Gemeinden der Region
Enzkreis -  13.09.2019
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp
Anzeige

Die Angst, etwas falsch zu machen: Nur jeder Zweite traut sich Erste-Hilfe-Maßnahmen zu – das DRK gibt Tipps

Pforzheim/Enzkreis. Als erste Person vor Ort sein, wenn gerade ein Unfall passiert ist? Ein Herzstillstand in unmittelbarer Nähe oder ein ertrinkendes Kind im See? Wer traut sich in solchen Fällen Erste Hilfe zu?

Oft sind die ersten Minuten nach einem Unfall entscheidend – doch viele trauen sich keine Erste Hilfe zu.
Oft sind die ersten Minuten nach einem Unfall entscheidend – doch viele trauen sich keine Erste Hilfe zu.

"Leider kommt es immer wieder vor, dass keinerlei Maßnahmen durchgeführt werden, obwohl potenzielle Helfer direkt anwesend sind. Die Ausreden, warum nicht geholfen wird, reichen oft von 'Ich weiß nicht, was ich tun soll', über 'Ich hatte Angst' bis 'Mir doch egal, es geht mich nichts an'", sagt Michael Storz, Leiter Erste-Hilfe-Ausbildung beim DRK-Kreisverband Pforzheim-Enzkreis, anlässlich des Internationalen Tags der Ersten Hilfe am 14. September. Letztendlich gehe jede Blaulichtfahrt eines Rettungswagens oder Notarztes auf eine Erste-Hilfe-Maßnahme zurück, denn schon ein Notruf gelte als solche. Das sei mehrmals täglich der Fall. 

Lediglich 44,6 Prozent trauen sich Erste Hilfe zu

Laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) für das HausArzt-Magazin aus dem Jahr 2018 traut sich nur etwa jeder Zweite zu, im Notfall Erste Hilfe zu leisten. Die Björn Steiger Stiftung fordert aus diesem Grund verpflichtende Erste-Hilfe-Kurse.

Anzeige

"Es gilt, regelmäßig die Kenntnisse über Erste Hilfe aufzufrischen, sodass die wichtigsten Grundlagen beherrscht werden und Laien in der Lage sind, zu helfen, bis Notarzt und Rettungsdienst am Notfallort eintreffen", sagt Ulrich Schreiner, Geschäftsführer im Bereich Rettungsdienst der Björn Steiger Stiftung. Laienhelfer seien möglicherweise entscheidend, wenn es um Leben und Tod gehe. "Ein einziger Erste-Hilfe-Kurs im Leben, um den Führerschein zu erlangen, reicht aber bei weitem nicht aus, um im Ernstfall überlegt zu handeln", so Schreiner.

Wie oft sollten die Erste-Hilfe-Kenntnisse aufgefrischt werden?

"Im Gegensatz zu den Regelungen der Berufsgenossenschaften, dass die Kenntnisse für betriebliche Ersthelfer nach spätestens zwei Jahren aufgefrischt werden müssen, gibt es eine solche Regelung für Privatpersonen nicht", sagt Storz vom DRK-Kreisverband Pforzheim-Enzkreis. Diesen werde lediglich empfohlen, die Kenntnisse "von Zeit zu Zeit" aufzufrischen. "Aus fachlicher Sicht wäre eine Schulung nach spätestens sechs bis acht Jahren wünschenswert", so Storz.

Auf keinen Fall nichts tun

Dann wird der Leiter der Erste-Hilfe-Ausbildung deutlich: "Generell gilt, lieber etwas zu tun, als gar nichts zu tun." Jedoch habe die eigene Sicherheit immer absoluten Vorrang. Die häufigste Angst der Helfer bestehe darin, falsche Erste Hilfe zu leisten und sich so eventuell rechtlich angreifbar zu machen. Aber: "Es wurde noch niemand bestraft, weil eine Maßnahme 'falsch' angewendet wurde. Eine Bestrafung kann nur erfolgen, wenn gar nicht geholfen wird oder einer Person vorsätzlich Schaden zugefügt wurde", sagt Storz. Zunächst genüge das Absetzen eines Notrufs als Hilfeleistungsmaßnahme aus. "Es kann veranlasst werden, dass Hilfe kommt. Diese Maßnahme kann im heutigen Mobilfunkzeitalter durchaus jedem zugemutet werden", stellt Storz klar. Der hiesige DRK-Kreisverband hat im vergangenen Jahr über 6.000 Menschen in Erster Hilfe aus- und weitergebildet.

Wie viele meldepflichtige Unfälle ereignen sich in deutschen Betrieben und Schulen pro Jahr?

[ Hier finden Sie Erste-Hilfe-Kurse des DRK in Ihrer Nähe und grundlegende Informationen zur Ersten Hilfe ]

[ Erste-Hilfe-Kurse des ASB in Pforzheim finden Sie hier ]

Erste-Hilfe-Ausbildung an Schulen

Die Erste-Hilfe-Ausbildung an Schulen muss nach Einschätzung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) dringend verbessert werden. "Die Zahl von bundesweit rund 1,1 Millionen Schulunfällen im Jahr 2018 ist alarmierend hoch", teilte der Bundesverband anlässlich des Welt-Erste-Hilfe-Tages am 14. September 2019 mit.

"Der Kreisverband Pforzheim-Enzkreis ist sehr stark in der Schulsozialarbeit vertreten", betont DRK-Kreisgeschäftsführer Stefan Adam. "Wir sind an über 30 Schulen in der Region regelmäßig präsent und helfen dabei, Schulsanitätsdienste aufzubauen und zu betreuen. Dabei ist die Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern sowie den Schulleitungen partnerschaftlich und sehr gut." Zudem werde die Veranstaltung "Löwen retten Leben" in der Region regelmäßig angeboten und außerordentlich gut angenommen. Dabei trainieren Lehrkräfte unter anderem die Herz-Lungen-Wiederbelebung und geben diese Kenntnisse als Multiplikatoren an ihre Kollegen weiter. Zudem gibt es Programme für Grundschulen und Kindergärten, in denen Erste Hilfe geschult wird.

Was besagt das Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Frühjahr 2019?

Der Bundesgerichtshof betonte in seinem Urteil vom 4. April 2019 die Erste-Hilfe-Pflicht für Sportlehrerinnen und -lehrer. Sie hätten "die Amtspflicht, etwa erforderliche und zumutbare Erste-Hilfe-Maßnahmen rechtzeitig und in ordnungsgemäßer Weise durchzuführen" und müssten eine aktuelle Ausbildung in Erster Hilfe vorweisen können.

Geklagt hatte ein ehemaliger Schüler, der im Januar 2013 während des Aufwärmtrainings im Sportunterricht bewusstlos geworden war und in der Folge einen Atemstillstand erlitten hatte. Vor dem Eintreffen des gerufenen Notarztes erfolgte keine Laienreanimation durch die zwei anwesenden Sportlehrer. Der damals 18-Jährige ist seit diesem Vorfall schwerbehindert.

Jedes Jahr erleiden Millionen Menschen Verletzungen oder sterben, weil rechtzeitige und ordnungsgemäße Erste-Hilfe-Maßnahmen nicht geleistet werden. Als unmittelbare Reaktion in Notfällen kann Erste Hilfe lebensrettend sein. Um auf die Bedeutung der Ersten Hilfe und die Tatsache, dass jeder sie lernen kann, aufmerksam zu machen, findet jedes Jahr am zweiten Samstag im September im September der Welt-Erste-Hilfe-Tag statt. Er wurde von der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung ins Leben gerufen.