Die TGS Pforzheim – ein Pionier des Handballsports
Pforzheim. Grund zum Feiern hätte die Turngesellschaft Pforzheim 1895 gleich doppelt: vor 125 Jahren wurde der Verein gegründet und vor 100 Jahren wurde hier erstmals Handball gespielt. Doch die Corona-Pandemie hat einen Strich durch größere Jubiläums-Aktivitäten gemacht. Dabei gilt die TGS als Pionier der damals aufkommenden neuen Sportart, bei der der Ball nicht mehr mit dem Fuß, sondern mit der Hand gespielt wurde.
Handballähnliche Spiele wie Urania oder Harpaston waren bereits in der Antike bekannt, auch bei den Römern (Harpatum). Als Geburtsstunde des Handballs in Deutschland gilt der 29. Oktober 1917. Da legte der Berliner Oberturnwart Max Heiser fest, dass das 1915 von ihm für Frauen entwickelte Spiel „Torball“ künftig „Handball“ heißen sollte. Vom „Ausschuss für Frauen- und Mädchenturnen des Berliner Turnraths“ wurde ein offizielles Regelwerk erstellt. Bereits am 2. Dezember fanden die ersten offiziellen Spiele statt.
Handball als Frauensport?
Die Frauen hatten beim Handball die Nase vorn, denn der beliebte Fußballsport der Jungen und Männer erschien für Mädchen als zu körperbetont. Doch die sollten sich ebenfalls austoben können, wobei jeder Kampf verboten sein sollte. Chroniken verweisen darauf, dass die jungen Frauen langärmelige, weite Blusen, Pumphosen und Strümpfe trugen, die fast bis zu den Knien reichten. Der Ball aus Leder hatte einen Umfang von 70 Zentimeter (heute 58 bis 60) und durfte anfangs nicht geprellt werden.
Das sollte sich ändern, als der Leichathlet und Sportlehrer Carl Schelenz (1890-1956) vom Reichsausschuss für Leibesübungen den Auftrag erhielt, das Torballspiel für Frauen und Mädchen weiter zu entwickeln, um es auch für Männer attraktiv zu machen. Schelenz wurde zum „Vater des Handballs“, der unter anderem die Drei-Schritte-Regel einführte und die Abmessungen eines Fußballspielfelds wählte, wobei der Torraum nur dem Torwart vorbehalten blieb. Eine Mannschaft bestand aus elf Spielern sowie zwei weiteren zum Auswechseln, der Ball wurde verkleinert, Zweikämpfe wurden erlaubt.
Wegbereiter Eugen Haug
Am 1. Februar 1920 fand das erste Männer-Handballspiel zwischen zwei Mannschaften des Turnvereins GutsMuths Berlin statt, drei Wochen später standen sich in der Reichshauptstadt bereits GutsMuths und der Turn-und Sportverein von 1850 gegenüber, der mit 4:1 Toren gewann. Erste Meister im deutschen Handball wurden 1921 der TSC Spandau 1860 bei den Männern und der SV Siemens Berlin bei den Frauen.
Wegbereiter der neuen Sportart in Pforzheim war der damalige Gauspielwart Eugen Haug. Seit 1913 war er Vorsitzender des Turnerbunds 1876 Dillweißenstein (bis 1951) und als Sportfunktionär vielfältig engagiert. Er wurde 1920 Vorsitzender des Handballbezirks Mittelbaden (bis 1937), er war lange Landesspielwart im Faustball und von 1952 bis 1960 stellvertretender Obmann Ringtennis im Deutschen Turnerbund, der Haug mit seinen höchsten Auszeichnungen ehrte. Auf seine Initiative kam es vor 100 Jahren in Pforzheim zum Handballspiel. Wobei nach vorhandenen Unterlagen die Turngesellschaft 25 Jahre nach ihrer Gründung – damals befand sich das Vereinsgelände auf der Schanz, seit 1934 auf dem Wartberg – der erste Pforzheimer Verein wurde, der 1920 den Handballsport in sein Angebot aufnahm. 1923 kamen der Turnerbund 1879 Pforzheim und die Turngemeinde 1888 dazu. Haugs Heimatverein in Dillweißenstein folgte 1926.
