Die drei Freunde vom "studio.drei": Pforzheimer gewinnen mit wenig Wochen altem Label begehrten Designpreis
Pforzheim. Erst vor Kurzem haben sich die Pforzheimer Designer Marleen Hecker, Andreas Winter und Quimey Servetti selbstständig gemacht. Derzeit tingelt „studio.drei“ von Messe zu Messe. Nicht nur die Technik, mit der ihre Keramikobjekte entstehen, sorgt dabei für manche Überraschung. Alles will das Trio dennoch nicht dem Zufall überlassen.
Alles begann im kleinen Bergdorf Sufers im Schweizer Kanton Graubündenin. Dort verbrachten die drei Freunde Marleen Hecker (26), Andreas Winter (26) und Quimey Servetti (27) nach dem Bachelor-Abschluss eine Workshop-Woche. Die Zeit nutzten die drei Absolventen der Fakultät für Gestaltung, um an der japanischen Brenntechnik Raku zu feilen. Mittlerweile bilden sie das 2018 gegründete und vor wenigen Wochen eingetragene Label „studio.drei“ – und das hat bereits einen Designpreis gewonnen. Dabei wollte es das Trio doch eigentlich langsam angehen lassen.
Kennengelernt haben sich die drei kreativen Köpfe an der Pforzheimer Hochschule. Doch eigentlich hätten sich die beiden jungen Männer – beide aus dem Raum Heilbronn – bereits vor dem Studium der Visuellen Kommunikation am Berufskolleg begegnen können. Und anfangs war es auch mehr eine Spielerei, an Keramiktassen herumzutüfeln, so Winter. Während Hecker im Rahmen ihres Studiums „Schmuck und Objekte der Alltagskultur“ durch Professorin Christine Lüdeke mit der Brenntechnik Raku – was so viel wie „Freude“ bedeutet – in Berührung kam, profitiert Servetti davon, dass er schon als kleiner Junge viel Zeit in der Porzellanwerkstatt seiner Mutter verbrachte. Die Keramikerin wurde 2016 mit dem Staatspreis ausgezeichnet. Einen Preis kann nun auch der Sohn vorweisen. Bei der Designmesse „Blickfang“ in Stuttgart wurde „studio.drei“ am vergangenen Wochenende mit dem Designpreis in der Kategorie „Möbel und Produktdesign“ ausgezeichnet. Der kam überraschend.
Heckers Mutter wiederum ist es, deren Garten in Niefern-Öschelbronn für die Produktion von Schalen, Bechern und Vasen herhalten muss. „Aufgrund der starken Rauchentwicklung kann das Brennen nur im Freien stattfinden“, erklärt Servetti. Und die Technik braucht viel Zeit: Rot glühend werden die Stücke bei fast 1000 Grad aus dem Ofen geholt und in brennbare Materialien wie Sägespäne, Heu und Laub gebettet. Entflammen die, lagert sich Kohlenstoff in der Keramik ab und färbt diese grau und schwarz. Auch wenn das Muster durch eine Glasur beeinflusst werden kann: Das Ergebnis ist nicht planbar. „Wir können nur die Richtung vorgeben“, so Servetti. „Am Ende ist jedes Stück eine Überraschung.“ Und ein Unikat.
Die Kunden, die seit wenigen Tagen auch im Onlineshop bestellen können, „haben also ein ähnliches Gefühl beim Auspacken, wie wenn wir den Ofen öffnen.“ Der Holzofen ist längst einem elektrisch betriebenen gewichen. Auch dies, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Daneben entwickeln die Designer Schmuck: kombinierbare Stapelringe aus Acrylglas und Edelstahl etwa, deren Form an Nierentische erinnert. Oder in Silber gegossene Motive, bei denen sie sich in der Natur bedienen – Heidelbeeren, Gewürznelken, Apfelkerne und Lärchenzapfen. Einen Werkstattplatz hat Hecker im Atelier von Claudia Geiger gefunden. „Wir wollten uns nicht auf eine Sache festlegen“, sagt Hecker, die mittlerweile einen Lehrauftrag für Keramik an der Hochschule hat. Und auch mit Keramik und Schmuck allein ist es nicht getan. So haben die Drei jüngst einen Wandkalender gestaltet, Glasvasen folgen.
