Alle wollen „a Selfie mitm Cem“: So lief der Bürgerdialog der Grünen in Nagold
Nagold. Die gesamte Landtagsfraktion versammelt sich im Teufelwerk, um mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu gehen. Der Spitzenkandidat ist besonders gefragt, nicht nur als Gesprächspartner.
Andreas Schwarz bietet an diesem Abend alles auf, was er hat. Oder besser gesagt: Alle, die er hat. Die gesamte Grünen-Landtagsfraktion ist am Dienstag mit ihrem Vorsitzenden ins Teufelwerk in Nagold gekommen, zudem die grünen Kabinettsmitglieder, Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Spitzenkandidat Cem Özdemir. Die Grünen treffen sich dieser Tage in Altensteig zur Klausur, am Abend des ersten Tages suchen sie im Landtagswahlkampf die Volksnähe bei einem Bürgerdialog.
Die Windkraft-Gegner sind da
Während am Eingang noch eine dekorative Traube grüner Ballons angebracht wird, entrollt eine Handvoll Windkraftgegner vor der Halle zwei Transparente. Von „Windkraft-Wahnsinn“ und „Windkraft-Terror“ ist da zu lesen. Nichts Neues für die Grünen, man habe schon damit gerechnet, das komme häufiger vor, sagt Pressesprecherin Kalliopi Giannadaki.
Fraktionschef Schwarz begrüßt die Gäste, die doch recht zahlreich gekommen sind. Die Halle ist gut gefüllt. Er spricht von der unruhigen Welt und dem Wunsch nach Verlässlichkeit. Die personifizierte Verlässlichkeit der vergangenen 15 Jahre, Landesvater Kretschmann, spricht danach. Er zieht eine kurze Bilanz seiner Regierungszeit, spricht darüber, dass ihm nach dem Konflikt um Stuttgart 21 das Ausgleichende wichtig gewesen sei. Nicht immer nur Entweder-oder – sondern Sowohl-als-auch. Für Özdemir hat er naturgemäß nur Lob, der habe Augenmaß, Fingerspitzengefühl und Urteilskraft. Wenn man den wähle – „da machen Sie nix falsch“, sagt er schmunzelnd.
Dann spricht Özdemir. Während er auf der Bühne erst einmal den Zwischenstand des Bundesligaspiels des VfB Stuttgart durchgibt (2:1 – Applaus), bedient sich eine Frau an einem Tisch neben dem Eingang an den ausgelegten Produkten mit Grünen-Logo. Jutetasche, Vesperbrettle, Stifte, Block – kann man alles gebrauchen. Özdemir spricht über die Lehren aus der gescheiterten Berliner Ampel, wo er vor allem gesehen habe, wie man’s nicht macht. Er appelliert an die Menschen, sich am 8. März „für Vernunft“ zu entscheiden und bekennt sich zu einem fairen Wahlkampf ohne persönliche Attacken auf die Mitbewerber. Den größten Applaus bekommt er für seine Feststellung, der Ministerpräsident Baden-Württembergs müsse in erster Linie auch ein eingefleischter Europäer sein.
Bitte lächeln!
Nach einer Stunde geht’s dann endlich ans Eingemachte. Unter den Discokugeln, die von der Decke herunterglitzern, sind Stehtischgrüppchen angeordnet, über denen Themenschilder hängen. Bildung, Asyl, Wirtschaft, Kommunen – die Grünen verteilen sich an die Tische, jetzt können die Bürgerinnen und Bürger sie löchern. Um Özdemir bildet sich natürlich sogleich eine Traube. Viele haben Fragen an den Mann, der Ministerpräsident werden will, noch etwas mehr wollen ein Foto mit ihm abstauben. „I hätt so gern a Selfie mitm Cem“, ist ein Satz, den man in der Menschenmenge sehr häufig hört. Vielen gelingt es, Özdemir lächelt fleißig in Smartphones. Auch Kretschmann ist ein gefragter Selfie-Partner.
In der Halle ist mittlerweile kaum noch ein Durchkommen, es werden angeregte Gespräche geführt. Eine Frau klappert mit Aktentasche und Klemmbrett bewaffnet die Tische ab, andere stehen locker mit den Händen in den Hosentaschen zusammen.
Für die Windkraft, gegen die Windkraft
Bei genauerem Hinhören wehen ein paar Gesprächsfetzen durch das laute Stimmengewirr. Am Verkehrstisch geht es um die Radwege in Nagold, am Bildungstisch um die Herausforderungen der Ganztagsbetreuung gerade in kleineren Kommunen. Während ein nach eigenen Worten enttäuschter Grünen-Anhänger Özdemir erklärt, er sei ja für Windkraft, aber man dürfe doch den Artenschutz nicht außen vor lassen, übergeben die Windkraftgegner Fraktionschef Schwarz eine Resolution. Im Bereich „Soziales, Gesundheit und Pflege“ spricht die Enzkreis-Abgeordnete Stefanie Seemann mit einer Frau über die Kliniksituation in Calw. Der Pforzheimer Abgeordnete Felix Herkens ist an diesem Abend nicht zu sprechen, er fehlt krankheitsbedingt.
