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31.08.2018
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Andreas Sarow: „Ich bin ein getriebener Mensch, insbesondere durch die Fantasie“

Pforzheim. Er polarisiert Pforzheim wie kaum ein anderer: Andreas Sarow platziert seine Arbeiten in immer schnellerem Takt im öffentlichen Stadtraum. Während sich die einen kritisch an den Projekten und seiner Person abarbeiten, schießen die anderen Fotos, stellen sie ins Netz und verbreiten die Bilder aus Pforzheim in der Welt. Die PZ hat sich mit dem 43-Jährigen darüber unterhalten, wie er sich selbst sieht und welche Pläne er schmiedet.

PZ: Herr Sarow, am Samstag endet Ihre „urban art“-Ausstellung in der Galerie Knecht und Burster in Karlsruhe. Wie ist Ihr Fazit?

Andreas Sarow: Ich bin Rita Burster sehr dankbar für ihren Mut, diese Ausstellung zu realisieren. Der Anspruch, wie man urbane Kunst spannend in einer Galerie darstellen kann, wurde mehr als erfüllt. Viele Besucher konnten kaum glauben, dass meine Großskulpturen tatsächlich existieren und keine fiktiven Projektionen sind. Und sie werfen Fragen auf. Wer keine Fragen stellt, kann kein Gegenwartskünstler sein.

PZ: Wollen Sie künftig auch in Karlsruhe Projekte angehen?

Andreas Sarow: Der Kulturbürgermeister Albert Käuflein nutzte die Ausstellung, um sich ein detailliertes Bild meiner Arbeiten zu machen. Wir diskutierten mögliche Standorte. Es konkretisiert sich also was in Karlsruhe, wobei das Schloss selbst noch tabu ist (lacht).

PZ: Zu Ihrer Person: Wie sieht sich Andreas Sarow selbst?

Andreas Sarow: Ich bin ein getriebener Mensch, insbesondere durch die Fantasie.

PZ: Ihren Wandel vom Ingenieur, Immobilienhändler und Bierbankverleiher zum Künstler kauft Ihnen indes nicht jeder ab. Wie gehen Sie damit um?

Andreas Sarow: Schaut meine Arbeiten an! Es ist mein Leben, das diesen Werdegang zeichnet. Klar will man wissen, wer hinter der Kunst steckt und was seine Beweggründe sind. Vielen wirkt es absurderweise befremdlich, wenn man etwas aus Überzeugung ohne Profitabwägung macht. Wenn Kunst eine Inszenierung ist, ist der Künstler, der sie erschafft, selbst ein Teil davon. Auch die Einordnung als kapitalistischer Freigeist kriegen viele nicht auf die Reihe.

PZ: Lamborghini, dunkler Anzug, Projektfinanzierungen weitgehend in Eigenregie – damit befördern Sie doch dieses Image. Wie wichtig ist es Ihnen, dass sich die Leute an Ihnen reiben?

Andreas Sarow: Die Polarisierung ist ein wichtiges Element in der Kunst. Gegenwind ist für den Erfolg mindestens genauso bedeutsam wie Zuspruch. Die Voreingenommenheit der Betrachter ist Kalkül, und es ist schön zu sehen, wie diese sich wandelt, wenn sie sich intensiver mit meinen Werken beschäftigen.

PZ: Was treibt Sie eigentlich an?

Andreas Sarow: Wenn ich ein Projekt sehe, das mich reizt, muss es mit aller Konsequenz und eisernem Willen umgesetzt werden. Wenn die Verhüllung fällt, fühle ich mich wie Hephaistos auf dem Olymp. Ja, ich mache die Projekte für mich selbst. In meinen Arbeiten steckt sehr viel Leidenschaft und eine große gesellschaftliche Auseinandersetzung. Sie sind massiv und aggressiv, aber auch sehr authentisch. Und das macht ihren Erfolg aus. Am Ende kommt es darauf an, ob mich die Arbeit „erreicht“. Dass die „Factory“ zum Fotomotiv Nummer Eins in Pforzheim geworden ist, kann man nicht steuern, sondern ist ein Ausdruck dafür, dass die Menschen sich mit dem Werk identifizieren, ein Teil davon werden möchten.

PZ: Ihre Arbeiten sind farbenfrohes Futter für die Instagram-Generation. Alles nur Inszenierung?

Andreas Sarow: Jeder, der sich näher mit meinen Arbeiten befasst, wird feststellen, wie vielschichtig und tiefsinnig sie sind. Die Inszenierung bringt es dann auf den Punkt. Aber auch ein oberflächliches Betrachten für einen Augenblick muss meine Kunst aushalten. Die Farbgebung ist ein wesentlicher und unverwechselbarer Bestandteil der Aussage. Aufmerksamkeit ist kein Indikator für Qualität. Aber Kunst, die Massen und insbesondere die junge Generation bewegt, ist ein klares Zeichen, wie wichtig meine Kunst den Menschen ist.

PZ: Was ist Ihr nächstes Projekt?

