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Pforzheim -  01.09.2026
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Ausbruch auf dem Rodgebiet: Gegen die Ameisen-Invasion hilft nur noch die Kesselschlacht

Pforzheim. Manuel Unterricker konnte sich nur noch wundern. So penetrant, so aggressiv, so schwer totzukriegen hatte er die Ameisen im Rodgebiet noch nie erlebt. Der Schädlingsbekämpfer, dessen Familienbetrieb Judo seit zehn Jahren Ratten, Mäuse, Hornissen und eben Ameisen in der Region bekämpft, packte ein paar seiner kleinen Gegner in Plastikröhrchen und schickte sie ins sächsische Görlitz.

Jürgen Unterricker (60) und sein Sohn Manuel (35) haben zwei invasive Ameisenarten in Pforzheim entdeckt und bestimmen lassen.
Jürgen Unterricker (60) und sein Sohn Manuel (35) haben zwei invasive Ameisenarten in Pforzheim entdeckt und bestimmen lassen. Foto: Koß

Ans Museum für Naturkunde, zu Bernhard Seifert – einer Koryphäe der Insektenforschung, der viele mediterrane Ameisenarten selbst erstmals wissenschaftlich bestimmt hat.

Die Ameise aus Görlitz

Die Antwort kam schnell, und sie war eindeutig: Tapinoma darioi. Seifert kannte die Art bereits – er hatte sie 2016 selbst beschrieben.

Die PZ hatte im August über die Ameisenplage rund um die Lukas-Moser-Straße in besagtem Rodgebiet berichtet. Über Anwohner, die über einen Auszug nachdachten, die mit allen Mitteln versuchten, die Tiere von Wohnungen, Fassaden, Gärten und Terrassen fernzuhalten. Die Stadt lässt seither auf öffentlichen Straßen mit Heißwasser und Dampf gegen die Insekten vorgehen.

Vater und Sohn Unterricker verstehen die Anwohner, die kritisieren, dass genau dieses Vorgehen die Ameisen von den öffentlichen Flächen auf die privaten Grundstücke verdrängt – wo sich Privatleute dann mit begrenzten Mitteln allein durchschlagen müssen.

Eine Kolonie, 16 Hektar

In seinem Büro in Tiefenbronn zeigt Manuel Unterricker auf dem Bildschirm eine Karte, die er selbst vom Befall im Rodgebiet angefertigt hat. Zentrum ist die Lukas-Moser-Straße, die Ausläufer reichen zwei bis drei Querstraßen nach Süden und Norden. Sein Rezept dagegen klingt nach Feldherrenstrategie, nicht nach Kammerjäger-Alltag: Kesselschlacht. Von außen nach innen einkreisen, damit die Tiere nicht weiter ausweichen können. Bisher hat die Stadt dafür rund 8000 Euro ausgegeben – zu wenig, finden Vater und Sohn Unterricker unisono. Wer jetzt spart, zahlt später drauf, denn die Tiere vermehren sich rasant weiter.

Einkreisen statt vertreiben

Wie rasant, weiß der Görlitzer Forscher Seifert aus seinem eigenen Gutachten, das der PZ vorliegt. Für die Pforzheimer Kolonie hält er darin fest, sie erstrecke sich über mehrere Straßenzüge – mindestens 16 Hektar. Eine vollständige Tilgung sei nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht mehr möglich. Zum Ursprung des Befalls schreibt Seifert, meist stamme er aus eingeführten mediterranen Pflanzen – Oliven, Bananen, Phoenix-Palmen – die Ameisen reisten quasi im Wurzelballen mit. Das gutbürgerliche Rodgebiet, mit seinen großen Gärten und der Vorliebe für besondere Pflanzen, biete dafür ideale Einfallstore. Seifert wird in seinem Gutachten grundsätzlich: Deutschland brauche ein Gesetz, das die Einfuhr südlicher Pflanzen einschränkt und Betriebe für Schäden haftbar macht, die außerhalb ihres Geländes entstehen.Ob es sich nun exakt um Tapinoma magnum handelt, wie die Stadt öffentlich mitteilt, oder um die eng verwandte Art Tapinoma darioi, wie Seiferts Laboranalyse zeigt – für die Betroffenen macht das kaum einen Unterschied. Beide Arten verhalten sich nahezu identisch: Sie bilden namengebende Superkolonien mit Dutzenden bis Hunderten Königinnen, ihre Nester reichen bis zu einen Meter tief in den Boden, sie ernähren sich zu über 80 Prozent von Honigtau ihrer Haustiere: Blattläuse. Bei Störung strömen sie aggressiv und in großer Zahl aus ihren Nestlöchern. Ähnliche Post ging übrigens auch aus der Pforzheimer Nordstadt nach Görlitz.

