Beratungslücke: Pforzheimerin findet nach sexuellem Missbrauch keine Hilfe
Pforzheim. Eine Pforzheimerin sucht nach Jahrzehnten Hilfe wegen sexuellen Missbrauchs – und stößt auf eine Versorgungslücke. Warum es bis heute keine spezialisierte Beratungsstelle gibt.
Der Brief ist anonym und an die Gleichstellungsbeauftragten von Stadt und Enzkreis sowie an die Pforzheimer Zeitung gerichtet. Er spricht ein schmerzhaftes Thema an, das die Fachstellen schon lange umtreibt. Geschrieben hat ihn eine Pforzheimerin, die als junger Mensch sexuellen Missbrauch erlitten hat und nun nach vielen Jahrzehnten das Erlebte aufarbeiten möchte. Doch sie findet keine Stelle in Pforzheim, die ihr helfen kann – und auch keine in Stuttgart oder Karlsruhe.
Mehrere Träger
Die Beratungsstelle Lilith habe sie als Erwachsene abgelehnt und auch kein Erstgespräch ermöglicht, schreibt die Ratsuchende. Wildwasser in Karlsruhe und Stuttgart würde niemanden annehmen, der nicht vor Ort wohne. Der Verweis auf die Traumaberatungsstelle BIOS helfe ihr ebenfalls nicht weiter. Im Jahr 2019 hatte es in Pforzheim einen Arbeitskreis, bestehend aus mehreren Trägern, genau zu diesem Thema gegeben – ebenso ein PZ-Forum, das ein Modellvorhaben auf den Weg bringen sollte. Denn Pforzheim sei die einzige Großstadt im Südwesten ohne entsprechende Anlaufstelle, hieß es damals aus den Reihen der Verantwortlichen. Dann kamen die Corona-Jahre. Was ist daraus geworden? Der Arbeitskreis habe damals zu diesem Thema getagt, bestätigt Frauenhaus-Leiterin Tanja Göldner. Da es finanziell schwierig sei, diese Anlaufstelle als Gemeinschaft umzusetzen, habe die Fachstelle Häusliche Gewalt in Absprache mit allen Akteuren alleine einen Antrag bei der „Aktion Mensch“ gestellt.
Leider sei dieser Antrag 2025 nicht genehmigt worden – wegen zu vieler Anträge und zu geringer Mittel bei Aktion Mensch. Die Diakonie wolle jedoch im neuen Jahr einen weiteren Antrag auf Förderung stellen.
„Wir bleiben aber dran – und weisen auch keine Klientinnen und Klienten ab, sondern beraten sie weiter in all unseren Stellen.“
Dass Lilith die Betroffene abgelehnt und nach Stuttgart verwiesen haben soll, kann Göldner nicht nachvollziehen, denn Lilith sei informiert. „Wenn wir bei der Beratung feststellen sollten, dass wir nicht die richtigen Ansprechpartner sind beziehungsweise nicht adäquat weiterhelfen können, dann verweisen wir meist an die Traumaambulanz von BIOS, der Karlsruher Behandlungsinitiative Opferschutz.“
Claudia Jancura von Spotlight erklärt: „Ja, es ist leider immer noch so, dass es keine Beratungsstelle für sexuelle Gewalt an Erwachsenen gibt.“ Jedoch hätten sich die Fachkräfte der Beratungsstelle fortgebildet, denn das Thema sei dort präsent. Trotz der gescheiterten Finanzierung wollen die Beteiligten nicht lockerlassen und wünschen sich nach wie vor eine gute Lösung für Pforzheim – am besten mit einer eigenen Beratungsstelle, sodass alle betroffenen Erwachsenen Hilfe und Unterstützung bekommen.
Bis dahin gilt weiterhin die Vermittlung zu BIOS oder auch zu den jeweiligen Beratungsstellen des Arbeitskreises – je nach Zielgruppe. Es könne laut Jancura nicht sein, dass Menschen weggeschickt würden und keine Unterstützung erhielten. Es sei mutig, dass sich eine betroffene Person an die Öffentlichkeit gewandt habe.
