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Pforzheim -  16.03.2026
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Attacke bei Ticketkontrolle: Jetzt sprechen die drei Kontrolleure aus Pforzheim

Pforzheim. Ein Video zeigt, wie drei Ticket-Kontrolleure mit Pfefferspray und Fäusten attackiert werden. PZ-news hat sie getroffen und gefragt: „Wie geht es euch?“

Zedran, Suheda und Mustaqeem wollen keine Fotos ihrer Gesichter oder ihre vollen Namen in der Zeitung sehen. Zwei Tage nach der Attacke sind sie schon wieder als Team in der Stadt unterwegs.
Zedran, Suheda und Mustaqeem wollen keine Fotos ihrer Gesichter oder ihre vollen Namen in der Zeitung sehen. Zwei Tage nach der Attacke sind sie schon wieder als Team in der Stadt unterwegs. Foto: Koß

Am Leopoldplatz ist es kurz nach zehn – und Mustaqeem wird umarmt. Zwei Tage zuvor haben ihn zwei Fahrgäste brutal angegriffen und mit Pfefferspray attackiert. Seine Augen sind groß. Neben ihm steht Suheda, lange, glatte Haare. Zedran lächelt lässig. Die drei arbeiten als Fahrscheinkontrolleure in Pforzheim. Spätestens seit Freitag kennt sie die halbe Stadt. Während ihres Gesprächs mit der PZ bleiben immer wieder Passanten stehen. Sie sprechen die Kontrolleure auf das Video an, das seit dem Wochenende im Netz kursiert.

Vor zwei Tagen eskalierte eine Ticketkontrolle an der Zerrennerstraße. Ein Passagier filmte, wie zwei junge Männer auf Mustaqeem und Zedran einschlagen und Pfefferspray einsetzen. Das Video löste bundesweit eine neue Debatte über Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr aus.

Mustaqeem stammt aus Pakistan und lebt seit 25 Jahren in Deutschland. Zedran kommt aus Afghanistan, seit elf Jahren hier. Beide wurden bei der Attacke verletzt. Suheda blieb unversehrt und alarmierte die Polizei.

Jetzt sitzen wir in einer Bäckerei am Leopoldplatz. Mustaqeem, 51, bestellt einen doppelten Espresso. Zedran, 35, fastet wegen Ramadan. Suheda, 22, nimmt lieber nichts. Tagsüber kontrollieren die beiden Männer Fahrkarten. Abends arbeiten sie weiter: Mustaqeem in einer Pizzeria, Zedran in einer Bar. Mustaqeem hat eine Frau und drei Kinder. Dann erzählen sie die Geschichte.

Der Vorfall

Freitag, Linie 1. Ausstiegskontrolle an der Zerrennerstraße. Mustaqeem stand hinten im Bus, Suheda vorne, Zedran in der Mitte. Wer ausstieg, musste sein Ticket zeigen. Ein junger Mann wollte hinten hinaus. Ein Ticket hatte er nicht. Er versuchte zu fliehen und stieß eine ältere Frau im Bus um. Mustaqeem lief hinterher, griff nach dem Bein des Flüchtenden. Auf der Straße attackierten ihn der Fahrgast und ein Begleiter. Am Ende entkamen beide.

Im Video, von einem Fahrgast gefilmt und bundesweit in den Schlagzeilen, ist vor allem Mustaqeem zu sehen. Er hält den jungen Mann am Hosenbein fest. Dann kommt ein zweiter Mann hinzu und schlägt auf ihn ein. Mustaqeem lässt nicht los. Nicht, als Schläge auf seinen Kopf niedergehen. Und zunächst auch nicht, als ihm der zweite Mann Pfefferspray ins Gesicht sprüht.

Die Augen von Mustaqeem und Zedran wurden rot wie Tomaten. Das Pfefferspray habe gebrannt wie Salz auf einer offenen Wunde, sagt er. Im Dönerladen um die Ecke stellte der Betreiber fünf Wasserflaschen bereit, damit sie ihre Augen ausspülen konnten. Das Brennen ließ lange nicht nach. Erst später kam die Polizei.

Am Sonntagabend arbeitete Mustaqeem schon wieder in der Pizzeria. Was im Video nicht zu sehen sei, sagt er: Am Ende hätten auch einige Menschen geholfen.

Beim Bäcker ziehen die Kontrolleure ihre schwarzen Funktionsjacken aus. Darunter tragen sie stichfeste Westen. Suheda ist die Weste zu groß, ihre Jacke lässt sich kaum schließen. Seit etwa drei Monaten stellt der Arbeitgeber WSD Security diese zur Verfügung. Ein Angriff wie in Pforzheim komme laut der Firma öfter vor.

Mustaqeem, seit 2019 Kontrolleur, hat sich zusätzlich schnittfeste Handschuhe gekauft. Einmal habe ein aggressiver Fahrgast ein Messer gezogen.

Zu Hause bei Mustaqeem lägen viele Briefe von Staatsanwaltschaften. In seinem Beruf habe er in den vergangenen Jahren immer häufiger mit Gewalt zu tun. Einer Kollegin sei einmal die Nase gebrochen worden. Mustaqeem wirkt nicht, als würde ihn der Vorfall besonders erschüttern. Suheda sagt, sie bete morgens, dass der Tag ruhig verlaufe und es nur bei Beleidigungen bleibe.

