Augen aus der Luft: Ein Blick hinter die Kulissen der Polizeihubschrauberstaffel
Stuttgart. Wenn Menschen vermisst werden oder Täter fliehen, kommt die Hilfe oft aus der Luft. Ein Besuch bei der Polizeihubschrauberstaffel zeigt, wie wichtig die Arbeit für Einsätze auch im Nordschwarzwald und im Enzkreis ist.
Das Dröhnen kündigt ihn an, lange bevor man ihn sieht. Dann taucht der Polizeihubschrauber über dem Gelände am Stuttgarter Flughafen auf, kommt näher, wird lauter. Als er zur Landung ansetzt, peitscht der Rotorwind über den Asphalt, drückt gegen Beine und Jacken, zerrt an Kleidung. Der Hubschrauber schwebt kurz, setzt dann auf. Erst langsam ebbt das Dröhnen ab. Wenige Sekunden später wirkt alles ruhig. Die Maschine steht, die Besatzung bleibt routiniert. Kein hektisches Durcheinander, keine sichtbare Anspannung. Ein Blick hinter die Kulissen der Polizeihubschrauberstaffel zeigt: Den Beamten ist nicht anzumerken, dass es in solchen Momenten oft um Sekunden geht.
Eine eigene Welt
Am Stuttgarter Flughafen führt der Weg zur Polizeihubschrauberstaffel zunächst an eine Schranke. Hochgesichert, abgeschirmt vom übrigen Betrieb. Ohne Anmeldung geht hier nichts. Erst als ein Mitarbeiter den PZ-Reporter plus Fotografen abholt, öffnet sich der Zugang. Ein paar Minuten später steht man in einer anderen Welt. Hangar, Technik, Maschinen – und Menschen, die rund um die Uhr bereit sind, jederzeit abzuheben.

85 Mitarbeiter arbeiten hier, rund 40 von ihnen sind Piloten. Sechs Hubschrauber gehören zur Staffel, fünf sind in Stuttgart stationiert, einer am Baden-Airpark bei Söllingen. Drei Maschinen sind in der Regel einsatzbereit, weitere stehen als Reserve zur Verfügung oder werden gewartet. Intern funken die Crews unter dem Rufnamen „Bussard“ – so werden die Polizeihubschrauber in Baden-Württemberg genannt.
Die Staffel ist rund um die Uhr in Alarmbereitschaft. Einsätze gibt es im ganzen Land – regelmäßig auch im Enzkreis, in Pforzheim und im Nordschwarzwald. „Wir unterstützen die Dienststellen im Land bestmöglich“, sagt Martin Landgraf. Der 52-Jährige ist seit 16 Jahren Teil der Staffel, seit zwei Jahren ihr Leiter.
Im Einsatz für die Region
Die Aufgaben sind breit gefächert: Suche und Fahndung, Unterstützung von Einsätzen am Boden, Verkehrsüberwachung, Hilfe bei Katastrophenlagen oder Einsätzen von Spezialeinheiten. Immer geht es darum, den Überblick zu behalten – aus der Luft. Gerade bei Vermisstensuchen spielt die Staffel eine zentrale Rolle. Besonders im Nordschwarzwald, mit seinen dichten Wäldern und unübersichtlichen Geländeformen, stoßen Einsatzkräfte am Boden schnell an Grenzen. Dass viele der Piloten zuvor selbst im Streifendienst gearbeitet haben, ist kein Zufall.
„Unsere Philosophie ist es, Polizisten zu Piloten zu machen und nicht umgekehrt“, sagt Landgraf.
Und der Job ist gefragt. Auf eine freie Stelle kommen derzeit rund 30 Bewerbungen. Sieht man sich einen Einsatz in der Luft an, wird schnell klar, warum: Es wirkt fast wie in einem Actionfilm. Fliegen, Einsätze, Verfolgungen. „Top-Gun ist natürlich ein toller Film – mit der Wirklichkeit hat das aber nichts zu tun.“ Für die Besatzung steht nicht das Spektakel im Vordergrund, sondern der Auftrag.
