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Enzkreis -  02.10.2021
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Ampel oder Jamaika? Das sagen sechs CDU-Stimmen aus der Region

Pforzheim/Enzkreis/Kreis Calw. Sechs christdemokratische Stimmen aus der Region – und sie haben mehrheitlich denselben Tenor: Kanzlerkandidat und Parteichef Armin Laschet soll abtreten, die Partei in die Opposition gehen und sich personell wie inhaltlich neu justieren. Doch die Spitze der Bundespartei denkt nicht daran – und sondiert schon mal mit den Grünen und der FDP vor.

Sollte CDU-Parteichef Armin Laschet zurücktreten? Archivfoto: picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow
Sollte CDU-Parteichef Armin Laschet zurücktreten? Archivfoto: picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Johannes Bächle: „Laschet hätte von sich aus gehen sollen“

„Schock verdaut – weitermachen“, so beschreibt Johannes Bächle seinen Gemütszustand ein paar Tage nach der Wahl. Der 20-Jährige sieht die Schuld für das miese Abschneiden seiner CDU nicht bei Armin Laschet alleine, hätte sich aber gewünscht, dass der Kanzlerkandidat und Parteichef von sich aus die Konsequenz gezogen hätte und zurückgetreten wäre: „Zu sagen, das ist ein historisch schlechtes Wahlergebnis und danach einen Regierungsanspruch zu formulieren – das ist schizophren.“ Seine Partei müsse eigentlich schon in die Opposition, meint der Gemeinderat in Mühlacker, sieht aber die vielzitierte Erneuerung einer Partei in der Opposition nicht als Selbstläufer.

Bächle fordert ein Ende der Macht von Parteigranden wie etwa Wolfgang Schäuble. „Wir brauchen jetzt eine komplette personelle Erneuerung und eine inhaltliche obendrein: Die CDU muss endlich Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Bürokratieabbau oder Technologiefreiheit zu ihren machen“, fordert Bächle.

Angelika Wurster: „Meinung der Basis nicht berücksichtigt“

Angelika Wurster ist enttäuscht. Enttäuscht über den trägen Wahlkampf, das Wahlergebnis der CDU und darüber, dass die Meinung der Basis bei der Kanzlerkandidaten-Wahl nicht berücksichtigt wurde. „Es war ein Fehler, dass die Nominierung Armin Laschets in einer schnellen Aktion des Vorstands beschlossen wurde“, sagt die 77-jährige Heilpraktikerin. Ihre Favoriten waren hingegen Markus Söder und Norbert Röttgen.

Nun tendiere Wurster dazu, dass ihre Partei in die Opposition gehen sollte – trotz der Jamaika-Option. „Es hat sich abgezeichnet, dass die Akzeptanz von Laschet in der Bevölkerung nicht sehr hoch ist.“ Auch täte es gut, sich in der Opposition neu zu formieren. Auch Laschets Rücktritts wäre folgerichtig.

Beim Thema Erneuerung wünscht sich die stellvertretende Vorsitzende des Pforzheimer CDU-Ortsverbands Mitte Süd neue Gesichter. „Wir haben junge Menschen, die eingebunden werden sollten.“ Auch ein höherer Frauenanteil sei ihr wichtig.

Leandro Karst: „Es muss sich grundsätzlich was verändern“

Unbedingt mitregieren? Das muss für die CDU nicht sein, findet Leandro Karst. „Ich finde es wichtig, dass man jetzt Gespräche führt“, sagt er. Aber auch: „Die CDU wurde abgestraft.“ Nach Meinung des 22-jährigen Studenten und Birkenfelder Gemeinderats muss Parteichef Armin Laschet „im Rahmen der Erneuerung der CDU Platz für die nächste Generation schaffen“. Soll heißen: zurücktreten. „Es muss sich grundsätzlich was verändern“, fordert Karst. „Das wurde schon nach der Landtagswahl versprochen. Es hat sich aber nahezu nichts getan.“