Die Debatte

„Brutale Attacke auf Kontrolleure“, titelt die „Bild“. T-Online schreibt von einem „Schock-Video“. Seit dem Wochenende ist der Arbeitsalltag der drei Pforzheimer Kontrolleure bundesweit Thema. Auch RTL, „Spiegel“ und „Stern“ berichten über den Vorfall. Ein „Welt“-Team sendet eine Schalte vom Waisenhausplatz.

Stadtrat Michael Schwarz (Freie Wähler-Partei) fordert an diesem Montag im Fachausschuss des Gemeinderats einen zeitnahen Bericht über die Entwicklung der Übergriffe auf Kontrolleure. Stadträtin Monika Descharmes (FDP) sieht den Vorfall und die bundesweite Berichterstattung als imageschädigend an.

Am 2. Februar sorgte bereits der Tod eines Zugbegleiters bundesweit für Entsetzen: Der 36-jährige Serkan C. wurde während einer Ticketkontrolle bei Kaiserslautern totgeprügelt. Der Fall löste eine Debatte über die Sicherheit von Bahnpersonal aus. Gewerkschaften forderten mehr Schutz, etwa Bodycams und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen. Das Video aus der Pforzheimer Zerrennerstraße befeuert die Debatte erneut. Auch die drei Kontrolleure wünschen sich Bodycams und bessere Ausrüstung zur Selbstverteidigung.

Bei Welt TV sagt Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, die beiden Täter hätten die Kontrolleure „sehr gekonnt“ angegriffen. Die Gesellschaft müsse endlich reagieren. Ein Arbeitskreis sei „Quatsch“. Verkehrsbetriebe sollten mehr Videoüberwachung installieren.

Auch die Justiz müsse ihre Rechtsprechung ändern, sagt Wendt, der regelmäßig in TV-Studios eingeladen wird, wenn es um harte Positionen zur inneren Sicherheit geht.

Virale Gewalt

Verbreitet hat das Video der brutalen Attacke zunächst der Pforzheimer Stadtrat Andreas Sarow auf seinem Instagram-Profil. Er landet damit einen viralen Treffer: über zwei Millionen Aufrufe, tausende Kommentare. Später zogen „Bild“ und RTL nach, auch auf PZ-news ist das Video zu sehen. Sarow postete später einen Screenshot, auf dem sein weißer Hummer im Hintergrund eines „Bild“-Beitrags zu sehen ist.

Außerdem habe Stadtrat Baris Özkan, mit Sarow in einer Gruppierung im Gemeinderat, entscheidende Hinweise zu den geflüchteten Tätern erhalten. Die Polizei sagt dazu, es seien bereits mehr als zwei Dutzend Hinweise eingegangen. Festnahmen habe es bislang nicht gegeben. Auch Suheda habe über Bekannte Informationen zu den mutmaßlichen Tätern erhalten und an die Polizei weitergeleitet.

In vielen Kommentaren heißt es, man sei selbst schuld, wenn man die Grünen wähle. Andere fordern: sofort abschieben. Die Kontrolleure, selbst mit Migrationsgeschichte, weisen solche Deutungen zurück. Ihrer Erfahrung nach hätten solche Vorfälle nichts mit Herkunft zu tun.

Sie wollen keine Helden sein

Der Rummel um das Video ist den drei Kontrolleuren unangenehm. Während des Gesprächs mit der PZ ruft die Polizei an: RTL wolle die Kontaktdaten der Kontrolleure. Mustaqeem weist ab. Besonders die 22-jährige Suheda wirkt skeptisch.

Sie arbeitet erst seit etwa zwei Wochen als Fahrscheinkontrolleurin in Pforzheim. Als sie das Video kurz nach dem Vorfall auf Instagram sah, schrieb sie Stadtrat Sarow eine Nachricht. Er solle den unverpixelten Beitrag löschen. Es sei zwar gut, sagt sie, dass die Leute sehen, was passiert ist. Gleichzeitig habe sie in den Kommentarspalten viele Hassnachrichten gelesen. Das habe sie das ganze Wochenende beschäftigt. Im Video ist sie nur im Hintergrund zu sehen. In die körperliche Auseinandersetzung greift sie nicht ein – wofür sie später angefeindet wird. Als Frau, sagt sie, bekomme sie im Job besonders viele Beleidigungen ab. Mustaqeem nickt und flüstert einige der gängigen Beschimpfungen über den Tisch. Trotzdem sagt er: „Sie hat alles richtig gemacht." Abstand halten. Polizei rufen. Sich nicht in Gefahr bringen.

„Ich will ihre Adressen“

Ein Bekannter aus der Sicherheitsbranche, den die drei nach dem Gespräch mit der PZ an der Bushaltestelle treffen, wundert sich, dass sie schon wieder arbeiten. Er fordert mehr Schutz: bessere Ausrüstung, wie sie Sicherheitspersonal der Deutschen Bahn teilweise an Bahnhöfen trägt, und Selbstverteidigungstraining. Außerdem sollten Kontrolleure nicht zu dritt, sondern mindestens zu viert unterwegs sein. Eine Frau müsse immer dabei sein. Mustaqeem, der Streit mit weiblichen Fahrgästen als besonders schwierig beschreibt, schickt Suheda deshalb meist zu den Frauen. Das sorge eher für Deeskalation.

Bevor sie wieder zur Arbeit gehen, sagt Mustaqeem noch: Von der Polizei wolle er später die Adresse der Angreifer. Schließlich müsse er ihnen noch ein Ticket fürs Schwarzfahren ausstellen.

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