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Aufreger -  08.02.2026
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Auf den Spuren des Hornisgrinde-Wolfs: Die PZ im Wolfsrevier

Der Wolf auf der Hornisgrinde ist in den vergangenen Wochen zum Politikum geworden. Nun soll er abgeschossen werden. Die PZ war in seinem Revier unterwegs und hat im Nebel nach Spuren gesucht.

Wolf
Der Wolf auf der Hornisgrinde ist in den vergangenen Wochen zum Politikum geworden. (Sybolbild) Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Der Nebel steht über den Baumwipfeln. Von der Hornisgrinde, dem höchsten Berg des Nordschwarzwaldes, ist von der Schwarzwaldhochstraße aus nichts zu sehen. Es ist Sonntagmorgen, 10 Uhr. Auf der Skipiste am Seibelseckle liegt Schnee, der Lift läuft bereits, der Parkplatz ist gut gefüllt. Wer eine Möglichkeit sucht, Ski zu fahren, der findet sie hier – gemeinsam mit vielen anderen Wintersportlern von nah und fern. Mehrere Skischulen sind da, eine veranstaltet ein Rennen. Die Lautsprecherdurchsagen sind bis weit in den Wald hinein zu hören. Vom Parkplatz aus geht ein steiler Weg nach oben auf die Hornisgrinde, rund 1,5 Kilometer lang.

Wolf erlangt Berümtheit

Mit jedem Höhenmeter, den man auf dem Weg nach oben zurücklegt, liegt mehr Schnee. Der ist vor allem auf dem Hauptweg festgetrampelt und extrem rutschig. Wanderer kommen einem kaum entgegen – es ist kein klassischer Winter-Wonderland-Sonntag. Und doch: Die Medienberichte der vergangenen Wochen haben vermuten lassen, dass es selbst an so einem etwas unwirtlichen Tag auf der Hornisgrinde Betrieb gibt. Denn der 1164 Meter hohe Berg war in den vergangenen Wochen wegen einem seiner Bewohner immer wieder in den Schlagzeilen: dem Wolfsrüden GW2672m. Auffällig war der Wolf, der dort seit 2023 lebt, eigentlich nicht. Er hat in regelmäßigen Abständen Wild- und wenige Nutztiere gerissen und sich verhalten, wie ein Wolf es eben tut. Doch seit einiger Zeit häufen sich die Meldungen, er sei von Menschen gesichtet worden. Eine Familie mit Kindern begegnete ihm offenbar beim Schlittenfahren im Wald. Andere Wanderer, zum Teil mit Hunden, berichten, er sei ihnen hinterhergelaufen.

Getan hat er bisher niemandem etwas – aber er hat offenbar die Scheu vor den Menschen verloren. Und so erteilte das baden-württembergische Umweltministerium Ende Januar eine Ausnahmegenehmigung, das Tier bis zum 10. März zu töten. Während der Naturschutzbund Nabu die Entscheidung als „tragisch, aber sachlich nachvollziehbar“ bezeichnete, erhob der Verein Naturschutzinitiative eine Anfechtungsklage gegen die Abschussgenehmigung beim Verwaltungsgericht. Diese wurde gestoppt, an diesem Donnerstag wurde der Wolf jedoch nach Prüfung wieder zum Abschuss freigegeben. Mitten durch sein Streifgebiet verläuft der steile, steinige Wanderweg. Es ist so neblig, dass schon wenige daneben die Umrisse der Bäume in eintönigem Grau verschwinden. Nur die Spuren im Schnee zeugen davon, dass hier Lebewesen vorbeikommen. Da sind natürlich zahlreiche Fußabdrücke von Menschen, aber auch viele Pfotenabdrücke von Hunden. Und, wer weiß, vielleicht auch vom Wolf?

Wie der Wildtierbeauftragte des Kreises Rastatt, Martin Hauser, in einem früheren Bericht in der PZ erklärte, ist der Wolf ein Opportunist. Er hat ein großes Streifgebiet, und um schnell von A nach B zu kommen, nutzt er gerne auch mal die Wanderwege – denn hier kommt er schlicht und einfach zügiger vorwärts. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass er auf diesen Wegen unterwegs war oder ist. Und gerade weil so wenig los ist, scheint es nicht ganz abwegig, ihm zu begegnen – aber eigentlich auch nicht beunruhigend. Bisher hat er sich offenbar nie extrem beängstigend verhalten, ist hauptsächlich Hunden hinterhergelaufen, laut Experten vermutlich, weil er auf der Suche nach einem Weibchen ist.

