Bauministerin Razavi besucht die Bau-Innung in Pforzheim: Sie stellt den Stellenwert des Handwerks heraus
Pforzheim. Interessiert schaut Nicole Razavi in Richtung Decke, zu den mächtigen Streben des Eisentragwerks und zu den großen Fenstern, durch die noch schwach das dunkelblaue Abendlicht fällt. Die baden-württembergische Bauministerin findet den Anblick beeindruckend, ebenso den großen Aufwand, der nötig war, um die historische, bereits Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Halle einer sinnvollen Nutzung als überbetriebliche Ausbildungsstätte für das Bauhandwerk zuzuführen.
Wo einst das Eisenwerk der Gebrüder Benckiser produziert hat, wird heute der Nachwuchs auf das Berufsleben vorbereitet: in großzügigen, modern ausgestatteten Räumen von engagierten Ausbildern, die sich gut um ihre Schützlinge kümmern. Zwei Stunden wird Razavi am Ende ihres Besuchs bei der Bau-Innung gewesen sein. Doch bleiben können hätten sie und CDU-Landtagskandidat Andreas Renner noch deutlich länger. Denn im Seminarraum gibt es nach der kurzen Führung viel zu besprechen.
Obermeister Frank Tittel betont:
„Dieser Dialog ist für unsere Branche von großer Bedeutung.“
Im Austausch mit den zahlreich erschienenen Firmeninhabern lässt die Ministerin keinen Zweifel daran, dass das Unternehmertum und das Handwerk den deutschen Südwesten einst groß gemacht haben, dass sie ein „stabiles Fundament“ bilden, auf das weiter aufgebaut werden muss. Damit das erfolgreich gelingt, müssen für Razavi die Voraussetzungen stimmen. Die Ministerin will aufs Möglichmachen setzen statt aufs Verhindern, denn sie hat den Eindruck: „Wir stehen zu oft auf der Bremse.“
Die Ministerin verweist auf die Änderung der Landesbauordnung (LBO), bei der man „jedes Steinchen umgedreht“ habe, um Bürokratie abzubauen. Etwa durch das Einführen einer Genehmigungsfiktion, durch das Abschaffen des Widerspruchsverfahrens, durch das Reduzieren des Brandschutzes auf ein mit der Feuerwehr abgestimmtes Maß und durch die Möglichkeit, Gewerbe ohne Bauantrag in Wohnraum umzuwandeln. Alles mit dem Ziel, das Bauen einfacher und günstiger zu machen. Auch, wenn sich die neue LBO laut Razavi „durchaus sehen lassen“ kann, ist es damit aus ihrer Sicht noch lange nicht getan. Die Ministerin denkt etwa an das Baunebenrecht und an energetische Standards, die sie ebenso senken will wie die Grunderwerbsteuer.
Das Verbandsklagerecht will sie abschaffen, die Bürgerbeteiligung bei Bebauungsplanverfahren deutlich straffen. Razavi sagt:
„Wir sind in die richtige Richtung unterwegs, aber es müssen auch alle mitmachen.“
Dass die Automobilindustrie eine wichtige Säule des Wohlstands im Land ist, steht für die Ministerin ebenso außer Frage wie die Notwendigkeit, dort mit Blick auf die Herausforderungen die Weichen richtig zu stellen. Aber sie sagt auch: „Handwerk und Bauen sind mindestens genauso wichtig.“ Allein schon wegen ihrer Fähigkeit, passende Lösungen zu finden. Razavi will mehr Werbung fürs Handwerk machen. Wenn es nach Andreas Renner geht, muss es künftig für Schüler aller Gymnasien möglich sein, ein Praktikum im Handwerk zu absolvieren.
