Karlsbad -  22.05.2026
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Kein Kind übernimmt: Wie Herrmann Ultraschall den Generationswechsel regelt

Karlsbad. Bei Herrmann Ultraschall hat Thomas Herrmann die Führung an André Deponte übergeben. Der Generationswechsel beim weltweit tätigen Spezialisten für Ultraschallschweißen zeigt, wie sich das Familienunternehmen mit neuen Märkten, internationalem Wachstum und KI weiterentwickeln will.

Herrmann Ultraschall Karlsbad
Sind ein eingeschweißtes Team: Thomas Herrmann (links) hat die Unternehmensführung an André Deponte übergeben. Foto: Meyer

Wenn Menschen an Ultraschall denken, denken sie meist zuerst an die verschwommenen Schwarz-Weiß-Bilder aus der Frauenarztpraxis. Vielleicht ist das der schönste Ultraschall der Welt. Der zweitschönste sitzt in Karlsbad-Ittersbach. Dort geht es nicht um Babys, sondern um industrielle Präzision.

Herrmann Ultraschall gehört zu den weltweit führenden Spezialisten fürs Ultraschallschweißen. Jüngst übergab Thomas Herrmann die Führung an André Deponte – nicht an eines seiner Kinder. Es ist ein Generationswechsel, der zeigt, wie sich ein modernes Familienunternehmen weiterentwickelt: mit neuen Märkten, internationalem Wachstum und einer KI, die einmal das Wissen eines ganzen Unternehmens zugänglich machen soll.

Aber der Reihe nach. Ultraschalltechnik steckt heute fast überall: in Kaffeekapseln, elektronischen Zahnbürsten, medizinischen Produkten, Verpackungen oder Kabelverbindungen. Wer bei Herrmann Ultraschall eine Sonotrode – so heißt das Schweißwerkzeug – berührt, spürt ein vibrierendes Surren – 20.000 bis 35.000 Schwingungen pro Sekunde. Die Hitze, die beim Schweißen entsteht, kann man sich vorstellen wie das Reiben der Hände, nur milliardenfach intensiver. Zurück bleibt eine saubere, belastbare Naht.

Dieses Verfahren hat der Firmengründer Walter Herrmann groß gemacht, sein Sohn, Thomas Herrmann, dann global weiterentwickelt. Heute ist Herrmann Ultraschall mit 27 Standorten in 20 Ländern vertreten. Rund 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten weltweit für die Karlsbader.

„Kinder nicht in Rolle drängen“

Thomas Herrmann sitzt an diesem Nachmittag im Besprechungsraum irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft. Der 63-Jährige spricht erstaunlich gelassen darüber, warum er Platz macht. Nicht, weil er muss. Sondern weil er überzeugt ist, dass Unternehmer spüren sollten, wenn sich die Welt verändert hat. Als er vor fast zwei Jahrzehnten CEO wurde, erzählt Herrmann, seien die Entscheider bei den Kunden ungefähr so alt gewesen wie er selbst. Heute seien diese Menschen Mitte vierzig geblieben – nur er eben nicht.

„Wenn man Kunden wirklich verstehen will“, sagt er, „dann ist es besser, wenn die Macher so nah wie möglich an deren Lebenswelt sind.“ Es ist ein Satz, der viel über diesen Übergang erzählt.

Dass keines seiner Kinder das Unternehmen übernimmt, klingt bei ihm nicht nach Enttäuschung. Die Familie bleibt über Gesellschafterstrukturen eng verbunden, operativ aber sollen die Kinder ihren eigenen Weg gehen.

„Ich finde es wichtig, dass man die Kinder nicht in etwas drängt. Daran gehen oft Unternehmen kaputt“, sagt Herrmann. Maschinenbau müsse man mögen.

Vom Mechatroniker zum CEO

Herrmann fand seinen Nachfolger außerhalb der Familie: André Deponte, ein Manager mit bemerkenswertem Aufstieg – vom studierten Mechatroniker zum CEO eines globalen Mittelständlers.

Bei Herrmann Ultraschall baute der 47-Jährige zunächst einen neuen Geschäftsbereich auf, übernahm später den weltweiten Vertrieb, reiste mit Thomas Herrmann durch chinesische Industriestädte – und wuchs Schritt für Schritt in die neue Rolle hinein.

Drei Jahre arbeiteten beide bereits gemeinsam in der Geschäftsführung. Verantwortung wurde nicht übergeben wie ein Schlüsselbund, sondern langsam verschoben, getestet, eingeübt.