Ein Einsatztrupp für Such- und Fahndungseinsätze besteht aus drei Personen: Pilot, Co-Pilot und Operator. Während vorne geflogen wird, arbeitet hinten der Operator – er steuert die Kameras, behält das Geschehen im Blick, hält Kontakt zu den Einsatzkräften am Boden. Gerade bei Suchaktionen kommt ihm eine Schlüsselrolle zu. Die Wärmebildkamera liefert Bilder, doch sie richtig zu lesen, erfordert Erfahrung. Die Technik in den Hubschraubern ist auf dem neuesten Stand. Hochauflösende Kameras, digitale Karten, Systeme, die an Navigationslösungen aus dem Alltag erinnern. Selbst Straßennamen oder Positionen von Einsatzkräften lassen sich direkt aus der Luft erfassen. Und doch bleibt die Arbeit anspruchsvoll. Besonders nachts.
Fast die Hälfte aller Einsätze findet inzwischen im Dunkeln statt. Die Besatzung trägt dann spezielle Nachtsichtgeräte – mehrere Kilogramm Gewicht, die auf Kopf und Nacken lasten. „Nachts fliegt keiner zum Spaß“, sagt ein Mitglied der Besatzung. Auch das Wetter setzt Grenzen. Nebel, wie er im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb häufig auftritt, erschwert die Einsätze erheblich. Die Hubschrauber fliegen vergleichsweise tief und sind auf Sicht angewiesen. Unterstützung durch Fluglotsen gibt es in solchen Situationen nicht. Trotzdem gilt: Wenn es darauf ankommt, wird geflogen.
„Wir sind die Letzten, die noch fliegen“, sagt Landgraf.
Täter und Vermisste aufspüren
Dass die Arbeit Wirkung zeigt, belegen die Zahlen. Tausende Einsätze fliegt die Staffel jedes Jahr. Viele davon sind Such- und Fahndungseinsätze. Immer wieder gelingt es, vermisste Menschen zu finden oder flüchtende Täter aufzuspüren.
Ein Einsatz ist der Besatzung besonders in Erinnerung geblieben: die Suche nach einem vierjährigen Jungen im Schwarzwald. Stundenlang war die Crew in der Luft, suchte Waldstücke ab, koordinierte sich mit den Kräften am Boden. Am Ende wurde das Kind gefunden. „Da waren wir alle sehr emotional“, erzählt der Pilot, der damals selbst den Hubschrauber geflogen hatte.
Nicht jeder Einsatz endet so. In einem Video, das Landgraf zeigt, ist zu sehen, wie eine vermisste Person mithilfe der Wärmebildkamera entdeckt wird – doch jede Hilfe kommt zu spät. In einem anderen Fall verfolgt die Polizei aus der Luft einen roten Kleinwagen. Der Fahrer flüchtet, rast über Straßen, versucht, den Einsatzkräften zu entkommen. Schließlich fährt er in ein Maisfeld. Die Insassen steigen aus, versuchen zu fliehen – und werden aus der Luft schnell lokalisiert.
„Wenn wir in der Luft dabei sind, hat man keine Chance“, sagt Landgraf.
Sicherheit aus der Luft
Die Unterstützung aus der Luft gibt den Einsatzkräften am Boden Sicherheit. Sie sehen mehr, schneller, weiter. Und sie können gezielt eingreifen. Dabei geht es nicht nur um spektakuläre Einsätze. Oft besteht die Aufgabe auch darin, Gebiete systematisch abzusuchen – oder auszuschließen. Die Hubschrauber erreichen dabei Geschwindigkeiten von über 250 Stundenkilometern, sind mehrere Stunden in der Luft, bevor sie wieder tanken müssen. Doch entscheidend ist nicht die Geschwindigkeit, sondern die Zusammenarbeit im Team.
Als der Hubschrauber auf dem Gelände am Flughafen Stuttgart schließlich zur Ruhe kommt, wirkt alles ruhig. Die Rotoren stehen, das Dröhnen ist verklungen. Doch wer hier arbeitet, weiß: Das hält nicht lange, der nächste Einsatz kann jederzeit kommen. Und dann zählt jede Minute.
