Gemeinden der Region
Enzkreis -  27.02.2021
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

Angst vor einer tödlichen Wartezeit: Schon einmal erkrankte Heimbewohner werden nicht gegen Corona geimpft

Pforzheim/Enzkreis/Kreis Calw/Stuttgart. Mit dem Warten auf den Impfschutz hat man beispielsweise im Paul-Gerhardt-Heim in Pforzheim schlechte Erfahrungen. Die große Einrichtung sei ganz gut durchs erste Pandemiejahr gekommen, sagt Monika Tassotti, die Leiterin und Geschäftsführerin des Trägervereins: Hart zugeschlagen habe Covid19 dann ausgerechnet Anfang dieses Jahres, als man bereits in Kontakt – zunächst mit Karlsruhe – wegen eines Termins beim mobilen Impfteam war. Ein Corona-Ausbruch habe viele Bewohner getroffen, 23 seien verstorben. Andere hätten die Infektion zum Glück überstanden. Das galt auch für 25 bis 30 betroffene Mitarbeiter, sagt Tassotti. Umso nervöser ist sie nun (und mit ihr Bewohner, Beschäftigte oder Angehörige), nachdem diese Woche, als das mobile Team des Kreisimpfzentrums Pforzheim die ersehnten Spritzen setzte, die Genesenen von der Impfung ausgeschlossen waren.

Ein Senior bekommt den Biontech-Impfstoff gespritzt: In Alten- und Pflegeheimen wartet man nach einigen Corona-Ausbrüchen im Winter besonders nervös auf den Schutz für Bewohner und Mitarbeiter. Für Unruhe sorgt nun die bundesweit empfohlene Praxis, diejenigen zunächst nicht zu impfen, die eine Corona-Infektion schon überstanden haben. Symbolbild: Felix Kästle/dpa
Ein Senior bekommt den Biontech-Impfstoff gespritzt: In Alten- und Pflegeheimen wartet man nach einigen Corona-Ausbrüchen im Winter besonders nervös auf den Schutz für Bewohner und Mitarbeiter. Für Unruhe sorgt nun die bundesweit empfohlene Praxis, diejenigen zunächst nicht zu impfen, die eine Corona-Infektion schon überstanden haben. Symbolbild: Felix Kästle/dpa

Diese Marschroute wird landesweit praktiziert. Das Sozialministerium Baden-Württemberg legt sie so in einem Handlungsleitfaden für die Impfteams dar, wie Sprecherin Claudia Krüger auf PZ-Anfrage schreibt. Grundlage sei eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko). Die nennt drei Gründe: Nach bisherigen Erkenntnissen gehe man davon aus, dass Menschen nach einer durchgestandenen Infektion zunächst immun sind – seit Januar nennt die Stiko sechs Monate als Frist bis zu einer nachträglichen Impfung. Zudem wolle man ein womöglich höheres Risiko von Impfnebenwirkungen vermeiden – Grünes Kreuz und Robert-Koch-Institut sehen ein solches Risiko nicht. Dritter Grund: Man reagiere auf die Knappheit des Impfstoffs.

Nicht impfen also? Das sei keine endgültige Vorgabe, schreibt Sozialminister Manne Lucha (Grüne) an FDP-Landtagsfraktionschef Hans- Ulrich Rülke, der ebenfalls nachfragte. Letztlich entscheiden müsse immer der Arzt vor Ort. Dieser Druck auf seine Impfteam-Kollegen lässt den zuständigen Betriebsarzt des Paul-Gerhardt-Heims gegen dieses Vorgehen Sturm laufen. Dr. Kai Reichard – in diesem Fall auch als Angehöriger einer genesenen Heimbewohnerin betroffen – verweist darauf, dass es eben noch keine völlig zuverlässigen Untersuchungen gebe, die belegen, dass ein Genesener vor einer zweiten Ansteckung geschützt ist. Und die sich ausbreitenden Virusmutationen würden das Risiko weiter steigern.

"Mir wäre es aber auch lieber gewesen, die Menschen wären nun einfach durchgeimpft worden und es hätte keine Priorisierung gegeben zwischen jenen, die bereits eine Corona-Infektion hinter sich hatten und jenen, die bislang verschont geblieben sind."

Peter Mayer, Vorsitzender des Sozialwerks Bethesda, das in der Region etliche Seniorenheime betreibt

Sein Verdacht ist, dass der Hauptgrund für die Marschroute kein medizinischer sei – sondern doch der Mangel an Impfstoff. Der Arbeitsmediziner lässt klar durchblicken: Sollte von seinen Patienten jemand in dieser weiteren Wartezeit erneut schwer erkranken und womöglich sterben, werde er juristisch gegen Verantwortliche vorgehen.

Unsicherheiten bei Angehörigen

Von ungefähr kommt das nicht. Reichard und Tassotti berichten von zwei Beschäftigten des Pforzheimer Heims, die vergangenes Jahr bereits positiv auf Covid19 getestet worden seien – und sich nun erneut angesteckt hätten. Beide Betroffene seien beim zweiten Mal schwer erkrankt.

Solche Unsicherheiten bekommen auch die Gesundheitsbehörden mit. Vor allem Angehörige von Heimbewohnern würden sich melden, sagt Janina Müssle, Sprecherin des Kreises Calw. „Wir haben Verständnis für Sorgen“, sagt sie. Trotzdem vertraue man den Empfehlungen der Stiko und halte sich daran, sagen Müssle und Dr. Brigitte Joggerst, Chefin des Gesundheitsamts Enzkreis-Pforzheim. Laut Müssle sei sechs Monate nach der Infektion eine Nachmeldung möglich, um sich dann noch impfen zu lassen.

Unglücklich mit der Impfsituation

Im Enzkreis ist Peter Mayer, Vorsitzender des Sozialwerks Bethesda, das in der Region etliche Seniorenheime betreibt, mit der Situation nicht recht glücklich: Zwar hätten mittlerweile in so gut wie allen Einrichtungen Impftermine stattgefunden – „wir haben aber lange warten müssen, da war der Enzkreis etwas hinterher“. Ausgerechnet jene Heime, die in den vergangenen Monaten stark vom Coronavirus betroffen gewesen sind, rückten in der Impfreihenfolge zudem ganz nach hinten: das Haus Hebron in Knittlingen und das Haus Tabor in Maulbronn. Letzteres ist am Wochenende drangekommen, im Haus Hebron werden die mobilen Impfteams Anfang März erwartet. „Mir wäre es aber auch lieber gewesen, die Menschen wären nun einfach durchgeimpft worden und es hätte keine Priorisierung gegeben zwischen jenen, die bereits eine Corona-Infektion hinter sich hatten und jenen, die bislang verschont geblieben sind“, sagt Mayer.