Aus heutiger Sicht ein „No Go“: Wie ein früherer Bachlauf in Pforzheims Zentrum dem Auto weichen musste
Pforzheim. Was hat es mit dem Bachlauf im Benckiserpark auf sich, der kein Wasser führt? Ein Blick in die Geschichte Pforzheims zeigt, wie das Wasser dem Autoverkehr weichen musste. Ein städtischer Historiker bezeichnet dieses Vorgehen aus heutiger Sicht als „No Go“.
Ein PZ-Leser fragt sich in Zeiten von Hitzeperioden, warum der angedeutete Bachlauf im Benckiserpark eigentlich kein Wasser führt, wenn sich doch dort so gerne Kinder und Familien aufhalten. Der ehemalige Denkmalpfleger und Historiker Christoph Timm weiß, was es damit auf sich hat.
Bei dem Bachlauf handelt es sich um den früheren Mühlbach, so Timm, also kein natürlicher Bachlauf, sondern ein künstlich angelegter Mühl- und Werkkanal. Solche Wasserläufe versorgten die mittelalterliche Stadt mit Wasser für Mühlen, Tränken, Waschplätze und Gerbereien. Ein Beispiel dafür ist der noch existierende Metzelgraben am Stadtgarten, in dem die künstliche Surfwelle von blackforestwave errichtet wurde.
Der Mühlbach zweigte auf Höhe der Habermehlstraße am damaligen „Schleifwehr“ von der Enz ab. Dort lagen das markgräflich-badische Hammerwerk und später das Benckiserwerk. Anschließend verlief der Mühlbach durch den heutigen Benckiserpark, wo er den Privatgarten der Villa Benckiser vom Werksgelände trennte. Von dort führte er entlang der Badstraße und der später angelegten Zerrennerstraße. Auf Höhe der Lammstraße bog er nach Süden ab und mündete wieder in die Enz.
Dem Historiker zufolge wurde der Mühlbach nach und nach dem Ausbau der Zerrennerstraße geopfert. Um 1900 verdohlte man den östlichen Abschnitt. Ab 1946 wurden der mittlere Teil und der Abschnitt im Benckiserpark mit Trümmerschutt verfüllt, damit die Straße vierspurig ausgebaut werden konnte. Timm bewertet diesen Umgang aus heutiger Sicht kritisch: Mit Blick auf Klimaanpassung und Aufenthaltsqualität wäre ein solches Vorgehen heute ein „absolutes No go“.
Ein markanter Ort am früheren Kanal war die 1891 eingeweihte und um 1938 abgerissene Synagoge der liberalen jüdischen Gemeinde. Besucher gelangten über eine Brücke über den Mühlbach zum Eingang. Noch heute weitet sich die Zerrennerstraße an dieser Stelle zu einem kleinen Platz. Dort steht das Synagogen-Mahnmal, allerdings, wie Timm anmerkt, nicht exakt auf dem Grundstück der Synagoge, sondern im ehemaligen Verlauf des Mühlbachs.
Für das Benckiserwerk hatte der Kanal große wirtschaftliche Bedeutung. Er lieferte Wasserkraft für die Hämmer und diente dem Transport von Scheiterholz für Erzverhüttung und Holzkohlevergasung. Im heutigen Park erinnern zwei Kanalbrücken an diese Nutzung. Eine ist nur noch unterirdisch als industriearchäologisches Denkmal erhalten, die andere an der Emilienstraße mit historischem Geländer sichtbar.
In den 1950er-Jahren griff man den Verlauf des zugeschütteten Kanals gestalterisch wieder auf. Nach einem Bericht des Grünflächenamts von 1954 konnte er zwar „nicht mehr als Wasserdurchlass benutzt werden“, wurde aber in eine größere Teichanlage umgewandelt.