Andreas Sarow: Als Künstler fühle ich mich angekommen. Dass „sarowisieren“ als Begriff für temporäre urbane Architektur-Kunst steht, ehrt mich sehr. Neben geplanten Einzelprojekten möchte ich Orte aufzeigen, an denen eine Intervention im öffentlichen Raum möglich ist, und als Kurator und Entwickler für die Stadt tätig sein. Ich erarbeite Konzepte, die ich dem Kulturamt vorschlagen werde.

PZ: Bisher sind Sie aber mehr mit eigenen Projekten aufgefallen. Was qualifiziert Sie als Kurator?

Andreas Sarow: Ich kenne das künstlerische Potenzial der Stadt und weiß, was zu tun ist, damit Menschen sich mit Kunst auseinandersetzen. Die eigenen Projekte sind Beweis dafür, was möglich ist. Mir fällt auf, dass die Wirkung und die Fähigkeit von Kunst im öffentlichen Raum unterschätzt und nur mangelhaft kuratiert wurde. Quartiersbelebung und kulturelle Identität sind die Ziele meines Wirkens. Dazu gehört eine prägnantere Kommunikation nach außen, ein gutes Timing und ein Imagewandel.

PZ: Braucht die Kunst in Pforzheim etwa einen Imagewandel?

Andreas Sarow: Die Begriffe Kunst und Kultur sind bei der Bevölkerung überstrapaziert, gar schon verbrannt. „Was hat es gekostet?“ und „Wäre dafür nichts Sinnvolleres besser gewesen?“, ist eine Voreingenommenheit, die es mit neuen und qualitativ guten Projekten zu ändern gilt.

PZ: Sie spielen auf das Thema Kulturhauptstadt an?

Andreas Sarow: Eine Katastrophe in Aufklärung und Timing. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Begriff Kulturhauptstadt als das zu erläutern, was er ist: ein Konjunkturprogramm für die gesamte Region zur Förderung der Integration; speziell für Städte, die davon weit entfernt sind. Jetzt ist es wichtig, dass die Stadt die Jacke, die sich Herr Scheidtweiler als Mäzen freiwillig anzieht, nicht zu eng schnürt.

PZ: Die Stadt selbst hat wenig eigenen Spielraum. Was also tun?

Andreas Sarow: Wenn ich kein Geld habe, gehe ich in den Keller und schaue nach Verwertbarem. Da gibt es einiges, das nicht neu entwickelt werden muss, sondern auf Bestehendem aufbaut. Wir haben einen top ausgearbeiteten Leitfaden „Nutzungskonzept Innenstadt“ mit neun wichtigen Stadträumen. Hier ist es wichtig, eine Vision zu haben, jedoch nicht zu vergessen, den Weg dorthin mit Leben zu füllen.

PZ: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Andreas Sarow: Pforzheim ist ein international renommierter Hochschulstandort, wird aber nicht als Studentenstadt wahrgenommen. Das müssen wir ändern, da Hunderte Studenten jedes Semester aufs Neue ihre Eindrücke in die Welt tragen. Der Stadtraum „Kreativachse“ wurde ausgearbeitet. Ein Leichtes, ihn mit Leben zu füllen – was ich mit der Platzierung meines Magenta-Häuschens am Enzufer bewiesen habe. Es ist nun ein markanter Ort der Begegnung. Wir haben ein Pfund, mit dem wir glänzen können, aber den finalen Schritt, der es perfekt werden lässt, gehen wir nicht – wie beim fehlenden Campus vor dem Alfons-Kern-Turm, den brauchen wir dringend.

PZ: Wie könnte sich Pforzheim denn besser positionieren?

Andreas Sarow: Wir leben an einer Autobahn-Ader, die es anzuzapfen gilt. Hochgerechnet kommen über 100 000 Menschen täglich vorbei – ein unterschätztes Potenzial. Meine Vision ist es, dass ein Großteil abfährt und Pforzheim besucht. Es geht auch um banale Dinge, damit die Leute hinpilgern.

PZ: Können Sie konkret werden?

Andreas Sarow: Man stelle sich ein zwölf Quadratmeter großes, farbiges Rechteck auf dem Boden des Leopoldplatzes vor. Fertig! Dann führt man sich vor Augen, wie viele Autos es gibt, die ja auch parken müssen. Weit über eine Milliarde. Doch wo war weltweit der allererste Parkplatz? In Pforzheim! Von Bertha Benz. Einmal sein eigenes Auto auf dem ersten Parkplatz der Welt fotografieren, das hätte einen großen Reiz. Was ein paar Quadratmeter Farbe auslösen können – damit kenne ich mich aus (lacht).

PZ: Welche weiteren, nachhaltigen Projekte halten Sie für denkbar?

Andreas Sarow: Pforzheim hat Potenzial, was durch den Gasometer eindrucksvoll bewiesen wurde. Innenstadt-Ost gehört genauso dazu wie eine markante Bebauung der Wallberg-Kuppe. Das brutalistische Neue Rathaus ist ein einzigartiges Gebäude, mit dem man Interesse wecken kann. Hierzu plane ich eine Intervention im und am Stadtlabor, die eine überregionale Strahlkraft für die Stadt haben wird und die Innenstadt belebt.

Autor: Das Gespräch führte Michael Müller