Besuch in Pforzheim: Warum Polen bei Deutschland weiter Nachholbedarf sieht
Der Besuch des polnischen Generalkonsuls zeigt, wie eng lokale Erinnerungskultur und internationale Politik miteinander verbunden sind. Rafał Wolski sprach über offene Fragen zwischen Deutschland und Polen, die Ukraine und den Wunsch nach mehr Wissen über den östlichen Nachbarn.
Pforzheim. Wenn Rafał Wolski am Montagabend ins Pforzheimer Schmuckmuseum geht, führt sein Weg wohl auch zu einer Leerstelle. Der Ort, wo lange ein geraubter Goldring eines polnischen Königs lag, ist nun ein Symbol: für historische Verantwortung, für Versöhnung – und für die deutsch-polnischen Beziehungen. „Es ist eine Wiedergutmachung für geschehenes Unrecht – aber nur ein Bruchteil der Kulturverluste“, sagt der polnische Generalkonsul im Pressegespräch in Pforzheim über die Rückgabe des Rings an Warschau.
Anlässlich des 35. Jahrestags des gemeinsamen Freundschaftsvertrags hat die Deutsch-Polnische Gesellschaft Pforzheim-Enzkreis Wolski in die Goldstadt eingeladen. Für den Abend war neben dem Besuch im Schmuckmuseum auch ein Vortrag mit Gesprächsrunde zum Freundschaftsvertrag im Reuchlinhaus anberaumt. „Wir sind froh, dass es damals den Mut gab, den Vertrag zu unterschreiben“, bilanziert der Vertreter Warschaus.
Wolski ist seit August 2024 Generalkonsul in München. Sein Konsularbezirk umfasst Bayern und Baden-Württemberg – damit ist er auch für Pforzheim zuständig. Der Historiker und Diplomat kennt Süddeutschland aus früherer Tätigkeit am Münchner Generalkonsulat – und die Ukraine aus mehreren Jahren diplomatischer Arbeit in Kiew und Lwiw.
Die Beziehungen zu Deutschland sind das eine, was ihn beschäftigt, die zur Ukraine das andere. Diese sind aktuell durch eine Debatte besonders belastet: Den Umgang mit den Wolhynien-Massakern des Zweiten Weltkriegs, bei denen ukrainische Nationalisten der Aufstandsarmee UPA etwa 100.000 Polen ermordeten. Als Präsident Wolodymr Selenskyj nun einer Armee-Einheit den Beinamen „Helden der UPA“ verliehen hat, sorgte das für einen Aufschrei – und der Aberkennung des wichtigsten polnischen Ordens. Trotz der Spannungen bleibe Polen einer der wichtigsten Unterstützer der Ukraine, wie Wolski betont. „Die strategische und wirtschaftliche Zusammenarbeit darf keine Geisel der Geschichte werden.“ Aber: „Die Ukraine muss, wenn sie ein reifes Land sein will, auch die Befindlichkeiten des größten westlichen Nachbarn berücksichtigen.“
Gleiches gelte für Deutschland. „Auch heute, 81 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, sind die Wunden nicht verheilt.“ Eine Gemeinsamkeit mit der Goldstadt? Wolski sieht zumindest Parallelen. „Pforzheim hat ein besonderes Verständnis für den Zweiten Weltkrieg in der DNA. Die Pforzheimer verstehen viele Dinge besser als diejenigen, bei denen die Walze des Krieges nicht so grausam durchgegangen ist.“
Viel Kritik, aber auch Lob
Mit Blick auf den Freundschaftsvertrag zieht Wolski aber eine durchaus positive Bilanz der deutsch-polnischen Beziehungen. Allerdings gebe es nach wie vor Bereiche, in denen Nachholbedarf bestehe. „Deutschland weigert sich, den in Deutschland lebenden Polen die Rechte der nationalen Minderheit zuzuerkennen, die die Polen in Deutschland bis 1940 besaßen.“
Weitere Bereiche, in denen Berlin nachjustieren müsse, seien die wirtschaftliche Kooperation – Deutschland sei Polens größter Handelspartner, umgekehrt gehöre Warschau ebenfalls zu einem der wichtigsten Partner Berlins – und die Verkehrsinfrastruktur auf der deutschen Seite. Ein Ärgernis seien auch die deutschen Grenzkontrollen – ein „unnötiger Zeitaufwand und eine Hürde“, kommentiert der polnische Generalkonsul.
Er findet mit Blick auf die Beziehung der beiden Länder auch Lob für die Arbeit der aktuellen Bundesregierung: „Es gibt eine spürbare positive Entwicklung, seit Friedrich Merz der Bundeskanzler ist.“ Wolski nennt als Beispiel Formate und Möglichkeiten zum Austausch mit der polnischen Regierung, die Schwarz-Rot nutze.
Was er sich für die Zukunft der Zusammenarbeit wünsche? „Das generelle Interesse und Wissen über den wichtigsten deutschen Nachbarn im Osten ist etwas, das die deutsche Gesellschaft stärker beherzigen sollte.“
