Alles begann mit einem Dackel: Die Geschichte der Olympia-Maskottchen
Pforzheim/München/Mailand. Seit über 50 Jahren gibt es bei Olympischen Spielen Maskottchen: Der einzige deutsche Vertreter stand für Gemütlichkeit – später wurde es teils wild.
Sollte München noch einmal Olympia-Gastgeber werden, könnten die Bayern auf der Suche nach einem Maskottchen mit großer Verspätung dem während der in Deutschland ausgespielten Sommermärchen-Fußball-WM 2006 abgeschossenen Bruno die Ehre erweisen. Der war für den damaligen Ministerpräsiden Edmund Stoiber (CSU) alles andere als ein Teddy, sondern ein „Problembär“ – und daher nicht wohl gelitten.
Naheliegender wäre allerdings den bayrischen Löwen zum Maskottchen zu machen. Ein Bär würde besser zum Münchner Konkurrenten Berlin passen. Ebenso wollen die Hansestadt Hamburg, die gleich zwei Löwen im Stadtwappen hat, und Nordrhein-Westfalen, angeführt von Köln, 2036, 2040 oder 2044 die Sommerspiele ausrichten. Sympathieträger für Spiele in der Domstadt könnte Geißbock Hennes, das Maskottchen des 1. FC Köln, sein: Das Tier im Wappen ist allerdings ein Adler.



Schwer vorstellbar, dass sich einer der deutschen Olympia-Kandidaten für einen Wolf entscheidet. Ein Vertreter dieser Wildtierart zählt allerdings zu den Olympia-Maskottchen, die bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Vučko - das Wölfchen
Die Sportstätten der Winterspiele 1984 in Sarajevo sind überwiegend nicht mehr nutzbar. Was bleibt, ist vor allem die Erinnerung – unter anderem an Vučko (zu deutsch: Wölfchen). Vučko war kein Maskottchen zum Knuddeln, er war sogar kaum zu fassen: Als Zeichentrickfigur demonstrierte dieser schwarze Geselle Sportarten aus dem Olympia-Programm. Unvergessen ist Vučko vor allem, weil er zu Beginn der Übertragungen auftauchte, um sie mit „Sarajevouuu!“-Geheul einzuleiten.
Dieser Auftritt erinnert an den brüllenden Löwen zu Beginn der Hollywood-Filme von Metro-Goldwyn-Meyer. Auch eine Assoziation zum Gebetsruf eines Muezzin ist gegeben. Lange bevor dies ein gesellschaftlicher Trend wurde, warb also Vučko für Vielfalt und Toleranz – außerdem natürlich um die Aufmerksamkeit aller Sportinteressierten.
In der Olympia-Region soll Vučko das Image des Wolfs verbessert haben. Alles Positive überlagern inzwischen jedoch längst der aus ethnischen Spannungen und dem Zerfall Jugoslawiens resultierende Bosnien-Krieg von 1992 bis 1995 sowie dessen Folgen.
Sam der Weißkopfseeadler
Um nicht wie Moskau 1980 einen Bären zu wählen, machten die Organisatoren der Sommerspiele vier Jahre später in Los Angeles letztlich einen Vogel zum Maskottchen. Nicht irgendeinen, denn der Weißkopfseeadler war da bereits über 200 Jahre das Wappentier der USA. Das Erscheinungsbild des vom Hause Walt Disney gestalteten Sam ist ein durch und durch amerikanisches.
Und doch ist Sam keineswegs ein Luftikus, sondern einer, der mit beiden Füßen auf dem Boden steht. Nachdem die vorherigen Veranstaltungen ein Drauflege-Geschäft gewesen waren, wurde Olympia in L. A. vor nun 42 Jahren auch kommerziell ein Erfolg: Trotz des Boykotts der meisten Ostblock-Staaten läuteten die Spiele seinerzeit eine neue Ära ein.
Hidy und Howdy
Mit den Jahren stieg die Zahl der Olympia-Wettbewerbe für Frauen, folgerichtig also, dass weibliche Wesen auch beim Thema Maskottchenwahl nicht mehr ignoriert wurden. Als Sympathieträger von Olympia 1988 in Calgary fungierten Hidy eine Howdy, ein Geschwisterpaar im Cowboy- und Country-Look.
Wiederum in einer Art von Abgrenzung gegenüber Moskaus „Mischa“ von 1980 entschieden sich auch die Organisatoren des Winterspektakels in Kanada nicht für den Braunbären. Bei Hidy eine Howdy handelt es sich um Eisbären, deren Popularität in den folgenden Jahrzehnten noch deutlich steigen sollte.
Waldi der Dackel
Das erste offizielle Olympia-Maskottchen symbolisierte die deutsche, insbesondere die bayrische Gemütlichkeit. Otl Aicher als Wegbereiter des Corporate Designs ganz generell prägte das visuelle Gestaltungsbild der Spiele von München 1972 und gestaltete auch Waldi. Mit dem damals noch als Gastwirt tätigen später als Sport-Moderator des Bayerischen Rundfunks tätigen Waldemar „Waldi“ Hartmann hatte dieses Maskottchen nichts zu tun. Ansonsten hätte Münchens Waldi aufgrund von Hartmanns zwischenzeitlichem Erscheinungsbild mit Bart ja viel eher ein Schnauzer als ein Dackel sein müssen.
Der tierische Sympathieträger der zunächst heiteren Spiele, die gegen Ende jedoch vom Anschlag auf israelische Sportler überschattet wurden, ist auch über 50 Jahre später unvergessen. Zum erhofften großen Verkaufsschlager wurde Waldi allerdings nicht. Vielleicht führte aber auch eine überzogene Erwartungshaltung zu dieser Einschätzung. Dass verschiedene Akteure zu viel wollen, ist rund um Olympia jedenfalls schon häufiger ein Problem gewesen.
Tina und Milo
Olympia bietet immer mehr Reize, da ist es auch für Maskottchen schwer, herauszustechen. Bei den zu Ende gehenden Winterspielen im Norden Italiens sind Tina (Kurzform von Cortina) und der hauptsächlich für die folgenden Paralympics vorgesehene Milo (abgeleitet von Milano) im Einsatz.
Bei Siegerehrungen tauchen die Hermeline regelmäßig auf. Zu Glücksbringern einer Berliner Eiskunstläuferin werden sie wohl nicht werden: Minerva-Fabienne hat ihre Maskottchen vergessen – dabei heißt sie doch Hase.