Historische Bilder ergattert
Eugen Haug hatte früh Lehrgänge ausgeschrieben, die regelmäßig von den Spielern und Lehrwarten der Turngesellschaft besucht wurden. Eine Jugendmannschaft wurde gegründet. Handballer und Leichtathleten schlossen sich bei der TGS zu einer gemeinsamen Abteilung zusammen, die dank der Zuschüsse des Hauptvereins sowie durch einen Sonderbeitrag einen geordneten Spiel- und Sportbetrieb mit Fahrten nach Mannheim, Stuttgart, Schwäbisch Hall, Karlsruhe, Bretten oder Rastatt ermöglichten. Die Turngesellschaft war übrigens ihrem Handball-Initiator so dankbar, dass sie ihn zum Ehrenmitglied der Abteilung ernannte.
Zwei Fotos aus den Anfangsjahren des Handballs bei der Turngesellschaft sind vorhanden. Sie stammen von 1920/1921 und erinnern an ein Spiel in Bretten. Eine der beiden Aufnahmen zeigt dabei, dass solch ein sportlicher Sonntagsausflug ein besonderes Ereignis war, denn die wenigen Schlachtenbummler hatten sich in Schale geworfen. Leider sind wohl beim Luftangriff vom 23. Februar 1945 viele Aufzeichnungen vernichtet worden, denn die TGS-Chronik weist von 1920 bis 1929 eine Lücke auf.
Pforzheimer holt Gold in Berlin
Handball auf dem Großfeld erfreute sich bald großer Beliebtheit und zog Zuschauermassen an. So auch bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, als Deutschland durch einen 10:6-Sieg gegen Österreich vor 100 000 Fans die Goldmedaille gewann, wobei im damaligen Aufgebot auch Edgar Reinhardt (1914-1985) stand, aber im Finale nicht zum Einsatz kam. Der Orthopäde war 1955 nach Pforzheim gezogen.
Die Fußballvereine 1. FC Pforzheim, VfR Pforzheim und Germania Brötzingen öffneten sich auch früh für den Frauenhandball und nahmen neben der TGS, der TG 88 und dem Turnerbund am Spielbetrieb teil. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der VfR Pforzheim die dominierende Mannschaft.
Der TV Brötzingen, bei dem ebenfalls seit Mitte der 1920er-Jahre Handball gespielt wurde, bildete bereits 1945 wieder eine Männer-Mannschaft. Als 1946 der Handballkreis Pforzheim (heute Alb-Enz-Saal mit Pforzheim, Karlsruhe, Bruchsal) gegründet wurde, waren dazu der TV 34, die TGS, Turnerbund, TG 88, TV Ispringen und TV Brötzingen (zeitweise wechselten Handballer zu Germania Brötzingen) zusammengekommen. Später schlossen sich der Sportclub, TV Büchenbronn, TV Wilferdingen und der ASV Pforzheim an. Gastvereine wurden der TV Neuenbürg und der TV Birkenfeld, Niefern meldete 1968 eine Handballmannschaft.
In der wechselvollen, erfolgreichen Pforzheimer Handballgeschichte löste 1972 der Turnerbund den zuvor tonangebenden TV Brötzingen ab. Der Großfeldhandball wurde mehr und mehr vom Kleinfeld- und vor allem vom Hallenhandball abgelöst. Heute ist die Goldstadt mit der Turngesellschaft und der SG Pforzheim/Eutingen sowie der TG 88 bei den Frauen in der 3. Bundesliga und dem HC Neuenbürg in der Oberliga so leistungsstark wie nie zuvor. Zudem spielt die SG in der A-Jugend-Bundesliga. Auch die Turngesellschaft sicherte sich Ende 1960/Anfang 1970 mit ihrem Nachwuchs große Erfolge. Heute sind die Handballer weiterhin das Aushängeschild des „Nordstadtvereins“mit seinen rund 650 Mitgliedern. Sie hätten allen Grund zum Feiern. Ja, wenn die Corona-Pandemie nicht 125 Jahre Turngesellschaft Pforzheim 1895 und 100 Jahre TGS-Handball sowie Handball in Pforzheim nur auf dem Papier zustand kommen lässt.
Weitere Infos unter: www.tgs-pforzheim.de, www.dhb.de und www.badischer-hv.de
