Kuriose Fällarbeiten in Dobel: 150 Fichten fallen für den Naturschutz
Dobel. Es ächzt und knarzt, dann knackt es laut und mit einem dumpfen Schlag fällt die riesige Fichte zu Boden. Sie ist eine von rund 150 Bäumen, die dieser Tage in Dobel auf einem gemeindeeigenen Grundstück gefällt werden. Aus Naturschutzgründen. Klingt komisch – ist aber so.
Denn die Fläche unterhalb des Sportplatzes in Richtung der Brenntenwaldsiedlung soll als eine Ausgleichsfläche herhalten, damit der vergrößerte Netto-Supermarkt am Ortsausgang von Dobel in Richtung Bad Herrenalb auf einer Mähwiese gebaut werden darf.
Dobels Ortsbaumeister Michael Müller erklärt: „Das Grundstück der Gemeinde wurde früher unter anderem für Veranstaltungen genutzt.“ Die Fichten, die bis zu 20 Meter hoch sind, sind schon sehr alt – mindestens 30 Jahre. Sie waren ursprünglich zur Eingrenzung des Grundstückes gepflanzt worden. Deshalb zählt das Areal laut Müller auch nicht als Wald, sondern als „gärtnerisch gepflegtes Grundstück“. Hier gebe es fürs Fällen, zum Beispiel was den Zeitpunkt der Fällung angeht, nicht so strenge Richtlinien. Bereits seit einigen Tagen laufen die Rodungsarbeiten am Ortsrand von Dobel. Wenn Bäume und Wurzelstöcke entfernt sind, wird aber nicht einfach nur Gras eingesät, sondern spezielles Saatgut. Dafür müsse Saatgut von den umliegenden Wiesen gesammelt und ausgebracht werden.
„Das alles ist ein sehr komplizierter Prozess mit verschiedenen Auflagen. Bis eine wertvolle Mähwiese dann tatsächlich da ist, dauert es etwa zehn Jahre“, meint Müller.
Doch wie ist man ausgerechnet auf diese Fläche mit den Fichten als Ausgleichsfläche gekommen, die rund einen Kilometer vom Supermarkt entfernt ist? „Die hat uns das Landratsamt in Calw vorgeschlagen“, sagt Müller. Schon als im Gemeinderat zum ersten Mal über diese Möglichkeit gesprochen wurde, reagierten manche erstaunt, dass 150 Bäume für eine Maßnahme des Naturschutzes gefällt werden sollen.
Das Landratsamt Calw erklärt das so: „Für die Erweiterung des Netto-Markts in Dobel wird eine Magere Flachlandmähwiese beansprucht und überbaut.“
Dafür sei eine Ausnahmegenehmigung nötig gewesen, da es sich bei diesen Wiesen um geschützte Biotope handle. Und um diese zu bekommen, sei die Schaffung eines gleichwertigen Ausgleichs nötig gewesen. So sei man auf das Grundstück gekommen, das von Mähwiesen umgeben sei. „Die Fichten stellen eine ehemalige Fichtenhecke dar, die mit den Jahren gewachsen ist.“ Diese hätten aus Sicht des Naturschutzes keinen hohen Wert, so die Einschätzung der Fachabteilung für Landwirtschaft und Naturschutz. Zudem würden Fichten als „standortfremd, klimasensibel und ökologisch deutlich weniger wertvoll als Mähwiesen“ gelten.
Und wie reagieren die Dobler auf die Fällungen, die im September 2023 ein Neubaugebiet per Bürgerentscheid abgelehnt haben, weil dafür Wald abgeholzt hätte werden müssen? Eine Spaziergängerin kommt vorbei. Sie schaut kurz zur Seite, was auf der Fläche passiert, läuft weiter und merkt nur an:
„Ist das ein Krach“.
Weiter oben, auf den Feldwegen unterhalb des Wasserturms, geht ein Mann mit einem Hund Gassi. Zwei Frauen kommen vorbei, beide schieben einen Kinderwagen. Weder der Mann noch die Frauen beachten die Arbeiten auf dem großen Grundstück. Auch die Arbeiter, die bereits seit einigen Tagen am Werkeln sind, hätten keine Kritik aus der Bevölkerung gehört.
Auf der großen Fläche riecht es nach frischem Holz und Tannennadeln. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und am Horizont drehen sich die Windräder der umliegenden Windparks. Ein Bagger packt sich den nächsten Baum, der bereits angesägt ist, und bricht die mächtige Fichte einfach ab. Anschließend werden die vielen Äste abgesägt und der Stamm mit den anderen aufgestapelt. „Aus den rund 50 Festmetern Holz, die wir hier gewinnen, werden vermutlich Paletten gemacht“, sagt Müller. Der Erlös komme der Gemeinde zugute – wenn man die Kosten für die Fällungen gegenrechnet, kommt man laut Müller bei Null raus.
Abriss des Netto-Marktes schreitet voran
Die Arbeiten am Abriss und Neubau des Netto-Marktes am Ortsausgang von Dobel in Richtung Bad Herrenalb sind in vollem Gange. Dafür sind jahrelange, zum Teil zähe Verhandlungen nötig gewesen, immer wieder musste das Vorhaben nach hinten verschoben werden. Vor allem wegen eines besonderen Schmetterlings, der auf den umliegenden Wiesen lebt: der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Im Februar ist es dann mit dem Abriss tatsächlich losgegangen. Laut Netto soll der neue, größere Markt, der auch für die Nahversorgung der umliegenden Gemeinden eine große Bedeutung hat, noch in diesem Jahr eröffnet werden.
