Gemeinden der Region
Pforzheim -  29.08.2026
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70-Stunden-Woche und ständig beobachtet: Zwei Ex-Bürgermeister aus der Region über Belastung im Amt

Pforzheim. Birgit Mertens steht in der Schlange an der Kasse im Edeka in Niefern. Damals hat sie noch einen anderen Nachnamen und ist die Bürgermeisterin im Ort. Eine Frau vor ihr dreht sich schließlich. „Sind Sie nicht Frau Förster?“ „Ja.“ „Sie sind ja gar nicht so dick wie in der Zeitung.

Rathaus Skulptur Endzeit
Bürgermeister sein ist immer auch eine Gratwanderung, Fehler werden selten verziehen: die Figur „Endzeit“ auf dem Pforzheimer Rathaus. Foto: Röhr

Die Begegnung scheint Birgit Mertens hängengeblieben zu sein und sie zeigt, womit Bürgermeisterinnen und Bürgermeister neben den beruflichen Herausforderungen umgehen müssen. Damit, immer in der Öffentlichkeit zu stehen und damit, dass das Privatleben nie ganz privat ist. „Es wird rund um die Uhr alles an dir bewertet“, sagt sie.

Birgit Mertens berät heute junge Verantwortungsträger in der Verwaltung, auch solche, die Bürgermeister sind oder es werden wollen. So einen Coach, wie sie jetzt einer ist, hatte sie ebenfalls während ihrer Amtszeit. Für sie war das Gold wert, auch wenn sie in Gesprächen mit Kollegen damals oft die Einzige war, die einen hatte oder es zumindest zugeben wollte. Und sie kennt solche Kollegen, die den Druck nicht mehr ausgehalten haben und frühzeitig aufhörten.

Bürgermeister, das sei ein 24/7-Job. Da werde einem vom Bürger gesagt, dass der Ehemann beim Gassigehen nicht grüße. Der Sohn in seinem Tankstellen-Job wird angesprochen, warum er denn dort arbeite, wenn die Mutter doch Bürgermeisterin sei. Und selbst auf der Geburtstagsfeier der Freundin wurde Birgit Mertens als Bürgermeisterin vorgestellt. „Völlig danebenbenehmen geht also nicht.“ Die Sache sei: Jeder sei gerne mit der Bürgermeisterin befreundet. Manche, weil sie sich einen Vorteil erhofften. Wenn jemand zu schnell zu kumpelig geworden ist, musste sie das geraderücken: „Für Sie immer noch Frau Förster“, musste sie jemanden die Grenzen aufzeigen. Gerade das sei wichtig für junge Berufseinsteiger: freundlich Grenzen setzen. Um zu entspannen, sagt sie, fahren manche Kollegen bis zu 70 Kilometer weit weg, und verbringen dort ihre Freizeit.

„Die Reißleine gezogen“

Auch Matthias Leyn hat damals als Bürgermeister von Schömberg schnell gemerkt, dass der Job als Bürgermeister nach Feierabend weitergeht. Beim Einkauf im Supermarkt, wenn Bürger schnell noch auf eine kaputte Straßenlaterne hinweisen, oder bei der ständigen Beobachtung öffentlicher Auftritte. Vor Jahreshauptversammlungen habe seine Assistentin sogar Fotos aus dem Vorjahr herausgesucht, damit er nicht wieder im gleichen Anzug erschien. „Aber das sind Sachen, die weiß man vorher“, sagt Leyn. Wer Bürgermeister werde, entscheide sich für ein Leben in der Öffentlichkeit.

Zehneinhalb Jahre war Leyn Bürgermeister von Schömberg, bevor er 2025 überraschend seinen vorzeitigen Rücktritt ankündigte. Heute arbeitet er als Coach und berät junge Bürgermeister oder solche, die es werden wollen. Seine Entscheidung damals beschreibt er als bewusst gezogene Konsequenz: „Ich habe selbst die Reißleine gezogen, weil ich es nicht mehr wollte.“ Er sei immer mit „150 Prozent“ bei der Sache gewesen. Als er jedoch begann, bei vielen Themen Sinn und Motivation zu hinterfragen, habe er Konsequenzen gezogen. Ohne Begeisterung weiterzumachen, sei weder gegenüber Bürgern noch Mitarbeitern fair.

"Wenn es an die Gesundheit geht, dann muss man überlegen.“

In besonders arbeitsreichen Monaten kamen laut Leyn Wochen mit rund 70 Stunden zusammen. Hinzu kam die permanente öffentliche Beobachtung. Die Berichterstattung über eine Dienstaufsichtsbeschwerde bezeichnet er als ersten „Knackpunkt“. „Da zucken Sie zusammen.“ Man beginne sofort , zu überlegen: Was habe ich falsch gemacht? Besonders unangenehm sei es gewesen, als auch seine damals zwölfjährige Tochter von Mitschülern auf ihren Vater angesprochen wurde.

Heute rät Leyn Bürgermeistern, Kritik anzunehmen, sich aber zugleich abzugrenzen. „Die Welt dreht sich nicht nur um mich.“ Wichtig sei außerdem ein kleiner Kreis ehrlicher Vertrauenspersonen. Er selbst hatte fünf oder sechs Menschen aus unterschiedlichen Bereichen des Ortes, die ihm offen sagten, wenn ein Problem drohte: Löse es, bevor es hochkocht. zurück. Begegnungen bei Vereinsfesten und Jahreshauptversammlungen hätten ihm viel bedeutet. „Wenn ich gelächelt habe, war das echt“, sagt er. Das Bürgermeisteramt bezeichnet er rückblickend sogar als „Traumberuf“ – allerdings als einen mit großer Verantwortung und einer belastenden Seite. Für sich selbst hat Leyn inzwischen einen Schlussstrich gezogen: „Das Kapitel habe ich für mich abgeschlossen.“

Auch Birgit Mertens kann sich nicht mehr vorstellen, als Rathauschefin zu arbeiten. Sie will ihr Know-how nutzen, um junge Menschen fit für den Job zu machen. Dazu startet sie sogar bald einen eigenen Podcast: „Beschlussfähig“.

Das sagen die Ex-Bürgermeister zu Bochs Firma

Während Matthias Leyn, Birgit Mertens und Ex-OB Gert Hager sich erst nach ihren Amtszeiten für eine Coaching-Karriere entschieden haben, hat der amtierende Oberbürgermeister Peter Boch nicht so lange gewartet und im vergangenen Jahr die Firmengründung von „Peter Boch Consulting“ verkündet. Birgit Mertens war während ihrer Amtszeit ehrenamtlich als Speakerin und Mentorin für andere Bürgermeister tätig. Sie hält die Firmengründung für einen vertretbaren Schritt. Aber: „Du musst vorher abwägen, ob du mit der Kritik umgehen kannst. Wenn nicht, sage ich: Lass es lieber.“ Bisher scheine ihm die Entscheidung nicht sehr zu schaden, so Mertens. Matthias Leyn fand den Schritt von Boch „mutig – auf eine bewundernswerte Art“. Gut sei gewesen, dass der OB offensiv und transparent mit dem Thema umgegangen sei. heg

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