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Engelsbrand -  21.04.2026
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Corinna Jungnickel: Von Engelsbrand nach Toruń und zurück mit Gänsehaut

Engelsbrand. Die Leichtathletin verpasst bei den Hallen-Leichtathletik-Europameisterschaften der Masters in Polen nur knapp eine Medaille. Doch ein Erlebnis war die EM-Woche allemal.

Nicht ganz drei Wochen sind vergangen, seit die Engelsbranderin Corinna Jungnickel aus Toruń in Polen zurückgekehrt ist – doch die Eindrücke sind noch präsent. „Ich zehre sehr davon; das war mit das Beste, was ich je erlebt habe“, sagt sie und strahlt. Gemeint sind die Hallen-Europameisterschaften der Masters vom 27. März bis 2. April – ein internationaler Wettkampf für Leichtathleten ab 35 Jahren. Für Jungnickel, die über 50 ist, war die EM-Woche ein Erlebnis, das sie so schnell nicht loslassen wird.

Dass sie dort überhaupt gestartet ist, wirkt im Rückblick fast selbstverständlich – was es aber lange nicht war. Mit 21 Jahren hatte sie den Leistungssport an den Nagel gehängt. Ausbildung, Beruf, Familie – die Prioritäten änderten sich. „Heute denke ich oft, ich hätte nicht aufhören sollen“, sagt sie. Doch dieser Gedanke ist kein Vorwurf, eher eine Erkenntnis. Denn irgendwann kam der Punkt, an dem sie wieder loslegte. Erst als Helferin, dann als Trainerin beim TV Engelsbrand und schließlich wieder selbst auf der Bahn. „Ich wollte einfach wissen, was noch geht.“ Und es geht einiges.

In Toruń trat sie in drei Disziplinen an: Weitsprung, 60 Meter und 200 Meter Sprint. Der Weitsprung verlief stark: 4,63 Meter, Finaleinzug, am Ende Platz fünf. Zur Bronzemedaille fehlten lediglich acht Zentimeter. „Das ist halt eine Schuhspitze“, sagt sie und schüttelt leicht den Kopf. Stolz und Ehrgeiz liegen bei ihr nah beieinander. Sie freut sich über den Erfolg – und denkt im selben Moment darüber nach, was noch drin gewesen wäre.

Die Voraussetzungen waren alles andere als ideal. Schon vor der Reise machte ihr eine Entzündung im Bein zu schaffen, zehn Tage Training fielen aus. Am Morgen des 60-Meter-Sprints, nur Stunden nach dem Weitsprung, wurde es kritisch. „Ich wusste nicht, wie ich das laufen soll“, erzählt sie.

Sie nahm erstmals seit Langem ein Schmerzmittel, stand wenig später im sogenannten Callroom – und funktionierte. Zweiter Platz im Vorlauf, Einzug ins Semifinale.

„Sobald der Startschuss kam, war alles weg“, sagt sie. „Ich war einfach im Tunnel.“

Typisch für diese Tage ist eine Szene, die sich abseits der Bahn abspielte. Nach dem 200-Meter-Vorlauf saß Jungnickel mit ihrer Tochter Maya, die sie begleitet hatte, in einem Restaurant. Der Wettkampf schien vorbei. Platz 13 hatte sie in den Vorläufen erreicht und den Einzug ins Semifinale verpasst. Dann passierte das Unfassbare: Während die beiden Spaghetti aßen, schaute sie beiläufig noch einmal auf ihr Handy – und konnte kaum fassen, was sie sah: Nachrückerin fürs Semifinale.

„Wir sind sofort aufgesprungen, haben alles stehen und liegen lassen“, erzählt sie und lacht. Denn viel Zeit blieb nicht: zurück ins Hotel, Sachen holen, zur Halle fahren. Dabei war längst klar, dass ihr Körper am Limit war. „Ich konnte kaum laufen“, sagt sie. Und trotzdem stellte sie sich noch einmal an den Start.

„Vernünftig war das nicht“, räumt sie rückblickend ein und sieht dabei aus, als habe man sie mit den Fingern in der Keksdose erwischt. „Aber ich hätte es mir nie verziehen, wäre ich nicht an den Start gegangen.“

Was bleibt, ist mehr als ein vierter Platz im Weitsprung und solide Sprintleistungen. Es ist vor allem dieses Gefühl, von dem sie nun Wochen später noch spricht. Die Atmosphäre, die Größe der Halle, die Präzision der Organisation – und der Moment, in dem ihr Name aufgerufen wurde. „Dann stehst du da im Nationaltrikot und weißt: Jetzt geht’s los.“ Zurück in der Heimat ist Jungnickel wieder im Alltag angekommen. Sie arbeitet selbstständig, organisiert ihren Tag flexibel und steht regelmäßig auf dem Trainingsplatz. Dort kennt man sie vor allem als engagierte Trainerin für Athleten ab etwa elf Jahren – Alter nach oben offen. Zweimal pro Woche betreut sie ihre Wettkampfgruppe, arbeitet mit den Kindern und Jugendlichen, fordert und fördert zugleich. Sie formt sie zu einem Team, obwohl auf dem Platz jeder für sich kämpft. Dass ihre Schützlinge mit der nötigen Ernsthaftigkeit ins Training gehen, ist ihr wichtig. „Ich habe kein Problem mit Spaß“, stellt sie klar. „Aber ich habe ein Problem mit verschenkter Leistung.“ Und Leistung bedeutet für sie mehr als Ergebnisse. Es geht um Haltung, Disziplin und den Umgang mit Rückschlägen – Dinge, die sie selbst gerade wieder erlebt hat.

Dass sie selbst wieder aktiv ist, verändert auch ihre Rolle im Verein. Sie lebt vor, was sie vermittelt. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie heute noch mal dort steht, wo sie schon einmal war. Nicht, um etwas nachzuholen oder zu beweisen. Sondern, weil sie spürt, dass es noch nicht vorbei ist. „Ohne meine Spikes bin ich nur ein halber Mensch“, sagt sie. Und lächelt.