Keine Wolfstouristen

Mittlerweile hat ein leichter Schneefall eingesetzt, die Flocken knistern auf der Jacke. Der steile Waldweg endet und trifft oben auf das Plateau der Hornisgrinde. Über Holzbohlen geht es bis zum Bismarckturm, einem Aussichtsturm, dessen Konturen sich erst aus dem Nebel schälen, wenn man direkt vor ihm steht. Es ist still und friedlich hier oben, nur ganz selten kommen einzelne Wanderer vorbei. Alle verhalten sich ganz normal. Von Wolfstourismus und Spaziergängern, die versuchen, das Tier anzulocken und Fotos zu schießen, ist zumindest an diesem Tag nichts zu sehen. Genauso wie von der Anwesenheit des Wolfes. Die Sicht ist so schlecht, er könnte hinter jedem Strauch sitzen. Angst macht das aber nicht. Vielmehr scheint es einfach natürlich, dass in dieser weitläufigen Natur auch einer der Bewohner lebt, die hier schon früher Zuhause waren.

Vom 23 Meter hohen Hornisgrindeturm aus geht es über einen geräumten Fahrweg hinunter zum Mummelsee. Wie immer sind dort die Parkplätze voll, im Restaurant und den Geschäften tummeln sich die Touristen und kaufen Holzofenbrot. Viele gehen gar nicht hinauf bis zur Hornisgrinde, sondern drehen eine kurze Runde um den zugefrorenen See. 

Auf einem Wanderweg geht es oberhalb der Schwarzwaldhochstraße wieder zurück zum Seibelseckle. Vom Wolf hört und sieht man weiterhin nichts. Zwei Erwachsene versuchen, mit ihrem Holzschlitten den Wanderweg hinunter zu fahren und sich dabei von ihren beiden Hunden ziehen zu lassen – vergeblich. Sie machen viel Geschrei, und auch auf dem Skihang ist noch mehr los wie vor ein paar Stunden.

Der Nebel hüllt die Hornisgrinde weiter ein, die Sicht wird immer schlechter. Und auch die Zukunft von GW2672m liegt in dunklem Nebel. Ob er ahnt, dass er dieser Tage zu einem Politikum geworden ist? Dass sich viele dafür eingesetzt haben, dass er nicht abgeschossen werden darf? Und andere genau das Gegenteil wollen? Dass er zu einem großen Thema im Wahlkampf geworden ist?

Sicherheit hat Priorität

Die Touristen gehen, es wird still. Doch es wird auch wieder andere Tage geben, an denen die Sonne über der Hornisgrinde strahlt, der Nebel im Tal hängt und Besuchermassen auf den Berg strömen, um die Natur zu genießen – und mit ihnen auch die, die versuchen werden, den Wolf anzulocken, um ein Foto zu schießen. Auch dann muss sichergestellt sein, dass den Menschen nichts passiert. Das sagt auch das Umweltministerium: „Die Sicherheit der Menschen steht an oberster Stelle.“ Nun ist der Wolf also wieder zum Abschuss freigegeben, laut Umweltministerium und Gericht eben aus diesem Grund.

Vielleicht hätte sich auch alles wieder von ganz alleine beruhigt, wenn die Ranzzeit vorbei ist, der Wolf nicht mehr nach einem Weibchen sucht und sich in den Wäldern versteckt hält. Oder, wer weiß, vielleicht wäre ein Wolfsweibchen vorbeigekommen, die beiden hätten sich in die Wälder zurückgezogen und eine Familie gegründet? Noch ist er nicht erschossen. Und bei Forbach wurde ja bereits eine Wölfin gesehen.

Hornisgrindewolf GW2672m: Das wissen wir

GW2672m ist ein Wolfsrüde, der ursprünglich aus Österreich stammt und seit 2023 rund um die Hornisgrinde im Ortenaukreis lebt.  Seit etwa einem Jahr werden laut der forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) Baden-Württemberg regelmäßig Sichtungen gemeldet. Sie seien mitunter als kritisch, aber bisher nicht als gefährlich eingestuft worden. „Es ist davon auszugehen, dass der Wolf die Nähe des Menschen toleriert, während er den Kontakt zu Artgenossen wie Hunden sucht“, so die FVA. Er war dabei nicht aggressiv, zeigte aber nur wenig Scheu vor Menschen. Das Umweltministerium hat versucht, ihn zu fangen, zu besendern und gezielt zu vergrämen – vergeblich. Frühestens in der kommenden Woche soll er nun laut Umweltministerium gejagt werden.

So geht es „unserem“ Enztal-Wolf

Schon seit vielen Jahren streift GW852m durch die Wälder des Nordschwarzwaldes. Für Aufsehen sorgte 2018 sein Angriff auf eine Schafherde bei Enzklösterle, nach dem rund 40 Tiere starben. Seitdem ist es aber ruhig geworden um ihn. Kürzlich hatte eine Aufnahme einer Wildtierkamera in Forbach für Aufsehen gesorgt, auf der zwei Wölfe gemeinsam zu sehen sind. Einer von ihnen könnte GW852m sein, der andere ist wohl ein Weibchen. Der Wolf ist nach Schätzung von Experten etwa zehn Jahre alt und bewegt sich gerne auf dem Sommerberg in Bad Wildbad, im Eyachtal, Kaltenbronn und Enzklösterle.