Herrmann vergleicht diesen Prozess mit einer Ehe. „Man geht ein Commitment ein“, sagt er. „Wenn er jetzt ausfiele oder einfach verschwände, wäre das eben nicht nur ein persönliches Problem, sondern eines für das gesamte Unternehmen.“

Jetzt, wo er nicht mehr CEO ist, will sich Herrmann weiterhin als Teil der Geschäftsführung vollständig auf Innovation konzentrieren. Seine Definition davon klingt erstaunlich bodenständig: „Innovation entsteht dadurch, dass sie einen Mehrwert für den Kunden generiert.“ Tüfteln im stillen Kämmerlein sei das nicht. Eher genaues Zuhören. Herausfinden, was Kunden fehlt oder ihre Produktion einfacher macht.

„Mehr China-Speed“

Damit in Deutschland mehr Innovation gelingt, bräuchte es allerdings mehr „China-Speed“, sagt Herrmann. Ihn beeindrucke die Geschwindigkeit, mit der Innovationen dort umgesetzt würden. Deutschland könne das eigentlich auch – wären da nicht lange Genehmigungsverfahren, Lieferkettengesetze oder neue regulatorische Vorgaben wie die PFAS-Regulierung. Wirtschaftspolitische Themen spricht er offen an. Nun, da er nur noch vier Tage pro Woche arbeitet, will er sich stärker beim Wirtschaftsverband wvib engagieren.

Auch Deponte spricht von Aufbruch, vom „next Level“ für Herrmann Ultraschall. „Thomas hat das Unternehmen in Richtung globalen Mittelstand entwickelt“, sagt er. „Für mich ist es wichtig, dass Herrmann Ultraschall ein noch größeres globales Unternehmen wird.“

Wachstum findet heute vor allem anderswo statt – obwohl die Geschäftsführer solches gerne auch am Standort Karlsbad sehen wollen. „Wenn die Regierung Unternehmen gezielter von Bürokratie entlasten würde“, sagt Thomas Herrmann.

Nötig ist Wachstum auch deshalb, weil die Maschinen des Unternehmens oft jahrzehntelang im Einsatz bleiben. Wer skalieren will, muss ständig neue Anwendungen finden. In Karlsbad entwickelt man bereits Lösungen, um Klebstoffe in Kartonagen durch Ultraschall zu ersetzen. „Aber der Markt ist einfach noch nicht so weit“, sagt Thomas Herrmann. Auch die Industrialisierung der Technologie sei deutlich komplexer und dauere länger. Dabei liege der Vorteil klar auf der Hand: „Ultraschallschweißens ist energieeffizient und nachhaltig“, sagt Deponte. So könne man auf Kleber und andere energieintensive thermische Fügeverfahren verzichten.

Neue Märkte im Blick

Gleichzeitig richtet sich das Unternehmen strategisch neu aus: weg von der Abhängigkeit vom Automotive-Bereich, hinein Medizintechnik, Elektronik oder Packaging. Blutzuckersensoren, nachhaltige Monomaterialien und Anwendungen rund um Rechenzentren und Data Center sind die neuen Wachstumsfelder.

Ganz loslassen will man das Automotive-Geschäft aber nicht. Gerade Anwendungen in der E-Mobilität gelten weiterhin als Wachstumsmarkt. Global betrachtet sehe die Welt ohnehin differenzierter aus als aus deutscher Perspektive, sagt Deponte. Was in Europa stagniere, wachse in China oft weiter – nur mit anderen Anwendungen, anderen Fahrzeugen, anderen Märkten.

Die internationale Aufstellung helfe dabei, Schwächephasen einzelner Branchen auszugleichen.

KI, die Walter Herrmann kennt

Doch je internationaler das Unternehmen wird, desto schwieriger wird es, das Wissen im Haus überall verfügbar zu machen. „Wenn Herrmann wüsste, was Herrmann weiß“, heißt deshalb ein beliebter Spruch im Unternehmen. Gemeint ist das Wissen aus Jahrzehnten Ingenieurarbeit: In den Archiven lagern Hunderttausende Dokumente, Versuchsberichte und Laborergebnisse. Eine interne KI soll helfen, dieses Wissen zu sichern und zu verbreiten.

Der Name steht bereits fest, obwohl das Projekt noch in der Entwicklung steckt: „Ask Walter“, benannt nach Unternehmensgründer Walter Herrmann, der bis heute im Unternehmen präsent ist.

Bei Herrmann Ultraschall geht es nämlich nicht nur um Schwingungen, sondern auch um Haltung. Thomas Herrmann, gläubiger Christ, sagt von sich selbst, er sei „sehr gesegnet“. Daraus leite sich Verantwortung ab. Deshalb unterstützt das Unternehmen seit Jahren Projekte wie „Weihnachten neu erleben“, die Arche Karlsruhe oder den Karlsbader Ferienspaß. Deponte erlebt diese Nähe inzwischen auch privat, seit er mit seiner Familie aus Stuttgart nach Karlsbad-Langensteinbach gezogen ist. So bekommt der Geschäftsführerwechsel auch vor Ort ein Gesicht.

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