„Sprudelndes Ideenlager“
Eine klare Entscheidung ist indes, auch nach dem Studium in Pforzheim zu bleiben. Neben der guten Infrastruktur für die Schmuckproduktion hat die geräumige Altbauwohnung eine Rolle gespielt, die das Trio vor einem Jahr bezogen hat. Seither wohnen und arbeiten sie zusammen. Wie die Gefäße, aus denen sie während des Gesprächs trinken, bringt jeder seine Note mit. Andreas Winter, der sich eher zurückhaltend gibt, sorgt für die nötige Ruhe im Trio. Quimey Servetti, gelernter Mediengestalter, liebt es, zu experimentieren, und ist laut Marleen Hecker ein „sprudelndes Ideenlager“. Die 26-Jährige wiederum gibt dem Prozess die nötige Struktur. Da kommt ihr die Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte zugute.
Nachdem sie im vergangenen Winter bei Minusgraden ihre Tassen produzieren mussten, um diese im Frühjahr auf der „Blickfang“ in Hamburg präsentieren zu können, haben sie nun den Sommer über gebrannt, um das Lager aufzufüllen. Denn die Kälte war nicht nur der Gesundheit wenig zuträglich. Insgesamt neun Messeauftritte stehen in den Wintermonaten an. Kaum von der „Blickfang“ in Wien und Stuttgart zurück, ist „studio.drei“ dieses Wochenende bei der „Potentiale“ in Feldkirch.
Doch auch an ihrer Wirkungsstätte würden sie sich gerne öfter präsentieren – so wie unlängst im Schaufenster des Feinkostgeschäfts „Cigale“. Die Suche nach einem geeigneten Leerstand lief bislang jedoch ins Leere. Apropos Leerstand: Servetti zeigte 2018 seine Bachelorarbeit im früheren Pop-up-Café am Marktplatz, im ehemaligen „Betten-Jost“ stellte er 2017 ein Konzept für ein Designfestival vor. Aus der Idee geworden sei allerdings nichts. „Es wird viel mit und für die Stadt gedacht und geplant, aber wenig von ihr angenommen“, kritisiert er. Dabei ist er überzeugt, es müsste gar nicht viel kosten: „Man müsste den jungen Leuten nur einen Raum bieten und sie machen lassen.“ Mehr Absolventen würden bleiben, wenn sie hier mehr gefördert und wertgeschätzt würden, ist auch Winter überzeugt. Es sei ja schön, wenn die Stadt mit OB Peter Boch familienfreundlicher werden wolle. „Doch man muss auch hier bleiben und Kinder bekommen wollen“, findet Servetti. „Eine Hüpfburg auf einer Veranstaltung allein hilft da wenig.“ Aktuelles Beispiel: Das Kollektiv „Poppinski“, das mehrfach einen Laden auf Zeit in Pforzheim bespielt hatte, ist unlängst in Esslingen sesshaft geworden. „studio.drei“ will bleiben – vorerst.
Der Designpreis
„studio.drei“ wurde neben Schmuckdesignerin Johanna Otto – ebenfalls Absolventin der hiesigen Hochschule – als beste Aussteller der „Blickfang“ Stuttgart ausgezeichnet. Damit ehrte die Jury zwei junge Labels, „deren Arbeiten besonders ins Auge gestochen sind“. „studio.drei“ überzeugte in der Kategorie „Möbel & Produktdesign“ mit den Porzellanarbeiten. Wer die Arbeiten von „studio.drei“ kennenlernen möchte, hat bei den Offenen Ateliers heute und morgen in Pforzheim oder beim Weihnachtsmarkt in Maulbronn in einem Monat die Gelegenheit dazu.
