Die große Kunst der kleinen Überheblichkeit: Max Raabe im CongressCentrum
Pforzheim. Der Abend beginnt im Dunkeln: Max Raabe steht auf der Bühne des ausverkauften CongressCentrums Pforzheim, als er zu singen beginnt – erst dann erfassen ihn die Scheinwerfer. Es ist ein kleiner Trick, aber er verrät viel über die Präzision, mit der dieser Künstler und sein Palast Orchester ihren Auftritt denken. Kein Detail ist dem Zufall überlassen.
Hier sitzt alles
Zwölf Musiker im Smoking, ein Mann im schwarzen Samtsakko, 30 Lieder, die aus einer anderen Zeit stammen und dennoch so frisch klingen, als wäre die Weimarer Republik gerade erst zu Ende gegangen. Das Programm heißt „Hummeln streicheln“, und wer das für einen harmlosen Titel hält, kennt Raabe nicht. Die zärtliche Absurdität dieser Wörter ist das genaue Versprechen des Abends: Hier wird niemand mit dem Holzhammer bearbeitet. Alles sitzt, aber so leicht, dass man kaum merkt, wie präzise gezielt wurde. Die Lichtregie folgt dem ganzen Abend lang jeweils dem, der gerade spielt – Solist oder Gruppe, der Rest versinkt im Schatten. Das Ensemble wird so selbst zur dramaturgischen Figur, nicht zur Kulisse. Raabe steht dabei stocksteif vor dem Mikrofon, die Miene unbewegt, allenfalls eine leicht hochgezogene Augenbraue verrät, dass er weiß, was er tut. Seine Stimme, nasal und von einer köstlichen Überheblichkeit, bewegt sich mühelos zwischen Bariton und Falsett – letzteres eine Kunstform, die er so beiläufig einsetzt, dass man vergisst, wie schwer das ist. Dazwischen führt er als Conférencier durch den Abend – mit Wortwitz, der sich nie aufspielt, und einem Humor, so subtil, dass er erst eine Sekunde später landet.
Blubbernde Trompeten
Es ist ein Frühlingsabend in Pforzheim, also darf „Veronika, der Lenz ist da“ nicht fehlen, und fehlt auch nicht. „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ von 1928 trägt Raabe wie einen Brief vor – der Text gesprochen, der Refrain gesungen, Violine und Trompete abwechselnd eingewoben. Bei „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“ tauchen die Trompeter ihre Instrumente in eine kleine Wanne mit Wasser, der Ton blubbert schräg, das Publikum jubelt. Bei „Das Nachtgespenst“ hetzt Raabe im Parlando durch den Text, während das Orchester sich in irrer Klangmalerei ergeht. Und bei „Salome“ von Robert Stolz zieht eine Karawane durch den Konzertsaal – orientalische Klänge, bittere Verse, der Abend berührt ironisch das Ernste. Das Ensemble beherrscht jeweils mehrere Instrumente, spielt ohne Dirigenten, als hätte es nie einen gebraucht. Das Palast Orchester ist nicht Begleitung – es ist der zweite Hauptdarsteller des Abends, und ein sehr überzeugender.
Der Funke springt über
Im zweiten Teil erscheinen die Musiker in weißen Smokings, Raabe im Frack. Als hätte der Abend beschlossen, sich noch einmal zu steigern. Das Publikum – jung und alt, bunt gemischt, ganz offensichtlich glücklich – folgt ihm bereitwillig. Am liebsten würde man die Stühle des Konzertsaales wegräumen und das Tanzbein schwingen, wenn Walzer, Tango und Foxtrott durch den Saal wehen.
Den Abschluss macht, wie angekündigt, „Mein kleiner grüner Kaktus“ – denn Raabe hat es von Beginn an versprochen: Es geht an diesem Abend um Liebe, Leidenschaft und Topfpflanzen. Das Publikum erhebt sich. Drei Zugaben. Dann die Frühlingsnacht: Der Lenz ist da!