In einem zweiten Gutachten, das der PZ ebenfalls vorliegt, bestimmt Seifert dort die Vergessene Wegameise, Lasius neglectus – ebenfalls eine invasive Art mit Superkolonien, die sich unauffällig im Erdreich ausbreitet, weil ihre Jungköniginnen bereits im Nest begattet werden und deshalb kein Schwarmflug stattfindet, der auf die Ausbreitung aufmerksam machen würde. Auch diese Art bekämpfen die Unterrickers in der Nordstadt.

Für Manuel Unterricker war 2025 das Jahr, in dem er zum ersten Mal mit seinem Wissensstand mehr in die Tiefe gehen wollte. „Ich wusste selbst nicht, womit ich es zu tun habe“, sagt er über den ungewöhnlichen Rhythmus der Tiere: Normalerweise legen Ameisen im Sommer Vorräte an, halten Winterruhe, die Schwächeren sterben in der Kälte, im April erwachen nur die Stärksten. Die Pforzheimer Population hielt sich nicht an dieses Drehbuch. Sie tauchte früh im Jahr wieder auf – und das trotz vorheriger Bekämpfung.

Zwei Arten, ein Problem

Der Klimawandel, sagt Vater Jürgen Unterricker, habe das Geschäft in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Wärmere Winter, trockenere Sommer. Bettwanzen kannte er zu seinen Anfangszeiten nicht, ebenso wenig die Asiatische Hornisse oder die heutige Rattendichte. Früher starben schwache Tiere im Winter – heute überleben viel mehr die Kälteperiode. Auch die Kontrollpflichten sind gewachsen: Ratten- und Mäuseköder mussten früher einmal im Monat geprüft werden, heute wöchentlich, 52 Mal im Jahr statt zwölf. Deshalb hat die Firma inzwischen zwei Auszubildende eingestellt.

Der Winter bremst kaum

Für den Kampf gegen Superkolonien gibt es nach Einschätzung der Unterrickers nur einen Weg, der wirklich funktioniert: gemeinsames, koordiniertes Vorgehen von Stadt und Anwohnern gleichzeitig, nicht nacheinander. Karlsruhe macht es vor, wo öffentliche Flächen mit Heißwasserdampf behandelt werden, während Anwohner parallel auf ihren eigenen Grundstücken vorgehen. Auch Freudenstadt-Hohenklingen plant so eine koordinierte „Ameisen-weg-Woche“ für den September. In Kehl, wo das Problem schon länger bekämpft wird, kostet das die Stadt inzwischen jährlich einen fünfstelligen Betrag.

Alle müssen mitziehen

Was Privatleute selbst tun können: Futterquellen klein halten, Blattläuse und hohes Gras vermeiden, kein Tierfutter oder Wasser draußen stehen lassen, Ritzen und Löcher konsequent abdichten. Wichtig sei mit Blick auf Schädlingsbekämpfer Seriosität, betonen Vater und Sohn – ihre Branche sei voller Abzocker, Bargeldzahlungen, fragwürdiger Methoden „wie beim Schlüsseldienst“. Aber selbst für Profis werden die nötigen Giftgele inzwischen knapp: Die wachsende Zahl invasiver Ameisenarten hat einen Nachfrageboom ausgelöst, manche Mittel sind kaum noch zu bekommen.

Zwischen 10.000 und einer Million Eier kann eine Superkolonie legen, sagt Manuel Unterricker. Nach vier bis sechs Wochen schlüpfen daraus neue Ameisen. Wer da nicht koordiniert vorgeht, kämpft gegen eine Front, die sich schneller erneuert, als man sie zurückdrängen kann.

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