Die Erneuerung, sagt Karst, müsse auch mithilfe von jungen Menschen geschehen. Er begreift das auch als persönliche Aufgabe. „Ich will in der Region mehr tun. Auch deshalb bin ich der CDU beigetreten.“ Das war vergangenen Herbst. „Ich arbeite daran, dass die CDU meine Partei wird“, sagt Karst. In Birkenfeld gebe es ein starkes Team, das ihn unterstütze. „Ich glaube daran, dass es etwas wird mit der Erneuerung der Partei“, sagt Karst. „Und ich sehe mich schon auch als Teil davon.“

Gerhard Hermann: „Auch, wenn Opposition nix Gutes ist“

Gerhard Hermann führt die CDU in Wurmberg an. Der Diplomingenieur im Ruhestand hält es mit Markus Söder, „die SPD hat den ersten Auftrag“, eine Regierung zu bilden und der CDU bleibt dann die Opposition, auch, „wenn Opposition nix Gutes ist“, zitiert er Franz Müntefering (SPD) leicht abgewandelt. Soll Laschet zurücktreten? „Gute Frage!“ sagt Herrmann. „Mal die Regierungsbildung abwarten“. Dann sei es auch für ihn und für die CDU besser.

An seiner Treue zur Partei lässt der 74-Jährige nicht rütteln. Natürlich stehe er zur Union. Leider sei diese nicht mit ihrem Wahlprogramm durchgekommen. Themen wie die Sicherheit hätten nicht die erwünschte Rolle gespielt. Die Haushaltsproblematik müsse man anders gestalten, mittlere Einkommen gelte es zu entlasten. Wenn es möglich wäre, dem Klima zuliebe früher aus der Kohle auszusteigen, solle dies geschehen. „Auf jeden Fall muss die Wirtschaft wissen, wo die Leitplanken stehen.“

Karin Becker: „Nach 16 Jahren sollte sich die Partei neu sortieren“

Spontan antwortet Karin Becker (54) aus Ellmendingen mit: „Ja, die Union soll in die Opposition. Lieber eine gute Opposition, als eine schlechte Regierung“, wendet sie das Lindner-Zitat auf ihre Partei an. Den Gegenpart im Parlament schätzt sie als eine wichtige Aufgabe. Für die Christdemokraten sitzt Becker seit viereinhalb Jahren im Gemeinderat von Keltern und führt dort die CDU-Fraktion seit gut zwei Jahren.

Armin Laschet solle zur Niederlage stehen und zurücktreten. Das sei für ihn zwar ein hoher Preis, aber sie findet, er solle weiterhin eine Rolle in der Politik spielen. Denn: „Laschet versteht sein Geschäft“, betont Karin Becker.

Ihre Partei sei ihr nach der Wahl keineswegs fremd geworden. Aber sie plädiert für Erneuerung nach 16 Jahren. In der personellen Aufstellung und auch inhaltlich solle die CDU sich „neu sortieren“. Insbesondere die Anzahl der Amtszeiten als Bundeskanzler sollten auf zwei Wahlperioden begrenzt werden – und die der Mandate auf 599.

Ricarda Becker: „Ich bin eine klare Jamaika-Befürworterin“

Kanzler Armin Laschet, Wirtschaftsminister Friedrich Merz, Finanzminister Christian Lindner – das will Ricarda Becker. „Ich bin eine klare Jamaika-Befürworterin“, sagt die 33-Jährige. „Nach der Pandemie und ihren Folgen brauchen wir jetzt vor allem eine sichere Wirtschaftspolitik“, sozialistische Ansätze der SPD wie etwa der Mindestlohn wären der Entwicklung abträglich. Eine Ampelkoalition würde die Gesellschaft zudem spalten, in Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Die Vorsitzende des Stadtverbands und der Jungen Union Calw sieht gute Chancen, dass ihr Wunschbündnis Realität wird: „Union, Grüne und FDP haben viele Schnittmengen.“ Die CDU täte gut daran, in der Personalpolitik Zeichen zu setzen, Stichwort: Zukunftsteam. Inhaltlichen Aufholbedarf sieht die stellvertretende Direktorin des Hotels Therme Teinach nicht, wohl aber in der Vermarktung: „Wir müssen unsere Konzepte klarer darlegen. In der Klimapolitik etwa sei die CDU „grüner als die Grünen“ – doch das dringe nicht durch.