbarliche Kirschen. Der Winter aber war grausam: „Da gab es Wasser im Topf mit Kartoffeln. Wenn die gar waren, holte man sich eine heraus – manchmal bekam man ein kleines Stückchen Sanella dazu“. Und mit ganz viel Glück hatte die Mutter eines Schulkameraden Mitleid mit dem dünnen barfüßigen Kerlchen. Schließlich war da noch der Sportverein, dort gab es einen Doppelweck mit was drauf: „Ich tendierte einfach immer dahin, wo es was zu essen gab. Wenn jemand von Hunger spricht – ich weiß, wovon er redet“.

Der Großvater, liebevoller Familienpatriarch, hatte die rettende Eingebung: Er schickte den 14-jährigen Enkel in die Kochlehre nach Kapfenhardt. Die fünf Mark im Monat waren hart verdient, „aber zum ersten Mal hatte ich ein Bett ganz für mich allein“. Und zum ersten Mal konnte er an Heiligabend etwas zu essen mit nach Hause nehmen.

Längst wird Weihnachten bei Familie Kieferle in Dobel anders gefeiert. Renate Kieferle hat ein Händchen für stimmungsvolle Gemütlichkeit. Und Hunger muss dort niemand leiden, geblieben aber ist der tiefe Respekt vor allem, was Nahrung ist. „Ich kann nichts wegwerfen“, sagt Kieferle.

Autor: Gabriele Meyer